Dia de los Muertos

Reise ins bunte Mexiko: Hoch leben die Toten!

Die Mexikaner feiern Anfang November ihre verstorbenen Angehörigen am Día de los Muertos. Mit Essen und Kostümen.

Keine Zeit zu sterben hat James Bond im vorletzten Film „Spectre“ in Mexiko-Stadt. Da beseitigt der Agent gleich zu Beginn Bösewichte, die ein Stadion in die Luft sprengen wollen. Um sie zu stellen, muss er sich den Weg durch die  „Tag der Toten“-Parade bahnen.  Skelett-Marionetten mit Zylinder und Zigarren, Tänzer und Trommlergruppen, Frauen in eleganten Kleidern und Männer mit Totenkopf-Masken feiern  in den Straßen den „Día de los Muertos“, bevor  ein Kampf im Hubschrauber – gefährlich nahe über den Menschen –  die ausgelassene Stimmung vermiest.

Das war 2015. Was wie eine traditionelle Veranstaltung wirkt, gab es bis  „Spectre“ in Mexikos Hauptstadt aber gar nicht.   Zwar finden in dem lateinamerikanischen Land  viele Feste zum „Tag der Toten“ statt, die für Europäer, die nicht gerne mit dem Tod konfrontiert werden,  befremdlich erscheinen können.  Mexikaner errichten Anfang November Altäre für die Toten, Kinder naschen Totenköpfe aus Zucker und Familien veranstalten ausgelassene Picknicks auf den Gräbern der Vorfahren. Ein Umzug zum Brauch fehlte in der Mega-City aber.

Angst vor enttäuschten Touristen

„Wir mussten einen Karneval zum Tag der Toten erfinden“, sagte der mexikanische Tourismusminister Enrique de la Madrid vor der Parade 2016. „Nach dem James-Bond-Film wären die Touristen sonst gekommen, um den Umzug zu sehen und hätten ihn nicht vorgefunden.“ Bei der ersten Auflage kamen gleich  hunderttausende Menschen. 

Anders als beim eher düsteren Halloween  erstreckt sich  der „Día de los Muertos  über drei Tage in in eier Explosion der Farben und lebensbejahenden Freude“, schrieb National Geographic. Der Tod ist sehr wohl das Thema, aber die Menschen zeigen an diesem Tag ihre Liebe für die verstorbenen Familienmitglieder. Für 24 Stunden soll sich der Spalt zum Totenreich auftun und die Verwandten  kommen nach Volksglauben für einen Besuch vorbei. Ihre Angehörigen schminken sich einen Totenschädel aufs Gesicht und ziehen sich farbenprächtiges Gewand an.

Sie begrüßen die Verstorbenen mit bunt geschmückten Altären. Darauf stehen Kerzen und Familienfotos. Es gibt auch süße Getränke und das Brot der Toten (Pan de Muerto) – und manchmal auch die Lieblingsspeise der Lieben. Die Verstorbenen sollen damit nach ihrer langen Reise aus dem Totenreich wieder zu Kräften kommen. Gelbe und orange Blumen weisen dann den Weg zum Friedhof, wo Lebende und Tote gemeinsam feiern.

Schon lange feiern die Mexikaner am Tag der Toten auf den Friedhöfen

©EPA/HILDA RIOS

Die Rituale wurden 2008 von der UNESCO in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen.  Dabei vermischen sich katholische und prähispanische Traditionen. Die Feierlichkeiten Ende Oktober und Anfang November fallen mit den christlichen Feiertagen Allerheiligen und Allerseelen zusammen. Die indigenen Völker feiern zu dieser Zeit die Maisernte – schon die Azteken glaubten daran, dass zu dieser Zeit eine Visite aus dem Jenseits ansteht. 

Im Tod sind alle gleich

Neuer ist das Symbol des Brauchs, die Calavera Catrina, eine Skelett-Dame mit ausladendem, französischem Hut. Der  Karikaturist  José Guadalupe Posada hat sie Anfang des 20. Jahrhunderts entworfen, um die Oberschicht zu kritisieren. Ihm wird auch das Zitat „Todos somos calaveras“ zu Deutsch „Wir sind alle Schädel“ zugeschrieben. Oder wie es bei uns heißt: Im Tod sind alle gleich.

Calavera Catrina mit ihrem großen französischen Hut ist das Symbol des „Día de los Muertos“. Sie  karikierte Anfang des 20. Jahrhunderts die Reichen und soll zeigen, dass  im Tod alle gleich sind. 
 

©APA/AFP/ULISES RUIZ

Der „Día de los Muertos“ ist einer der wichtigsten Feiertage in Mexiko. Im Vorjahr fielen die großen Feierlichkeiten wegen Corona aus.  90.000 Menschen waren offiziell bis damals bereits verstorben, die Dunkelziffer lag  weit darüber.  Anfang November herrschte dreitägige Staatstrauer.  „Anstatt auf den Friedhöfen  bauten viele in ihren Häusern die bunten Altäre auf. Für Menschen, die ihre Angehörigen verloren hatten, war das  wohl nur ein schwacher Trost, schrieb der Stern. „Nicht die Möglichkeit zu haben, den Toten ordnungsgemäß zu gedenken, ist für viele Mexikaner fast genauso schlimm wie der Verlust der Angehörigen.“ Für dieses Jahr sieht es wieder besser aus. Zumindest die Parade in Mexiko-Stadt soll – Stand Redaktionsschluss – zurückkehren.

So schnell geben die Mexikaner den wichtigen Feiertag nicht auf. Immerhin wollten ihnen schon  Missionare den Totenkult austreiben.  Aber das Sterben gehört zum Leben. Auch wenn wir es nicht so recht wahrhaben wollen. Mexikos Literaturnobelpreisträger Octavio Paz schrieb über das Verhältnis seiner Landsleute zum Tod: „Für einen Pariser, New Yorker oder Londoner ist der Tod ein Wort, das man vermeidet, weil es die Lippen verbrennt. Der Mexikaner dagegen sucht, streichelt, foppt, feiert ihn, schläft mit ihm“. Und dennoch musste Paz gleich darauf relativieren: „Vielleicht quält ihn ebenso die Angst vor ihm wie die anderen, aber er versteckt sich nicht vor ihm.“

Santa Muerte mit dem Totenkopf

Die Santa Muerte, der „heilige Tod“, umhüllt ihre Gebeine mit einer simplen Kutte, aber auch mit berüschter Frauenkleidung.  Wenn Tag der Toten ist, kommen ihre Anhänger  und bringen der Schutzheiligen Süßigkeiten, aber auch den Agaven-Schnaps Mezcal  oder pusten ihr mit ihrem   Joint  Marihuana-Rauch  entgegen.

Jene, die sich besonders dankbar zeigen wollten, legen den Weg zum Schrein auf den Knien zurück. Santa Muerte wird  für Glück, Geld, Liebe und Gesundheit angerufen. In Mexiko galt  die Schutzheilige lange als Patronin der Kriminellen, Drogenhändler und auch Mörder. 

Die Santa Muerte hat mittlerweile Fans in allen Gesellschaftsschichten.

©REUTERS/GUSTAVO GRAF

Doch seit einigen Jahren   hat der Glaube mehrere Gesellschaftsschichten durchwandert. Viele Menschen, die sich in der katholischen Kirche nicht mehr zu Hause fühlen, zünden eine Kerze für Santa Muerte an. Der Anthropologe und Kult-Experte Antonio Higuera Bonfil erforscht die Bewegung um den „heiligen Tod“  und beobachtet die rasant wachsende Anhängerschaft, die bereits über die Grenzen Mexikos hinaus geht. „Die Menschen glauben daran, dass die Santa Muerte sie vor Krankheit und Unglück beschützt. Dabei ist sie eine sehr tolerante Heilige. Sie stellt keine Forderungen an die Gläubigen. Jeder darf sein, wie er ist, ob homosexuell oder geschieden“, sagte Higuera der dpa. Damit trete sie in direkte Konkurrenz zur katholischen Kirche, die ihre Gläubigen für die vermeintlich falsche Lebensführung verurteile.

Als Papst Franziskus im Jahr 2016 Mexiko besuchte, kritisierte er die Kultanhänger auf das Schärfste: „Ich bin beunruhigt über die vielen Verführten, die dieses Hirngespinst verherrlichen und ausgeschmückt mit schauderhaften Symbolen den Tod kommerzialisieren.“

 

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich den schönen Dingen im Leben widmen. Zuvor war er fast zehn Jahre in der KURIER-Chronik. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in Linz, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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