Jesus, Maria und Maradona: Eine Reise ins weihnachtliche Neapel

Eine Straße, tausend Krippen: Neapel, das ist Pizza, Vesuv, Sophia Loren – und im Advent die Via San Gregorio Armeno.

Überblick

Einwohner

ca. 3,09 Millionen

Währung

Euro 

Eine klassische Weihnachtskrippe?“, fragt Marco D’Auria und lacht. „Dafür brauche ich zehn Arbeitstage.“ Der Krippenbauer arbeitet gerade in seiner winzigen Werkstatt, als wir ihn für ein -Interview erreichen. Wie jetzt: Zehn Tage für EINE einzige Krippe? Wie aufwendig kann das bitte sein? D’Aura nickt wissend und zeigt uns via Zoom die einzelnen Arbeitsschritte. 

Seine Figuren entsprechen höchstem neapolitanischen Handwerksstandard: Die exakt geformten Köpfe sind aus Ton, für die Augen wird italienisches Muranoglas verwendet. Die Extremitäten der Figuren sind aus Terrakotta-Keramik, die Kleider oft aus Seide. Als Gerüst dient ein einfaches Drahtgeflecht, das den Krippenbauern erlaubt, die Figuren in verschiedene Posen zu versetzen. Eine echte „Il presepe“, wie die Krippe in Neapel genannt wird, kann so auf 500 bis 800 Euro kommen – und das bei nur 35 Zentimetern Durchmesser. 

Pizzabäcker, Schönheiten, Freaks

Die neapolitanische Weihnachtskrippe unterscheidet sich grundlegend von jenem klassischen Modell, das wir hierzulande kennen: Auch in Neapel finden sich natürlich Maria, Josef und der kleine Jesus, sie sind aber nicht die Stars des Hauses. Die Neapolitaner verstehen ihre Krippen als Abbild ihrer Stadt. Dazu gehören: wild verhandelnde Gemüsehändler, Pizzabäcker, Hirten und Bauern, Schönheiten in tief ausgeschnittenen Kleidern, aber auch Freaks mit Buckel und Warzen – diese ganz besonders, denn sie schützen seit jeher vor dem „bösen Blick“. Doch dazu später mehr. Unbedingt dabei ist auch Pulcinella. Die listige Figur mit Kasperlmaske ist die wohl bekannteste der Stadt – und heimliches Wahrzeichen Neapels. Sie soll einen einfältigen und gefräßigen Diener bäuerlicher Herkunft darstellen, meist mit Buckel und langer Vogelnase. 

Das Sakrale und das Profane

Neben kirchlichen und volkstümlichen Figuren haben in der Via San Gregorio Ar-meno (benannt nach der prächtigen Barockkirche des heiligen Gregor von Armenien im Viertel) auch weltliche Figuren Einzug in den Kanon gehalten: Krippenbauer Marco D’Auria hat sich auf bekannte Fußballer spezialisiert, neben dem aktuellen Fußball-Team des SSC Napoli verkauft er Abbildungen internationaler Hollywood-Stars genauso wie lokale Gottheiten, etwa die Fußball-Legende Diego Maradona (dieser holte in den Achtzigern die erste italienische Meisterschaft für die Stadt). Von der Politik hält sich Krippenbauer D’Auria allerdings fern. Andere Shops sind da weniger zimperlich: Von Angela Merkel über Donald Trump und Silvio Berlusconi findet alles Platz in den Weihnachtskrippen – mal in realistischen Abbildungen, mal karikaturistisch überzeichnet.

Knapp 40 Shops befinden sich in der engen Gasse, die Ware ist oft direkt am Gehsteig platziert, was das Vorankommen im Einkaufstrubel erschwert. Die Via San Gregorio Armeno hat dabei multiple Identitäten: Sie ist teils Museum und Stätte neapolitanischer Handwerkskunst, teils eine Art Madame Tussauds – und ja, leider auch an manchen Stellen Touristenfalle.

Auch lokale Legenden wie Fußballer Diego Maradona und andere Persönlichkeiten aus Sport und Politik werden zu Keramikfiguren und in Seidenkleider gehüllt

©Anadolu Agency via Getty Images/Anadolu Agency/Getty Images

Made in China

Nicht alle Händler haben sich wie D’Auria dem echten neapolitanischen Handwerk verschrieben. Seit einigen Jahren machen Produkte „Made in China“ den alteingesessenen Krippenbauern Probleme. Nur noch ein Drittel der Shops verfügt über ein eigenes Atelier, schätzt D’Auria. Der Rest kauft billige Imitate und verscherbelt sie an Touristen zum halben Preis. Optisch sind die Unterschiede leicht zu erkennen, doch nicht jeder Besucher weiß die Qualität der Originale zu schätzen. 

Seit elf Jahren betreibt D’Auria sein Geschäft in der Via San Gregorio Armeno. Gemeinsam mit seiner Frau Antonella – er in der Werkstätte, sie im Shop. Dass so viele Geschäfte nebeneinanderstehen, die noch dazu alle mehr oder weniger das Gleiche verkaufen, ist laut Besitzer D’Auria kein Problem fürs Geschäft: Vielmehr verfüge die Straße dadurch über eine derartige Strahlkraft, dass für alle genug Kunden da seien. Die Hochsaison beginnt Ende November und geht bis Weihnachten. Wie viel ist dann los? D’Auria versucht es mit einem Vergleich: Während man normal nur ein paar Minuten brauche, um die Straße einmal rauf- und runter zu gehen, braucht man im Dezember über eine Stunde – inklusive Schieben durch Menschenmassen. „Wir zählen dann tausende Besucher pro Tag.“ 

Ein weltliches Item, das D’Auria ganzjährig in hohen Stückzahlen um ein paar Euro verkauft, ist der rote, hornförmige Glücksbringer namens Corno. Dieser schützt die Neapolitaner angeblich vor Menschen, die den „bösen Blick“ haben, also Unheil bringen. Nahezu jeder Bewohner der Stadt trägt es in Form von Hals- und Armbändern immer bei sich. Wichtig: Der Corno darf niemals für sich selbst gekauft werden, er muss als Geschenk überreicht worden sein. Neapel, die Stadt des Aberglaubens. An jeder Straßenecke finden sich kleine Schreine und Altare für alle möglichen Dinge – und auch das tägliche Lottospielen gehört für die Bewohner dazu wie der Espresso am Morgen. 

Die handgefertigte  Weihnachtskrippe ist Statussymbol des Bürgertums, das in Neapel in keinem

Wohnzimmer fehlen darf. Rund zehn Tage Arbeit braucht eine und kostet ab 500 € 

©Corbis via Getty Images/Awakening/Getty Images

„Es ist nicht wahr, aber ...“

Die „richtigen“ Zahlen lässt man sich am Vorabend mit Karten legen oder aus der Hand lesen. So ist es dann auch wenig verwunderlich, dass in der neapolitanischen Krippe auch Kollegen Unterschlupf finden, mit denen die katholische Kirche so gar nicht d’accord wäre: Dämonen und sogar der Teufel höchstpersönlich sind gang und gäbe in der Via San Gregorio Armeno.

Es scheint, als wäre die Krippe für die Menschen in Neapel weniger ein christliches Artefakt als vielmehr das Ergebnis jahrhundertelang überlieferter Bräuche und Kulturen. Viele Herrscher kamen und gingen seit dem 17. Jahrhundert in der Stadt am Fuße des Vesuvs – und die katholische Kirche ist nur ein kleiner Teil dieses Erbes. „Il presepe“, die Krippe, ist folgerichtig ein Sammelsurium aus Kirche und Straße, Himmel und Alltag, dem lieben Gott und den vielen anderen kleinen Göttern. Die Krippe, sie ist Glaube und Aberglaube zugleich. Das Natürliche und das Übernatürliche – verdichtet auf 35 Zentimetern. „Non è vero, ma ci credo“, sagen sie in Neapel gerne: Es ist nicht wahr, aber ich glaube es.

Reisetipp

Zur Via San Gregorio Armeno

Die Via San Gregorio Armeno abends besuchen und sich im Lichtermeer der Geschäfte treiben lassen.

Adresse von Marco D’Aurias Geschäft: Via San Gregorio Armeno 2, Mehr Infos

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