Werden alle Hürden auf dem kindlichen Lebensweg beseitigt, bleibt die emotionale Entwicklung des Nachwuchses auf der Strecke.

Rasenmäher-Eltern: Im Eifer der Überbehütung

Kindererziehung mit Folgen: Was der Verlust von Frusterfahrungen mit Kindern macht.

Niemand verfolgt die britischen Royals mit so viel Akribie wie die englische Klatschpresse. Auch die Erziehungskonzepte von Kate und Co. bleiben nicht unkommentiert. Im Daily Express bezeichnete ein Eltern-Coach Herzogin Meghan vor einiger Zeit als "lawnmower mother" – "Rasenmäher-Mutter". Doch was ist damit genau gemeint?

Der Begriff geht auf das Jahr 2019 zurück. Damals kam in den USA der Bestechungsskandal um Zulassungen zu Elite-Universitäten ans Licht. Um einen Studienplatz für den Nachwuchs zu ergattern, zahlten Promi-Eltern wie Felicity Huffman und Lori Loughlin Millionen an dubiose Studienvermittler. Diese bestachen Universitätsmitarbeiter, fälschten Tests oder erfanden Sportlerkarrieren. Wie Rasenmäher räumten besagte Mütter und Väter potenzielle Hindernisse im Leben ihrer Kinder aus dem Weg, um die Weichen für deren Erfolg zu stellen. Im Unterschied zu Helikopter-Eltern, die überfürsorglich kontrollieren, aber nicht unbedingt aktiv eingreifen.

Das Phänomen der kompromisslosen Überbehütung kennt auch Familienberaterin Margit Dechel: Es gebe Mütter, "die mit einem Polster hinter ihrem Kind herlaufen", schildert sie. "Wenn es die ersten Schritte macht, soll es nicht auf den Boden plumpsen." Manche erledigen die Hausaufgaben der Sprösslinge, um ihnen Misserfolge und Enttäuschungen zu ersparen, andere stürmen den Sandkasten und regeln voreilig sämtliche soziale Situationen. Ein Ausdruck elterlicher Angst, "dass das Kind irgendeine Form von Schmerz erfahren könnte".

"Wenn negative Gefühle für Eltern selbst Chaos bedeuten, ist es natürlich, dass sie ihr Kind davor schützen wollen."

Margit Dechel Familienberaterin

Gelernte Hilflosigkeit

Für die Kinder bleibt das nicht ohne Folgen: "Typische Auswirkung ist Unselbstständigkeit. Das kann so weit gehen, dass das Kind nicht ansatzweise fähig ist, Probleme zu bewältigen – weil das immer die Eltern gemacht haben", erklärt Dechel. Die Kinder erleben sich nie als selbstwirksam. Fehlende Problembewältigungsstrategien sowie mangelnde Eigenverantwortung und Emotionskompetenz nähren einen geringen Selbstwert. "Manchmal muss noch im Erwachsenenalter jemand herhalten, der Probleme für einen löst – in Beziehungen oft der Partner oder die Partnerin, was zu schwierigen Dynamiken führen kann."

Psychische Probleme wie Depressionen kommen bei Rasenmäher-Kindern besonders häufig vor, weil der eigene Antrieb, etwas zu leisten, fehlt. "Man ist nie stolz auf oder zufrieden mit sich", beschreibt Dechel. Kompletter Rückzug bis Rebellion und Verweigerung: Dass etwas falsch läuft, erkennen Eltern in der Regel am Verhalten der Kinder, das aus dem Rahmen fällt.

Natürlich schaden Rasenmäher-Eltern ihren Töchtern und Söhnen nicht absichtlich. "Das Gefühl der Angst ist zentral", sagt Dechel. Oft gibt es von elterlicher Seite Erwartungen an das Kind – gute Leistungen in der Schule, aber auch gutes Sozialverhalten. "Es wird alles daran gesetzt, dass das Kind diese Erwartung erfüllen kann, da es sonst unglücklich werden könnte." Die zweite dominante Angst ist, von den eigenen Kindern nicht geliebt zu werden, wenn man nicht Tag und Nacht für sie da ist. "Das betrifft meist Eltern mit Selbstwertproblemen, die ihre Kinder brauchen, um sich wertvoll zu fühlen."

Die US-Entwicklungspsychologin Nicole Perry hat die Auswirkungen eines überfürsorglichen Erziehungsstils in einer Langzeitstudie untersucht. Betroffene Kinder neigen eher dazu, in der Schule den Unterricht zu stören oder allgemein verhaltensauffällig zu werden. Auch die sozialen Kompetenzen leiden: Es fällt oft schwerer, Freundschaften zu knüpfen.

Wie Eltern erkennen, dass etwas falsch läuft, und wo sie professionelle Hilfe finden

Warnsignale. In den allermeisten Fällen ist es das Verhalten des Kindes, das auf Erziehungsprobleme hindeutet. "Als Reaktion auf Rasenmäher-Eltern können Kinder  im Teenager-Alter Rückzugstendenzen zeigen, die sich bis hin zu einer Depression entwickeln können", weiß Familienberaterin Dechel.

 

Auch das Gegenteil kann der Fall sein: "Rebellion und Verweigerung sind ebenso Alarmzeichen." Vergleichsweise selten zeigen Kinder Verhaltensauffälligkeiten im Volksschulalter: "Es gibt allerdings Kinder, die wieder einnässen, wenn der Druck von den Eltern zu groß wird."

 

Wenn Gespräche mit anderen Müttern und Vätern oder Ratgeber keine Entlastung bringen, sollte man sich professionelle Hilfe suchen. Die MA 11 bietet in Wien psychosoziale/rechtliche Beratung (01 4000-8011). Österreichweit organisieren Diözesen und Caritas Unterstützung familienberatung.gv.at

 

Auch die Die Wiener Kinderfreunde bieten thematisch breite Konflikt- und Lebensberatung kinderfreunde.at

Belastungsproben

Frusterfahrungen in der Kindheit sind wichtig, betont auch die Expertin: "Wir müssen lernen, wie wir uns nach negativen Erlebnissen wieder bestärken." Allerspätestens im Erwachsenenalter werden Gefühle sonst als riesige Bürde und Krisen als nicht bewältigbar erlebt. Wer seine Kinder in Frustmomenten begleitet, sie die entstandenen Gefühle aber erleben lässt, legt den Grundstein für emotionale Reife. "Wenn negative Gefühle für Eltern selbst Chaos bedeuten, ist es natürlich, dass sie ihr Kind davor schützen wollen. Kinder haben aber die Gabe, einen guten Umgang damit zu finden, wenn man sie lässt."

Was tun, wenn man das Rasenmäher-Verhalten bei sich bemerkt? "Die größte Schwierigkeit ist, sich einzugestehen, dass etwa falsch läuft. Ist dieser Schritt getan, kann man sich Hilfe suchen, um Wege aus dem Muster zu finden", sagt Dechel. Gerade Rasenmäher-Eltern schauen so sehr auf ihre Kinder und deren Bedürfnisse, dass kaum Aufmerksamkeit für die eigene Person bleibt.

"Eltern sollen achtsam mit sich selbst umgehen. Das ist das Beste, was wir für unsere Kinder tun können: bei uns selbst anfangen."

Marlene Patsalidis

Über Marlene Patsalidis

Gebürtige Linzerin, 2007 fürs Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft nach Wien gekommen – und geblieben. Nach Stationen bei der Tageszeitung Heute und dem Frauenmagazin miss seit 2016 beim KURIER tätig. Schwerpunktmäßig mit Gesundheits- und Wissenschaftsthemen befasst. Ausgeprägtes Interesse für den Menschen und was die Wissenschaft über ihn zutage fördert.

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