Unbekanntes Wien: Mit der U-Bahn in die Leopoldau

Daniel Voglhuber

von Daniel Voglhuber

Auch für viele echte Wiener ist der Ort in Floridsdorf immer noch ein weißer Fleck auf der Landkarte.

Es ist ein Ort, von dem selbst viele echte Wiener sagen: „Da war ich noch nie“. Die Leopoldau in Floridsdorf, die eigentlich im Marchfeld liegt. Vielleicht ist sie deshalb ein weißer Fleck auf der Landkarte vieler. „Lerne deine Stadt kennen“, lautet das Motto der freizeit, die die Gegend erkunden will. Wie gut, dass seit 2006 die U1 dorthin fährt, was viele Cisdanubier aber wohl gekonnt ignorieren. Dabei sind es vom Stephansplatz nur 16 Minuten bis zur Endstation Leopoldau.

Ausstieg Endstation Leopoldau. Hier ist großer Bahnhof. Aber nur anlagentechnisch. Ansonsten ist es  ist es ruhig, es gibt wenig Spannendes zu sehen. Auf einer Seite beginnen schon Wohnsiedlungen, entlang der Gässchen reihen sich Einfamilienhäuser. 

Die Großfeldsiedlung

Von der Ferne erheben sich mächtige bunte Bauten. Die Großfeldsiedlung taucht auf.

©Daniel Voglhuber

Sie ist eine Ansammlung von Rekorden: Hier leben heute rund 10.000 Menschen in 5.500 Wohnungen. Es gibt 286 Stiegen mit 157 Waschküchen, 33 Lokalen und 2.291 Garagenplätzen. Außerdem ist sie die größte aus Betonfertigteilen errichtete Siedlung Wiens. Ab Ende der 1960er-Jahre wurde die Stadt außerhalb der Stadt in mehreren Bauphasen hochgezogen. Architekten wie Oskar Payer oder Harry Glück – ja, der auch den Wohnpark in Oberlaa entwarf – waren dabei.

Hier gab es Probleme

Doch das gewünschten Vorzeigeprojekt drohte zunächst zu scheitern. Wie in vielen Satellitensiedlungen in anderen Städten gab es hier früher Probleme. Von einem Ghetto war da gar die Rede. "Vor zwanzig Jahren hatten wir noch viel mehr Einsätze dort. Körperverletzung, Raufhandel, Raub", erzählte vor einigen Jahren ein Polizeisprecher der Süddeutschen. Seither sei aber die Bevölkerung gealtert, meinte er, "die Gegend ist überhaupt nicht mehr auffällig".

Wer noch etwas jugendliche Risikobereitschaft verspürt und es warm ist, könnte ins dortige Schwimmbad gehen. Da gibt es eine große Wasserrutsche. Wer es gediegener mag, kann einen Architekturspaziergang machen. „Wollen sie die Großfeldsiedlung erkunden, nehmen Sie sich etwas Zeit und genießen sie die Architektur und die Grünflächen, die die Wohnhausanlage zu bieten hat“, empfiehlt Wiener Wohnen auf seiner Homepage. Wird gemacht. Aber so richtig stellt sich der Genuss nicht ein. Ja, es gibt für eine Anlage dieser Größe und dieser Bauepoche viel Grün. Aber mächtige Satellitenstädte sind nicht unbedingt nach dem Geschmack des Spaziergängers. Ich verabschiede mich und ziehe weiter, würde ein ehemaliger Soziologieprofessor schreiben, der für ein anderes Medium sonntags durchs Land tingelt

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Die Großfeldsiedlung läuft aus. Und das merkt man. Nach dem Wohnbauprojekt der sozialdemokratischen Stadt taucht auf einmal die Sankt-Michael-Gasse auf. Sie ist benannt nach "dem Erzengel und Anführer der himmlischen Heerscharen". So steht es auf der Erklärung am Zusatzschild. In der sozialdemokratischen Stadt.

Auf der anderen Seite der Straße liegt eine Kleingartensiedlung mit kleinen Häuschen, engen Wengen und Aushängen, wo sich die Grätzelpolizistin vorstellt. Eine beschauliche Welt. Sieht man nach links erheben sich die nächsten großen Bauten. Mega-Supermärkte und das City Gate mit seinen Hochhäusern. Die Stadt Wien hat das Stadtentwicklungsgebiet vor einigen Monaten auch dem Umweltbundesamt angeboten, um den Abzug nach Klosterneuburg zu verhindern.

Zu nahe an der U-Bahn

Umweltministerin Leonore Gewessler lehnte ab. Das Grundstück liege zu nahe an der U-Bahn. Was für die einen aus umweltschutztechnischen Gründen nicht verständlich ist, hat für die anderen einen ganz pragmatischen Grund: Die Vibrationen der Züge würden die sensiblen Messgeräte stören.  „Die Lage dieses Grundstückes ist in Hinsicht auf einen Laborbetrieb daher nicht geeignet“, teilte das Ministerium in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage mit. 

Kein Umweltbundesamt fürs City-Gate. Noch wäre Platz.

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Ein paar Schritte weiter, an einer großen Kreuzung, wo die Autos an Möbelhäusern, Mc Donald's  und Laufhaus vorbei donnern, steht an der Wagramer Straße ein großer Hirsch vor der Alm und kernige Burschen stehen in Lederhosen herum.

Diese Leopldauer Alm ist ein Anziehungspunkt für Menschen mit großem Hunger auf Deftiges. Mit sehr großem auf sehr Deftiges. Hier wird gebacken und gegrillt im XXL-Format. Hier kredenzt man den Big Mamas Burger mit 1700 Gramm Rindfleisch (empfohlen für 3 Personen) oder die Mistgabel des Schreckens (empfohlen für 4 Personen) mit Unmengen Schnitzeln, Koteletts, Würsteln und Wedges. Man kann das als Lebensmittelverschwendung sehen  - oder als super. Das Zweite machen offenbar ganz viele. Nicht ohne Stolz betont man beim Lokal, 2018 den Traveller`s-Choice-Award von Tripadvisor bekommen zu haben. Nur Veganer werden sich kaum hierher verirren. Weil das Angebot für sie wäre eher im XXS-Format.

Es geht wieder zurück in die andere Richtung. Aber das dauert. Weil die Ampelschaltung wegen des vielen Autoverkehrs eher fußgängerunfreundlich ist. Es geht vorbei an der ruhigen Kleingartensiedlung Richtung Leopoldauer Platz.

Platz? Je näher der rückt, umso unsicherer ist das Gefühl, richtig zu sein. Der Platz besteht aus einer Straße. Geht der Blick nach rechts, dann stellt sich ein leichtes Gefühl der Beruhigung ein. Es sieht hier aus wie in einem niederösterreichischen Angerdorf. Links und rechts Häuser, dazwischen ein Beet: "LEOPLDAU – seit 1904 bei WIEN", steht auf einer Tafel, vor der in einem Beet aus Blumen das Wiener Wappen abgebildet ist. Damals wurden mehrere Vororte eingemeindet. Das gefiel nicht allen. So waren es die Leopoldauer Bauern, die am meisten gegen den Zusammenschluss waren. Bürgermeister Karl Lueger reiste mehrmals persönlich zu Besprechungen an, um ihnen ihre neue Gemeinde schmackhaft zu machen. 

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So ein Hinweisschild schadet aber nicht, man könnte auch daran zweifeln, in der Hauptstadt zu sein. So ruhig ist es hier – außer wenn ab und zu ein Schwall an Autos vorbeifährt, die wohl die Ampeln einige hundert Meter weiter loslassen.

Etwas weiter hinten liegt ein kleiner Teich mit Bänkchen zum Hinsetzen. Wird nur nicht gemacht, die Leopoldau will weiter erforscht werden. Plötzlich taucht eine Baustelle auf. Ein Komplex aus Betonplatten steht da – mit zwei Türmen mit goldenen Kreuzen. Es ist eine syrisch-orthodoxe Kirche, die entsteht. Zehn Jahre lang hat es gedauert, bis sie nach Debatten gebaut werden durfte.

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Dazu gibt es Gemeindezentrum in einem ehemaligen Gasthof. Lange wurde debattiert, ob das über sein darf. Eine Bürgerinitiative machte gegen die Türme und sah keine Gleichbehandlung beim Ensembleschutz. Nur wenige Meter entfernt steht die Leopoldauer Pfarrkirche, die steht schon seit 1696 in dieser Form hier. Eigentlich eh ganz hübsch hier, aber halt doch sehr wenig los. 

©Daniel Voglhuber

Wer wieder Action will, kann zur Rennbahnweg-Siedlung zur U-Bahn gehen und von dort alle Vergnügungen einer Stadt anfahren. Oder, weil man eh schon in Floridsdorf ist: Mit den Bussen geht es mit einmal Umsteigen vom Leopoldauer Platz zu den sehr lässigen Heurigen nach Stammersdorf.

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Daniel Voglhuber werkt seit Dezember 2020 für die KURIER Freizeit und darf sich den schönen Dingen im Leben widmen. Zuvor war er fast zehn Jahre in der KURIER-Chronik. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in Linz, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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