Genussregion im Weinviertel: Warum man zur Erntezeit nach Retz sollte

Die Region im nordwestlichen Weinviertel hat sich dank einer lokalen Slow-Food-Initiative von einer Wein- zu einer Genussregion weiterentwickelt. Ein Lokalaugenschein zur Erntezeit.

Grübelnd, grantelnd, sich anschweigend. Die Dopplerflasche als Monstranz in der Hand, das nächste Achterl so sicher wie das Amen im Gebet. So saßen sie früher in den Presshäusern des grenznahen, abgeschiedenen Weinviertels: die alten Köllamauna. Vor zwanzig Jahren hat Alfred Komarek mit seinen „Simon Polt“-Romanen das Bild des Weinviertels mit seinen einsilbigen Dorfbewohnern mitgeprägt und gepflegt. Bei einer „Polt“-Tour in der Kellergasse in Haugsdorf kann man Drehorte der Verfilmungen besichtigen.

In der steilen Kellergasse in Haugsdorf im Pulkautal wurden Szenen für die Verfilmung "Polt muss weinen" gedreht.

©Stefan Hofer

Doch diese Zeit der Köllamauna ist längst passé.

Retz hat sich eine Verjüngungskur verpasst: Die Grenzen zu Tschechien sind offen, die Kellergassen vielerorts renoviert, Weine aus der Region vielfach prämiert, das Radwegenetz ist ausgebaut und die Zugverbindung aus Wien tadellos. Vom „In die Grean gehen“ im Frühling über das „Tafeln“ im Sommer bis zu den Weinlesefesten im Herbst ist das Weinviertel zu einem ganzjährigen Anziehungspunkt geworden.

Ein Ehepaar, das an diesem Retzer Drehbuch in jüngster Zeit fleißig mitwirkt, sind Michael Vesely und Adelheid Reisinger (sie hat schon an der in Retz gedrehten Fernsehserie „Julia – eine ungewöhnliche Frau“ mitgeschrieben). Als „überzeugte Städter“ führten sie jahrelang ein Lokal im 1. Wiener Gemeindebezirk, verliebten sich in die Stadt Retz, zogen hierher, gründeten 2020 den Genussmarkt und im Vorjahr das „Slow Food Village Retz“.

Vom internationalen Konzept Slow Food – das im Italien der 80er-Jahre seinen Ausgang nahm – begeistert, wollte Vesely beweisen, was möglich ist. Die Übung gelang. Fünfzig Bauern, Gastronomen, Produzenten und Winzer haben sich mittlerweile zum ersten und einzigen „Slow Food Village“ in Niederösterreich zusammengetan.

Michael Vesely, Mit-Initiator von "Slow Food Village Retz", serviert eine Slow-Food-Jause am Weingut Autrieth in Hadres.

©Stefan Hofer

Fair und sauber wollen sie produzieren, aber in erster Linie soll es gut schmecken. Mit Aktivitäten in Kindergärten und Schulen sowie veganen Kochworkshops ist es ein umfangreiches Konzept.

Wesentlich dabei ist, dass die slow erzeugten Produkte lokal erhältlich sind – wie am Genussmarkt, der ganzjährig jeden Samstagvormittag am Hauptplatz in Retz stattfindet. Das Angebot reicht von Wein, Obstsäften und Bio-Ölen über Aufstriche und Mehlspeisen bis hin zur Retzer Salzgurke, Honigessig und Wildschinken. Bernd Salat röstet Kaffeebohnen wöchentlich frisch („Salatkaffee“), die „Honigdiebe“ setzen auf die Blüte der umliegenden Sonnenblumenfelder. Einer, der sich was traut, ist ein Winzer, der braut: Ludwig Hofbauer bietet ein Kellerbier mit Gerste und Weizen aus eigenem Anbau an. Zudem bieten die drei Familien von „Gutes vom Gutshof“ in Unternalb ganzjährig saisonales Gemüse an, auch Ab-Hof oder als Bio-Kistl in Wien.

Man bekomme am Genussmarkt alles, was man braucht, sagt Vesely stolz. „Es war von Anfang an ein Markt für Einheimische, ein sozialer Treffpunkt. Aber wenn etwas ein Ort des guten Lebens ist, dann wird’s auch touristisch interessant.“ Was ihn verblüfft: „Gewisse Produkte, bei denen ich dachte, die sind ein rein städtisches Phänomen, wie Kimchi und Tempeh, funktionieren auch in Retz.“

Jessica Wyschka züchtet in Obritz mit viel Liebe und Detailwissen Weinviertler Weinbergschnecken.

©Stefan Hofer

Zählt Vesely weitere ungewöhnliche Projekte auf, fallen oft Frauennamen: Jutta Poinstingl experimentiert in Unternalb erfolgreich mit Wachteleiern, bietet diese als eingelegte Delikatesse an. Jessica Wyschka züchtet Weinviertler Weinbergschnecken in Obritz bei Hadres. Im Weinbau sind oft junge Winzerinnen am Zug, wie Kerstin Schüller und Alexandra Mayer in der Öhlbergkellergasse in Pillersdorf.

Kerstin Schüller (l.) und Alexandra Mayer in der wunderschönen Öhlbergkellergasse in Pillersdorf.

©Stefan Hofer

Vieles hat sich verändert, seit Erwin Steinhauer als Gendarm Simon Polt durch die Kellergassen geradelt ist. Aber die beiden Winzerinnen beruhigen altgesottene „Polt“-Fans: Die Dopplerflasche, die feiere derzeit ja eh ein kleines Comeback.

©Grafik

Reiseinfos

Klimafreundliche Anreise: Mit den ÖBB von Wien Hbf nach Retz, 1 h 22 min. oebb.at

Slow Food Village Retz
Mehr über die Idee und die Produzenten: slowfoodretz.at

Gutes vom Gutshof
Bietet Gemüse, Fermentiertes oder Aufstriche im Ab-Hof- Verkauf oder als Kistl-Abo im Retzer Land und in Wien an. gutesvomgutshof.at/kistl

Regional Essen
– Pollak’s Retzbacherhof, retzbacherhof.at
– Windmühlheuriger Bergmann, windmuehle.at

Kellergassen
Sehenswert etwa am Öhlberg in Pillersdorf, in Haugsdorf oder Hühnerkoppel/Obernalb

Winzer
– Weingut Autrieth, Hadres 24, weingut-autrieth.at
– Weingut Schüller,  Pillers- dorf 15, weingut-schueller.at
– Weingut Mayer, Pillersdorf 20, weinbaumayer.at

Übernachten
Neu und edel möbliert ist das  Sgrafit Hotel & Apartment im ehemaligen Postgebäude am Hauptplatz in Retz. Mit hochwertigen Küchen und Fahrradwaschplatz. sgrafit.at

Kürbisfeste
In Zellerndorf am 29. 10. 2022 und in Obermarkersdorf  am 29. und 30. 10. Mehr Termine wie  „Offene Kellertüren“  auf

retzer-land.at und weinviertel.at

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