Kino

Faszinierende Tanz-Doku "Dancing Pina": Neue Vokabeln lernen

In "Dancing Pina" werden zwei tolle Choreografien von Pina Pausch einstudiert – in der Semperoper in Dresden und in einer Tanzschule bei Dakar

Eigentlich hätte der Film nur drei Minuten lang werden sollen: Ein kurzer, knackiger Beitrag über das Pina Bausch Archiv in Wuppertal, finanziert von der Kunststiftung NRW (Nordrhein-Westfalen). Das Pina Bausch Archiv besteht aus einer Materialsammlung, die die bahnbrechenden Arbeiten der berühmten deutschen Choreografin Pina Bausch und dem Tanztheater Wuppertal dokumentieren – mit Theaterbroschüren, Video-Kassetten und Fotos: „Das Archiv ist ein spannender Ort“, erzählt Regisseur Florian Heinzen-Hiob im Gespräch: „Es birgt einen richtigen Schatz. Aber filmisch ist es nicht sehr interessant.“

Wer will schon Schränke mit grauen Boxen abfilmen? Und was hat das alles mit Tanz zu tun?

Im Zuge seiner Recherchen erfuhr Heinzen-Ziob von Pina Bauschs Sohn Salomon, dem Leiter der Pina Bausch Foundation, von zwei aktuellen Projekten: In der Semperoper in Dresden wurde gerade Pauschs Choreografie von Christoph Willibald Glucks Tanzoper „Iphigenie auf Tauris“ einstudiert; und in der École des Sables, einer Tanzschule südlich von Dakar, probten Tänzer und Tänzerinnen aus ganz Afrika Bauschs Inszenierung von Strawinskys „Das Frühlingsopfer“. „Da machte es Klick“, erinnert sich der Filmemacher: „Mir kam die Idee, die Projekte zusammen zu führen und daraus einen Film zu machen.“

„Dancing Pina“ (ab Freitag im Kino) dokumentiert eindrucksvoll und formschön in langen, charismatischen Einstellungen die Erarbeitung der beiden Stücke in ihren jeweils höchst unterschiedlichen, kulturellen Kontexten: In Dresden beobachtet Heinzen-Ziob, wie die südkoreanische Solistin Sangeun Lee in erschöpfenden Proben mit der Rolle der Iphigenie kämpft. Angeleitet wird sie von der Choreografin Malou Airaudo, die selbst noch unter der Leitung von Pina Bausch am Tanztheater Wuppertal gearbeitet hat. Auch die afrikanische Tanzgruppe im Senegal, die „Das Frühlingsopfer“ probt, wird von einer Pina-Bausch-„Originaltänzerin“, der Australierin Josphine Ann Endicott, eingewiesen.

Studiert die Rolle der Iphigenie ein: Solistin Sangeun Lee in "Dancing Pina"

©Polyfilm

Erinnerungen an Pina

Beim Einstudieren der Choreografien lassen die Tänzerinnen ihre Erinnerungen an Pina Bausch aufleben; ihre Erzählungen sind nicht nur privat und berührend, sondern machen die Neuinszenierungen umso aktueller. Völlig unterschiedliche Zugangsweisen – aus dem Ballett und aus afrikanischen Tanztraditionen – verbinden sich zu einer faszinierenden Suche nach einer unbekannten Grammatik. In den Worten von Sangeun Lee: „Das Werk von Pina Bausch ist, wie neue Vokabeln lernen.“

Mit diesen neuen Vokabeln sollen die Tänzer und Tänzerinnen ihre eigene Geschichte erzählen. Für die nigerianische Tänzerin Gloria Ugwarelojo Biachi, die die Titelrolle des „Frühlingsopfers“ übernimmt, wird ihr frenetischer Tanz zum Ausdruck ihres persönlichen Leids, zerrissen zwischen dem Wunsch, als Tänzerin zu arbeiten und dem Druck seitens der Familie, zu heiraten und Kinder zu bekommen: „Am Ende sieht man Pinas Choreografie von ,Frühlingsopfer‘, aber man sieht auch Glorias Geschichte“, sagt Florian Heinzen-Ziob: „Dadurch wird das Stück so lebendig.“

Tänzerin Gloria Ugwarelojo Biachi in der Titelrolle in "Das Frühlingsopfer": "Dancing Pina"

©Polyfilm
Alexandra Seibel

Über Alexandra Seibel

Alexandra Seibel schreibt über Film, wenn sie nicht gerade im Kino sitzt.

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