Filmkritik zu "Wie im echten Leben": Eine Journalistin geht als Putzfrau undercover

Juliette Binoche spielt eine Journalistin, die bei einer Putztruppe anheuert. Packend verfilmt von Schriftsteller Emmanuel Carrère.

Sie sind dynamisch, tatkräftig, fröhlich und teamfähig? Dann eignen Sie sich am besten zur Putzfrau. Ja, diesen Beruf gibt es noch. Raumpflegerin sagt heute kein Mensch mehr.

Aber auch Putzen will gelernt sein. Ein Seminar für Einsteiger und Einsteigerinnen erklärt die Grundbedingungen: Freundlich grüßen und immer schön Danke sagen. Die Putzmaschine heißt nicht umsonst „das Monster“.

Marianne Winckler, eine Frau in den Fünfzigern, hat sich unter die Arbeitslosen gemischt. Auch sie sucht einen Job und bekommt ihn schließlich im Fährhafen der nordfranzösischen Stadt Caen. Dort reiht sie sich in die Putztruppe schwerarbeitender Menschen. Im Affentempo werden Betten überzogen und verdreckte Klos geputzt. Die Arbeit beginnt im Morgengrauen und endet im verschleißenden Schichtbetrieb.

Falsche Identität

Marianne macht sich bei der Arbeit Notizen, was eine Kollegin humorig kommentiert. Tatsächlich aber ist Marianne eine Journalistin mit falscher Identität: Sie gibt sich als Putzkraft aus, um ins echte Leben jener zwölf Prozent der französischen Bevölkerung einzutauchen, die sich mühselig von einem befristeten Job zum nächsten hanteln.

Putzfrauen im Prekariat in der nordfranzösischen Stadt Caen: "Wie im echten Leben"

©Filmladen

Die französische Journalistin Florence Aubenas ging als Putzfrau undercover und schrieb – wie einst Günter Wallraff – über ihre Erfahrungen einen Bestseller. Verfilmt wurde er nun von Emmanuel Carrère, einem ebenfalls sehr erfolgreichen Autor: Sein letzter Roman „Yoga“ lag heuer als Verkaufsschlager in den Buchgeschäften auf. Auch Carrère nimmt in seinen Büchern schonungslos Lebensrealitäten in den Blick und erwies sich als trefflicher Regisseur. Juliette Binoche, die Aubenas’ Buchverfilmung zu ihrem Herzensprojekt erklärte, spielt Marianne und mischt sich unauffällig in die Putzkolonne. Als einzige professionelle Schauspielerin unter Laien verschmilzt sie mit ihrer Umgebung und überzeugt als arbeitssuchende Ex-Hausfrau. Mit beinahe dokumentarischem Blick folgt Carrère den zermürbenden Arbeitsvorgängen, ohne jemals in die Sozialtristesse abzugleiten.

Marianne freundet sich mit einer jungen, alleinerziehenden Mutter an, die nichts von ihrem Doppelspiel ahnt. Ein Hauch von Thriller umweht die Beziehung zwischen den beiden Frauen, von denen eine die andere mit ihrer Lebenslüge betrügt – und jederzeit auffliegen kann. Irgendwann beginnt sich die Kluft zwischen der Vertreterin der Pariser Kulturelite und ihrem „Studienobjekt“, der Putzfrau im Prekariat, gähnend zu öffnen.

INFO: F 2021. 106 Min. Von Emmanuel Carrère. Mit Juliette Binoche, Hélène Lambert.

Freundschaft unter falschen Bedingungen: Juliette Binoche (re.) und Hélène Lambert in "Wie im echten Leben"

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Alexandra Seibel

Über Alexandra Seibel

Alexandra Seibel schreibt über Film, wenn sie nicht gerade im Kino sitzt.

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