Die Highlights der Vienna Art Week zwischen Industriehalle und Bordell

Florentina Welley

von Florentina Welley

Neben internationalen Größen wie Bruce Nauman und Cindy Sherman wird im House of Losing Control heimische Kunst erlebbar

Auf zum Kunstevent! Noch bis zum 19. November wird Kunst hautnah im House of Losing Control zum Abenteuer. Die VIENNA ART WEEK 2021 findet heuer unter dem Motto Losing Control statt. Allein das ist spannend, denn völlig losgelöst vom Gedanken eines White Cubes, zeigen sich in einem aufgelassenen Industriegelände im 20. Wiener Bezirk, samt Autohaus, Wohnhaus, Diskothek und Bordell, auf über 4.000 Quadratmeter neue Positionen zeitgenössischer Künstler aller Welt. Robert Punkenhofer, künstlerische Leitung, und Angela Stief, kuratorische Beratung, haben in nur drei Monaten Vorbereitungszeit eine Ausstellungsinszenierung geschaffen, die nicht nur dank ihrer Exponate, sondern auch wegen der Vielfalt und ihrem Kontext zu dieser außergewöhnlichen Location sehenswert ist.

twist peter sandbichler, vienna art week

©Wolfgang Thaler

Neben bekannten Größen wie Cindy Sherman und Bruce Naumann, sind vor allem die Arbeiten heimischer Künstler vielfältig und fantasievoll wie selten. Aus einem Dschungel aus Kunst, Performance und Industrie-Architektur, haben wir hier fünf Positionen herausgepickt, die leicht zu entdecken sind. Gleich in der großen ehemaligen Werkshalle schwebt eine 24 Meter lange Karton-Skulptur von Peter Sandbichler.

Peter Sandbichler / TWIST

twist peter sandbichler, vienna art week

©Florentina Welley

Der Tiroler hat gleich in der Eingangshalle die Riesenskulptur Twist installiert, die einem Riesenwurm, oder besser gesagt, einer Doppelhelix in Form einer hängenden Kartonspirale gleicht. "Was mich immer schon interessiert hat, und was man schon an sehr frühen Arbeiten sieht, ist mein Faible für die Übersetzung von der Zweidimensionalität in die Dreidimensionalität. Darum habe ich mich auch intensiv mit der Origamitechnik befasst", sagte Sandbichler vor seinem schwebenden Kunstwerk, das dank dieser Technik stabil bleibt und die Form behält. Twist ist 24 Meter lang und hat drei Meter Durchmesser. Die Skulptur aus recyceltem Karton zeigt auf der Oberfläche noch die ursprüngliche Industriebeschriftung mit schwarzer Tusche, des Grafik Novel Künstlers Hannes Hagen.

Direkt hinter TWIST, steht eine Ring-Skulptur aus Eisen, eine Sitz-Nicht-Sitz-Bank des Bildhauers Michael Kienzer.

Michael Kienzer / FORMFOLGE VOL.5

Michael Kienzer / FORMFOLGE VOL.5, vienna art week

©Florentina Welley

Der Grazer Künstler setzt das Motto Losing Control mit einer Skulptur aus Aluminium und Stahl um. "Hier wurden fünf unterschiedliche Elemente an den Enden kontinuierlich miteinander verbunden, dabei entsteht eine kreisförmige in sich geschlossene Folge, die vertikal aufgestellt wurde," so der Bildhauer der mit seiner Materialwahl auch immer eine Verbindung zu Alltagsgegenständen sucht. Die ringförmige Skulptur aus Eisen, lädt zwar mit seiner Sitzbank zum Verweilen ein, verhindert genau dies aber, durch die scharfen Kanten. Der obere gebogene Teil ist ein Aluminiumabguss eines breiten Baumstammes und erinnert an die Natur.

Dejana Kabiljo / SUGARCUBES, BUILDINGS, vienna art week

©Wolfgang Thaler

Draußen im Hofe des ehemaligen Autohauses, in der aufgelassenen Autowaschanlage, steht eine Mauer aus Zucker von Dejana Kabiljo. Sie erzählt diese Geschichte.

Dejana Kabiljo / SUGARCUBES, BUILDINGS

Angelehnt an das Lebkuchenhaus aus Grimms Märchen Hänsel & Gretel, hat die in Wien lebende Künstlerin aus Belgrad, eine Mauer aus Zucker errichtet. "Die einzelnen Bausteine wurden alle aus Zucker in Form gegossen. Die Mauer soll die Gier und das Wachstum der Immobilienhaie symbolisieren, mitsamt ihrer Maskulinität, die auch die Basis der Konstruktion selbst ist: Ziegelmacher, Baumeister, Elektriker, Installateure, Fußbodenleger, alle voll mit Testosteron. Und was füllt Testosteron und Muskelkraft wieder auf? Die Antwort ist Zucker!"

Hyper Heart von Hannah Neckel und Visionium von Vidya Gastaldon

©Florentina Welley

Quert man den Hof weiter in Richtung Wohngebäude, und steigt über eine verwinkelte Kellertreppe und einen Mauerdurchbruch hinüber in das alte Wohnhaus, gelangt man zum ehemaligen Bordell samt Diskothek. Hier leuchtet auch die Lichtinstallation von mutual loop.

mutual loop / VORTEX

Martina Trittharts und  Holger Langs dynamische Licht- und Rauminstallation im „House of Losing Control“ ist in einem kleinen Raum hinter den Lichtinstallation von Hannah Neckel, Hyper Heart und Vidya Gastaldon, Visionium, in einer ehemaligen Diskothek zu finden. Ihre Lichtschnüre spannen sich quer durch die Dunkelheit und symbolisieren Raum und Geschichte. Zusätzlich veranstalten die beiden Künstler Touren durch das nächtliche Wien unter dem Titel "nach.Leuchten". Im zweiten Bezirk, rund um die Czerningasse, kann man an geführten Touren teilnehmen, die Wiens Bezirksgeschichte anders beleuchtet. Bewappnet mit Laserpointern und Projektor, führt das Duo zu Häusern, Ateliers und Orten, zu deren Geschichte es jeweils ein Video an die Wände vor Ort projiziert. So erfährt man, dass Max Steiner, Johannes Brahms oder Richard Strauss einst hier wohnten oder dass am Ort des heutigen Renz-Hofs, einst Wiens größter Zirkus stand, mit über 10.000 Sitzplätzen.

©Florentina Welley

Von der Diskothek hinauf, über das Stiegenhaus des 1950er-Jahre Baus erreicht man ehemalige Wohnräume, in denen weitere Künstler und ihre Arbeiten zu entdecken sind. Das Leitsystem durch Stiegenhaus und die Stockwerke, sind Mauerdurchbrüche der AKT Architekten.

AKT, Durchbrüche und Inszenierungen in ehemaligen Wohnräumen, vienna art week

©Florentina Welley

AKT 5 / EINBRUCH

Spannende Ein- und Durchsichten hat der Verein für Architektur, Kultur und Theorie geschaffen. Als ortsspezifische Intervention haben sie in dem ehemaligen Wohnhaus aus den 1950er-Jahren, in dem auch eine Diskothek und ein Bordell untergebracht waren, Wände, Türen, Decken durchbrochen, und Blicke freigelegt, die durch ganze Stockwerke und unterschiedliche Wohnungen streifen können.

AKT 5 / Einbruch, vienna art week

©Florentina Welley

Spannend auch, weil so nicht nur die Bausubstanz frei gelegt wurde, sondern auch die Kontrolle menschlicher Bewegung im Raum sichtbar wird. Man sieht dorthin, wohin man ursprünglich nicht hinsehen durfte.

AKT, Durchbrüche und Inszenierungen in ehemaligen Wohnräumen, vienna art week

©Florentina Welley

Die Vienna Art Week im House of Losing Control ist noch bis 19. November geöffnet. Zusätzlich zu der Ausstellung auf dem ehemaligen Industriegelände, gibt es zahlreiche Side-Events wie Guided-Tours und Parcours zu Künstlerateliers und Ausstellungen in sämtlichen Galerien Wiens, sowie Talks und Performances.
House of losing control täglich geöffnet 14 bis 19 Uhr. Nordwestbahnstraße 53, Eingang Heistergasse 4 – 6, 1220 Wien

Vienna Art Week

House of Losing Control

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Florentina Welley

Über Florentina Welley

Mag. Florentina Welley ist seit 2006 bei der freizeit und schreibt über ihre Lieblingsthemen: Mode und Reise gemischt mit einer Prise Lifestyle im Zeitalter web 2.0 und Social Responsibilty. Sie kann und kennt so gut wie alles: Sie war beim Film, u.a. als Co-Produzentin für den österreichischen Spielfilm "Die toten Fische", in der Werbe- und Medienbranche für Konzepte, Texte und Modeproduktionen, machte Styling, Regieassistenz, Ausstattung und Kostümbild. Und war Modechefin bei WOMAN, ehe sie zur freizeit wechselte. Ach ja, und dann konzipierte die Journalistin Modeproduktionen für die freizeit und macht als Freelancer Kunst- und Design-Events und mehr. Ihre Themenschwerpunkte bei der freizeit sind Mode, Reise, Lifestyle, Design, Kunst.

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