Buchkritik: Prinz Harrys Autobiografie - Shakespeare ist er keiner

Der Herzog von Sussex über nicht verarbeitete Kindheitstraumata, die in einen offenen Bruder-Konflikt samt kaputtem Hundenapf mündeten.

Prinz Harry lagert Schwangerschaftstests neben einer Schachtel mit Haaren seiner Mutter. Prinz Williams Glatze wird größer. Meghan Markle ist ein Zauberwesen und singt mit Seehunden. Brautjungfernkleider sind infernalisch. Herzogin Kate möchte ihr Lipgloss nicht verborgen.

Der zweite Sohn von König Charles III, Prinz Harry, hat seine Autobiografie geschrieben. Oder, wenn man so will, einen autobiografischen Roman. Die eingangs erwähnten Themen nehmen darin mehr oder weniger breiten Raum ein.

Zitiert

„Vielleicht war sie aus demselben Grund allgegenwärtig, der sie auch so unsterblich machte – weil sie Licht war, pures, strahlendes Licht.“  
Der Autor über seine verstorbene Mutter

„In Balmoral gab es fünfzig Schlafzimmer, von denen man eines für Willy und mich geteilt hatte (...) Willy hatte die größere Hälfte.“
  ... über die höfische Zimmeraufteilung

„Willy war nun mal der Thronfolger, der Heir, während ich der sogenannte Spare war, der Ersatzmann, die Reserve.“
 ... über die Thronfolge

„Ich landete auf dem Hundenapf, der unter meinem Rücken brach, sodass ich mich an den Bruchstücken schnitt. “
 ... über  eine Auseinandersetzung mit dem Bruder

„Du musst jetzt pressen, mein Schatz.“
... im Gespräch mit seiner in den Wehen liegenden Gattin.

Die Frage, wo die Grenze zwischen Biografie und Roman genau zu ziehen ist, ist uralt. Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune schrieb 1975 von einem „autobiografischen Pakt“ zwischen dem Schöpfer und dem Rezipienten einer Autobiografie, der nahelege, der vorliegende Text beinhalte, ebenso wie eine wissenschaftliche Arbeit, überprüfbare Informationen über das Leben des Autors. Allerdings räumt er ein, dass Faktoren wie Erinnerungslücken es erschweren können, die eigene Lebensgeschichte aufzuzeichnen.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich nun jenes Buch, mit dem Prinz Harry Interessierte an seinem und dem Leben der Mitglieder des Königshauses teilhaben lässt. Und zwar „akkurat und wahrheitsgetreu“. Die als solche deklarierte Autobiografie des Herzogs von Sussex enthalte „seine Worte, seine Geschichte“, schickt der Verlag voraus. Eine unpräzise Angabe. Die Worte stammen zumindest zum Teil von Pulitzer-Preisträger J.R. Moehringer, der bereits über einen populären amerikanischen Bankräuber geschrieben hat.

Der Reserve-Thronfolger

Erste Hinweise, was den Leser in dem 512 Seiten dicken Kompendium, das fünf Übersetzer beansprucht hat, erwartet, liefern die dem Buch vorangestellten Worte des US-Romanciers William Faulkner: „Das Vergangene ist niemals tot. Es ist nicht einmal vergangen.“ Therapeuten könnten da hellhörig werden. Nicht zuletzt, weil das Werk der Frau, den Kindern und der Mutter des Autors gewidmet ist, die bei einem Autounfall ums Leben kam, als dieser erst zwölf war. Er wird auf diesen traumatisierenden Verlust ausführlich eingehen sowie seine Gattin mehrmals mit seiner Mutter vergleichen. Auch die wiederholten Hinweise auf Rivalitäten zwischen ihm und seinem Bruder versprechen Analysemöglichkeiten. Etwa hinsichtlich eines Neidkomplexes: Der Autor ist schließlich nur der „Reserve-Thronfolger“. Bei einem Besuch bei Bruder und Schwägerin müssen Harry und Gattin angesichts des präsentierten prächtigen Interieurs an ihre armseligen „Ikea-Lampen“ und das im „Sonderangebot“ erstandene „Billigsofa“ denken (S. 424).

Prinz Harry: „Reserve“
Mitarbeit: J.R. Moehringer. Penguin.
512 Seiten. 27,50 Euro 

©Verlag

Inhaltlich kreist die Erzählung vor allem um die Probleme der Königsfamilie mit der Presse und das damit verbundene menschliche Leid. Der rote Faden: Ähnlich wie die Mutter des Autors werde nun auch dessen Gattin medial verfolgt. Was den Spannungsbogen der Erzählung betrifft, hat das Buch ungünstige Startvoraussetzungen. Dramaturgische Höhepunkte wie Liebe, Tod oder Betrug kennt die Öffentlichkeit bereits. Daher müssen andere mögliche Spannungshöhepunkte überlegt werden. Etwa die Frage, ob der Avocadokonsum von Gattin oder Schwägerin besser medial dargestellt wird. Auch der Rat des Bruders zur Bartrasur wird dramatisch zugespitzt. Zum Ausgleich werden die Protagonisten etwas eindimensional dargestellt. Bruder und Schwägerin sind verhärmt, Gattin „Meg“ ein „Engel“. Der Vater, „Pa“ (der König, Anm.), ist vorrangig abwesend, die tote Mutter („Mummy“) ein „Stern“. Verstorbene Familienmitglieder kommen generell besser weg als lebende.

Der See war indigoblau

Fraglich ist, ob es eine gute Idee war, auf einen Pulitzer-Preisträger als Co-Autor zurückzugreifen. Der sprachliche Ausdruck wirkt stellenweise etwas gewollt literarisch und dadurch unglaubwürdig. So stellt der Autor vor einer Konfrontation mit Vater und Bruder fest, das Wasser im See sei „indigoblau“. Zum Ausgleich sind die Dialoge seicht wie in einer südamerikanischen Telenovela. Insgesamt hätten dem Buch Straffungen gutgetan, die Detailversessenheit erschwert den Lesefluss.

Service für alle, die sich nicht das ganze Buch antun wollen: Der vorab kolportierte Höhepunkt des Werks, bei dem der ältere Bruder den Autor zu Boden stößt (dabei zerbricht eine Hundeschüssel, der Autor ruft daraufhin seine Therapeutin an), befindet sich auf Seite 444.

Barbara Beer

Über Barbara Beer