Filmfestival

Cate Blanchett in Venedig: Talente fördern und erotische Gegenleistungen erwarten

Filmfestival Venedig: Cate Blanchett spielt in "Tár“ eine toxische Dirigentin, Lars von Trier kehrt (fast) mit "Kingdom Exodus“ zurück

Das Festival von Venedig ist das einzige große, internationale Filmfestival, das auch während der letzten beiden Pandemiejahre vor Ort stattgefunden hat. Im Zuge der Sicherheitsvorkehrungen wurde eine weiße Wand vor dem Filmpalast aufgestellt, um gaffende Menschenansammlungen zu vermeiden. Nun ist die Sicht auf den Roten Teppich wieder frei: Ungehindert kann man Fan-Gruppen bilden und Stars dabei zuschauen, wie sie zu den Premieren schreiten. Cate Blanchett, zum Beispiel.

Sie traf mit Regisseur Todd Field und ihrer Kollegin, der deutschen Schauspielerin Nina Hoss, auf dem Lido ein, um ihren neuen Film „Tár“ im Wettbewerb zu präsentieren. Das Drama ist schon insofern bemerkenswert, als es das Dauerbrenner-Thema „toxisches Arbeitsumfeld“ von ungewohnter Seite aufrollt. Es ist nicht von „toxischer Männlichkeit“ die Rede, sondern von „toxischer Weiblichkeit“ – und zwar im Bereich der klassischen Musik.

Blanchett brilliert als Lydia Tár, eine begnadete Dirigentin, Komponistin und Lehrerin. Sie ist die Chefdirigentin eines großen deutschen Orchesters – Teile des Films wurden in Dresden gedreht – und setzt selbstbewusst ihre Macht bei künstlerischen und geschäftlichen Entscheidungen ein.

Andere Meinungen lässt sie nicht gelten: Einem ihrer Studenten, der – zugegebenermaßen etwas kläglich – erklärt, er möge Johann Sebastian Bach nicht, weil er misogyn gewesen sei und zwanzig Kinder gezeugt hätte, fährt sie so fulminant über den Mund, dass er die Klasse verlässt. Vielleicht ist Lydia Tár mit ihrer Meinung im Recht, aber die Stimmung ist schlecht.

Zudem wird nach und nach klar, dass die Dirigentin, die in einer Beziehung mit einer Geigerin (Nina Hoss) lebt, junge Frauen nicht nur aufgrund ihrer Talente fördert, sondern dafür auch erotische Gegenleistungen erwartet. Elegant entwirft Regisseur Todd Field das kühle und komplexe Bild einer Frau, deren Gefühle vom Machttrieb überlagert werden und sie selbst und ihre Umgebung vergletschern. Für den exzellenten, dynamischen Schnitt zeichnet übrigens die österreichische Editorin Monika Willi verantwortlich, bekannt vor allem durch ihre Zusammenarbeit mit Michael Haneke.

Geister

Er selbst ging zwar nicht persönlich über den Roten Teppich, feierte aber trotzdem ein Comeback: Lars von Trier präsentierte eine fünfstündige Fortführung seiner Krankenhausserie „Geister“, von der in den 1990er-Jahre zwei Staffeln erschienen. In „The Kingdom Exodus“ setzt der Regisseur seine verkultete Soap-Opera-Horror-Serie unter „Twin Peaks“-Einfluss fort, bringt Schauspiel-Personal von damals aus dem Kopenhagener Hospital vor seine Handkamera und erfreut die Fan-Gemeinde mit Insider- und Schweden-Witzen. Bei der Pressekonferenz wurde Lars von Trier, der mit einer Parkinson-Erkrankung diagnostiziert wurde, per Video zugeschaltet: „Ich denke, es geht mir gut“, sagte der Däne, berühmt für seinen schrägen Humor: „Ich fühle mich besser, aber auch ein bisschen dümmer als bisher. Und das sagt einiges.“

Alexandra Seibel

Über Alexandra Seibel

Alexandra Seibel schreibt über Film, wenn sie nicht gerade im Kino sitzt.

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