Die vielfältige Geschichte hinter der sagenumwobenen Seidenstraße

Georg Leyrer

von Georg Leyrer

Reichtum und Raubbau, Handel und Mythen: Die Ausstellung „Staub & Seide“ zur Geschichte der Seidenstraße im Weltmuseum.

Die Eisenbahn fährt die Stahlstraße entlang, singt der Mann, und es klingt wie das Auftragswerk einer abgehalfterten Kommunistischen Partei an die deutsche Band Kraftwerk: Eine schwere Hymne an die Technologisierung des Transports.

Wenn man auf dieses Video stößt, ist man durch die halbe „Staub & Seide“-Ausstellung gegangen. Man hat die riesigen Räume zwischen China und Europa vor Augen, die all die heutigen –Stans (Afghani-, Paki-, Kasach-...), Russland und den arabischen Raum umspannen. Und ist ratlos: Mit der Eisenbahn, okay, da lässt sich das schon abfahren. Aber wie ging sich das mit Kamelen oder Pferden in einem Leben aus?

Es ging sich aus, und wie. Die Seidenstraße – es sind Seidenstraßen, Mehrzahl, betont die Kuratorin Maria-Katharina Lang – war ein globalisiertes Handelsnetzwerk, Jahrhunderte bevor es noch Stahlstraßen oder chinesische Milliardeninfrastrukturprojekte gab. Seide, Äpfel, Goldgewänder für europäische Herrscher, die sich das leisten konnten (siehe nächstes Foto) Tee, Porzellan, Jade wurden hier transportiert und in mythenumwobenen Städten wie Samarkand oder Tbilissi unterwegs gehandelt.

©KHM-Museumsverband

Man kommt nicht so recht los vom eurozentristisch eingeübten Bild, dass die Seidenstraße zwischen zwei Weltmächten, China und Europa, durch ganz viel Nichts führt. Die Schau zeigt, dankenswerterweise, dass das nie stimmte.

Allein, weil China reicher war als Europa (der Kreis schließt sich). Weil es auch unterwegs immensen Reichtum gab, nicht nur an Rohstoffen: Es gab, wie immer an Handelsrouten, regen kulturellen Austausch. Sprachen verschmolzen, Kleidungsstile wurden international, Gewürze veränderten die Speisen.

©KHM-Museumsverband

Im Weltmuseum gezeigt werden Seide und Gold, Porzellan und Kunst. Etwa auch aus dem Gebiet der einst frischt eroberten „neuen Grenze“ Chinas, chinesisch: Xinjiang. Dort, wo heute China die Uiguren in einer brutalen Umerziehung ihrer Kultur beraubt, trafen sich einst die islamische und die chinesische Ästhetik, man beeinflusste und imitierte einander. Das Ergebnis fasziniert bis heute.

Anhängsel

Es gibt in der Schau auch zeitgenössische Kunst. Und ein Video von jener Staublandschaft, die der heutige Rohstoffabbau hinterlässt. Die Lastwagen mit den abgebauten Schätzen fahren übrigens nur in eine Richtung, sagt Lang: Richtung China.

©Maria-Katharina Lang

Das Thema, es könnte nicht aktueller sein: China greift mit Gelddiplomatie und der gewaltigen, wenn auch ins Stocken geratenen „Belt&Road“–Straßen- und Schienenbauinitiave nach alter Macht. Europa? Von China aus gesehen ist man ein kontinentales Anhängsel weit weg im Nordwesten, am Ende der Stahlstraße.

Georg Leyrer

Über Georg Leyrer

Seit 2015 Ressortleiter Kultur und Medien, seit 2010 beim KURIER, seit 2001 Kulturjournalist. Zuständig für alles, nichts und die Themen dazwischen: von Kunst über Musik bis hin zur Kulturpolitik. Motto: Das Interessanteste an Kultur ist, wie sie sich verändert.

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