Zauberhaft: Ein Weekender an der südenglischen Küste

Vor 200 Jahren hat das Städtchen Winchester den britischen Dichter John Keats zu seiner „Ode an den Herbst“ inspiriert.

Überblick

Beste Reisezeit

Mai bis Juni und September bis Oktober

Währung

englische Pfund (GBP)
aktueller Kurs

Anreise

Flugzeit ab Wien: ca. 2 Stunden nach Heathrow

Von Anna-Maria Bauer

Als wir um die Kurve kommen, müssen wir anhalten. Die heckengesäumte Landstraße ist zu schmal für zwei Autos, wie so viele hier. Wir lassen den entgegenkommenden Pkw passieren, die Luft schmeckt nach Salzwasser, im azurblauen Herbsthimmel schreien Möwen. Und dann sehen wir… Aber das ist gar nicht unser erster Halt. Den Anfang machen die Esel. Zwei ausgewachsene Esel, uns den Rücken zugewandt, grasen je zwei Hufe am Straßenrand, zwei auf der Fahrbahn. Entspannt schlagen sie mit ihren Schweifen, scheinen nicht im Geringsten besorgt ob ihrer Sicherheit. Man bremst natürlich rechtzeitig ab – in diesem Fall zum Glück besonders frühzeitig, denn auf einmal preschen aus den Bäumen rechter Hand zwei Rehe, springen über die Landstraße und verschwinden panisch im Dickicht.

Ein Ereignis, das niemanden überrascht: „Watch out!“ steht in regelmäßigen Abständen am Straßenrand, „Animals on road day and night“ (dt. Aufpassen! Tag und Nacht Tiere auf der Fahrbahn). Bis zum Ziel werden noch eine Gruppe Wildpferde und zwei Fasane kurzzeitig den Weg versperren. Tierische Entschleunigung im New Forest.

Der Nationalpark, vormaliges königliches Jagdgebiet, ist heute die größte unerschlossene Landschaft im dicht besiedelten Süden Englands und Heimat von rund 5.000 Wildpferden sowie 200 Wildeseln. Sie sind nicht komplett frei, sie haben einen Besitzer, aber sie sind wild im Sinne von: uneingezäunt. Bei einer Reise nach Großbritannien fallen rasch die großen Namen: London, Manchester, Glasgow. Die Engländer selbst fahren an freien Tagen – vor allem wenn sich die Sonne zeigt – aufs Land. Für Londoner bietet sich die Grafschaft Hampshire mit ihren 370 Kilometern Küste und der langen maritimen Geschichte an. Die zwei großen Hafenstädte Southampton und Portsmouth befinden sich etwa hier und Englands erste Hauptstadt, Winchester, die heute mit ihren romantischen Häuschen und herausragenden Restaurants (etwa jenem vom TV-Koch Rick Stein) besticht.

Die historische Altstadt: Erinnerung an eine Zeit, als die Stadt beliebter Kurort war. Heute zieht sie Kreuzfahrttouristen, Schifffreunde und Literaturliebhaber an
 

©Getty Images/iStockphoto/Leonid Andronov/iStockphoto

Du Zeit der Nebel

Dass Herbst die ideale Jahreszeit für einen Besuch dieser Gegend ist, wusste bereits der englische Dichter John Keats. Ihn hat die herbstliche Kathedrale Winchesters vor 200 Jahren zu einem seiner berühmten Gedichte inspiriert: Du Zeit der Nebel und der reifen Fruchtbarkeit / Der späten Sonne wie ein Herzensfreund verbunden, schrieb er in seiner „Ode an den Herbst“ (orig. „Ode to Autumn“).

Die Sonne scheint an diesem Herbstnachmittag ein paar Dutzend Meilen westlich von Winchester von einem wolkenlosen Himmel als wir das Auto an einer Steinmauer abstellen. Zu Fuß setzen wir die Reise fort, durch das von Steinlöwen flankierte Eisentor, die gewundene Straße entlang zu Breamore House, einem elisabethanischen Herrenhaus, eines der Ausflugsziele im Nationalpark.

Vorbei an schweren Brokatvorhängen, einer Galerie an goldgerahmten Gemälden, einem Reise-Kabinett aus Elfenbein geht es vom Audienzraum über das Schlafgemach aus der Tudorzeit ins blaue sowie rote Gesellschaftszimmer (ins erste zogen sich die Frauen nach dem Mittag-, ins zweite nach dem Abendessen zurück). Hier schmücken unerwartet moderne Fotografien die Kommoden.

Denn die Besitzerfamilie Hulse – deren Vorfahren Leibärzte der Königsfamilie waren – lebt noch in den Räumlichkeiten. Sohn Westrow ist nach der Tour am Vorplatz anzutreffen. Sein Lieblingsort in dem Gebäude? „Als Kind bin ich gerne auf dem Dachboden herumgeklettert“, erzählt er. „Heute zieht es mich nach draußen.“ Bezeichnend für eine Nation, deren royales Oberhaupt oft in Gummistiefel und Windjacke zu sehen ist. Westrow deutet auf den Hügel hinter dem Haus, auf dem sich eines von nur mehr zwei bestehenden Miz-Mazes Englands befindet, ein Rasenlabyrinth aus dem Mittelalter, das irgendwie Ruhe ausstrahlt.

Bekannt könnte das Herrenhaus so manchen vorkommen, selbst wenn sie noch nie hier waren: Regelmäßig wird es zum Drehort. 2005 wurde etwa die Verfilmung des Jane-Austen-Romans „Stolz und Vorurteil“ gedreht. Die britische Schriftstellerin hat große Teile ihres Lebens in Hampshires verbracht. Zwanzig Minuten nördlich von Winchester wurde ein Cottage, in dem sie lebte, in ein Museum umgewandelt. Und das Dolphin Hotel, dem ältesten Hotel Southamptons, erinnert gerne daran, dass Austen 1793 hier ihren 18. Geburtstag feierte. Sie kommentierte den herrlichen Ballroom im ersten Stock mit seinen „wunderschönen Erkerfenstern“, der heute noch Veranstaltungsort ist.

Luxushotel im Schiffslook mit Blick auf den Yachthafen: Das Fünfsterne Hotel & Harbour in Southampton

©visitsouthampton.co.uk

Auf den Spuren der Titanic

Die Hafenstadt war zur Zeit Jane Austens begehrter Kurort, nachdem 1740 eine eisenhaltige Quelle entdeckt worden war. Die Seeluft gepaart mit dem ländlichen Charme lockte Adel und sogar Königsfamilie; heute sind es vermehrt Tagestouristen. Immer wieder blitzen die obersten Decks schwimmender Riesenhotels zwischen Hausgiebeln hindurch – Southampton hat einen der größten Kreuzschifffahrthäfen Europas.

Zudem kommen BesucherInnen aus der ganzen Welt, um auf den Spuren eines besonders Passagierschiffs zu wandeln; dem damals größten Ozeandampfer, der am 10. April 1912 mit 2.224 Personen den Ankerplatz 44 verlassen hat: die Titanic.

„Werft einen Blick durch das Kirchenfenster“, sagt Tour-Guide Bryan, als wir in der Bugle Street bei der St.-Josephs-Kirche vorbeikommen. Zu sehen: ein Eichentisch, der den Restaurantmitarbeitern der Titanic gewidmet ist. Von den rund 1.500 verstorbenen Passagieren stammte ein Drittel aus Southampton; die meisten von ihnen hatten auf dem Schiff gearbeitet. Bei seiner „Secrets of the Titanic“-Tour (dt. „Geheimnisse der Titanic“) führt der Ire Bryan Walsh an verschiedenste, oft ungewöhnliche Erinnerungsorte.

Nur wenige Meter vom Anlegeplatz 44 fährt heute fast stündlich ein weitaus kleineres Schiff zu einem ganz nahen Ziel gleich vor der Küste Southamptons: der Isle of Wight, Englands größter Insel. „Es wäre unmöglich“, sagt Königin Victoria einmal über die diamantgeformte Insel, „einen schöneren Ort zu finden.“ Und so ist es nicht verwunderlich, dass sie hier ihren Landsitz, Osbourne House, errichten ließ, in dem sie immer wieder zu Kräften kam und der heute Museum ist.

Mit dem niedlichen Küstenort Shanklin liegt übrigens auch der sonnigste Ort Englands auf der Insel. Wir sind zurück auf den windigen, schmalen und oft steilen Straßen, in denen man anhalten muss, um den anderen passieren zu lassen. Doch das Anhalten gibt Zeit, die Landschaft so richtig wahrzunehmen. Oh, können Sie es sehen? Da vorne am Horizont? Die schroffen Steilklippen und dahinter: das glitzernde Meer.

Anlässlich des 100. Jahrestags wurde das Pub „Atlantic Queen“ 
in Southampton 2012 in „The Titanic“ umbenannt
 

©Anna Maria Bauer
Anreise

Am besten von Wien, Salzburg oder Innsbruck nach London Heathrow fliegen; danach ca. eine Autostunde über die Autobahn M3 nach Süden. Alternativ gibt es von Heathrow auch Zug- und Busverbindungen nach Southampton. 

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