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Das macht das Ocean Race zum härtesten Segelrennen der Welt

Peitschender Wind, haushohe Wellen – es gibt Menschen, denen macht es Spaß, unter solchen Bedingungen zu segeln. Erstmals ist heuer ein österreichisches Team dabei.

Und Daniel Voglhuber

Die Gischt spritzt. Wasser überrollt die Yacht. Keine Pausen werden gewährt, das Meer kennt keine Gnade. Rund um die Uhr sind die Segler und Seglerinnen bei The Ocean Race den Naturgewalten ausgesetzt. Der Wind pfeift. Das Gewand trieft vor Nässe. Es gibt keine Dusche an Bord, keine Küche, keinen Luxus.

„Das ist Schiff pur“, sagt Anna Luschan. Sie ist eine der Seglerinnen der neuen österreichisch-italienischen Crew „Austrian Ocean Racing powered by Team Genova“. Warum tut sich die 26-Jährige diese Extreme an? „Es ist Abenteuer, man weiß nie, was auf einen zukommt.“ Nur mit dem Wind um die Welt zu fahren, das sei Faszination. Die Schiffe sind schneller als der Wind, schneller als die Wellen. Sonnenauf- und -untergänge, Delfine als Begleiter, das Blau des Meeres werden dazu gereicht.

Wellness der Extreme

Bei der legendären Regatta The Ocean Race gehen derzeit die besten ihrer Zunft an den Start. Mit den Rennyachten segeln sie um die Welt, auch bei Kälte und Hitze, bei meterhohen Wellen – Wellness extrem, quasi.

Manchmal ist das Wasser auch ruhig, zu ruhig. Das Rennen gilt als eines der zermürbendsten der Welt, als der ultimative Test für ein Team. Sportliche Höchstleistungen werden auf engstem Raum vollbracht und technische Probleme gelöst. Onboard-Reporter liefern die Bilder, die zeigen, wie hart die Ozeane sein können – und wie schön.

Den Crews wird beim Ocean Race alles abverlangt, und das nicht nur körperlich. Bei den Manövern heißt es: „Alle an Deck“.

©Stefan Leitner / Austrian Ocean Racing

Die zehnköpfige Crew plus der Reporter von Austrian Ocean Racing treten mit ihrem Schiff „Sisi“ – wie könnte es auch anders heißen – beim The Ocean Race VO65 Sprint an. Er findet erstmals statt: Die Schiffe dieser Klasse absolvieren drei der sieben Etappen des Rennens. Sie sind 20 Meter, also 65 Fuß, lang. Im Inneren ist nur das Notwendigste. Geschlafen wird in sogenannten Rohrkojen und das im Schichtbetrieb. Ein Teil der Crew ist immer an Deck.

Wenn es zum Manöver kommt, heißt es „All hands on deck“. Also, alle an die Arbeit. Egal ob Schlafenszeit ist oder nicht. Bei vielen Manövern ergibt das wenig Schlaf. Aber selbst in den Ruhephasen ist es nicht ruhig. Die Wellen schlagen an den Rumpf. „Es ist wie in einer Trommel“, sagt Luschan.

Die Österreicherin Anna Luschan genießt das Seglerinnen-Leben, trotz aller Entbehrungen an Bord. 

©Stefan Leitner / Austrian Ocean/Stefan Leitner/Austrian Ocean Racing

Gegessen wird Dry Food, das mit Wasser aufgegossen wird. Ein Klo wurde schon eingebaut. Es ist bei schwerer See aber kaum zu bedienen. Flexibilität ist gefragt. Nicht nur bei dieser Sache. Eines der wichtigsten Dinge an Bord ist die Zusammenarbeit. Sisi ist übrigens mit dem jüngsten Team – das Durchschnittsalter liegt bei 27 Jahren – bei der Regatta besetzt. Und das meisterte im Jänner mit Skipper Gerwin Jansen die erste Etappe von Alicante bis zu den Kapverden auf dem dritten Platz. „Unser großes Ziel war die Teilnahme am The Ocean Race 2023 und das haben wir geschafft“, sagt Team-Sprecher Xaver Kettele. Im letzten Moment wurde mit dem Sponsor Genua – es ist der Heimhafen von Sisi – alles dingfest gemacht.

Schutz der Meere

Die gesamte Regatta geht rund um den Globus – und das im Zeichen des Schutzes der Meere. Bei der langen Version sind Schiffe der Klasse Imoca am Start. Sie messen 18,28 Meter (60 Fuß) und sind mit einer vierköpfigen Crew besetzt. Ausgesetzte Bojen liefern Daten aus der See an verschiedenste Organisationen. Sie sollen helfen, besser zu verstehen, wie der Ozean zur Gesundheit des Planeten beiträgt. Ob VO65 oder Imoca – beide kommen schnell voran. Sie können mehr als 1.000 Kilometer in 24 Stunden zurücklegen. Vorausgesetzt Wind und Kurs passen. Die aktuelle Etappe führt von Kapstadt in Südafrika nach Itajaí in Brasilien (siehe Grafik, Sisi ist ab Juni wieder im Rennen).

©Grafik

Eine weite Strecke. Hier trifft Mensch auf Naturgewalten. Dass es auf den Ozeanen brenzlig werden kann, versteht sich von selbst.

Twister und Hai-Kollision

Das Gewinner-Team der deutschen „Illbruck“ aus dem Jahr 2002 drohte wegen Wassereinbruchs im Vorschiff zu sinken. Dazu kam es einem Twister bis auf 200 Meter gefährlich nahe. „Eine unglaubliche Wassersäule. Wie in einem schlechten Film. Der Twister kam immer näher, dieser Lärm, der Wind, ein unwirklicher Moment“, schilderte Skipper Kostecki damals die lebensgefährliche Situation.

Und dann rammte die Yacht mit 25 Knoten – also fast 50 km/h – auch noch einen Hai, der sich um den Kiel wickelte. „Das war zwar schade um den Hai und schlecht für uns, weil wir rückwärts segeln mussten, um das bremsende Tier wieder loszuwerden. Aber das Entscheidende war: Das Boot hat gehalten“, sagte einmal Team-Mitglied Tony Kolb der Süddeutschen.

Foils, Tragflügel,  lassen die Imocas fliegen. Aus den Yachten muss nicht nur bei Langstrecken, sondern auch bei Rennen an der Küste das Beste herausgeholt werden.

©Ricardo Pinto / Team Malizia

Beim Rennen 2012 kamen auf der Etappe von Neuseeland nach Brasilien gleich vier von sechs Booten in Schwierigkeiten – die Yachten wurden beschädigt, einige Skipper mussten andere Ziele ansteuern, um den Kahn wieder flott zu machen, andere gaben gleich auf. Im Jahr 2014 ist das Rennen nur knapp einer Katastrophe entgangen. Ein dänisches Team lief rund 250 Seemeilen vor Mauritius auf ein Riff auf.

Selbst die weltbesten Navigatoren sind bei Extrembedingungen nicht vor Fehlern gefeit. Und die können tödlich sein. Sechs Teilnehmer gingen in 50 Jahren über Bord und starben – verglichen mit Extrem-Bewerben wie der Rallye Dakar ist das aber relativ wenig.

Erstmals ist ein österreichisch-italienisches Team bei „The Ocean Race“ am Start.

©Dominik Matesa/Austrian Ocean Racing

Tipp: Wer will, kann auf der Rennyacht Sisi (aber nicht bei The Ocean Race) mitfahren. Bei Überstellungen etwa. Fast alle Herausforderungen inklusive. Informationen gibt es unter ocean-racing.at. Segelerfahrung ist da nicht das Schlechteste, wenn die Wellen meterhoch sind, der Wind peitscht und das Wasser nichts und niemanden verschont.

Wusstest du, dass ...?

.. es seit 2017 eine Frauenquote gibt? In der Imoca-Klasse muss von vier Seglern eine Frau an Bord sein, auf der VO65  müssen es bei zehn Seglern drei Frauen sein. Historisch beträgt ihr Anteil am Ocean Race bei insgesamt 2.085 Teilnehmern in 50 Jahren Renngeschichte nur knapp 6 Prozent. 

... bis zu 30 Meter hohe Wellen auf die Boote warten können?

... die Segelboote  mehr als  70 km/h (bzw. 38 Knoten) schnell werden können?

... das Ocean Race 1973 als „Whitbread Round the World Race“ gegründet wurde, bei dem vor allem Millionäre mit Luxusyachten teilnahmen?

... ein einziger Segelsatz bis zu 200.000 Euro kostet? Das größte  Vorwindsegel hat fast 500 Quadratmeter.

... Wale  eine Gefahr beim Ocean Race sind? Mit den Tieren hat es öfter Kollisionen  gegeben.

Katharina Salzer

Über Katharina Salzer

Katharina Salzer begann 1999 im KURIER und war viele Jahre für die Chronik in Niederösterreich unterwegs. Sie war stellvertretende Chronik-Ressortleiterin, bis sie 2019 in das Sonntags-Ressort wechselte.

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