Blick von oben über die Stadt Grado

Grado, Sehnsuchtsort frühester Urlaubserfahrungen

Nicht weit entfernt von uns scheint die Sonne ein bisschen heller, das Blau ist blauer, und in einer Hotelbar tanzte Maria Callas mit Pier Paolo Pasolini.

Urlaub wie damals. Als Kind unangeschnallt auf dem Rücksitz von Papas Auto, den Kopf gegen die kühle, leicht vibrierende Scheibe gelehnt, geht’s nach Süden. Gar nicht weit, und doch so anders, wärmer mit jedem Kilometer, sonniger. So Urlaub eben!

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Die Uroma, die den Kaiser noch erlebt hatte, sprach natürlich immer von "unserem" Grado, wo sie als junge Frau jeden Sommer an den wunderbaren Villen der vielen österreichischen Künstler und Architekten, die hier wohnten, entlang flanierte. 

Und tatsächlich, kehrt man heute etwa beim höchst empfehlenswerten Weingut La Rosa Rossa in Aquileia, gleich am Festland vor der Lagune ein, wo’s einen wirklich herrlichen Refosco gibt, den typischen Roten der Region, lächeln einem doch glatt Sisi und Franzl von Bildern an der Wand des Schankraums zu. Ein Schmäh, um österreichische Touristen anzulocken? Man mag es nicht glauben, da hier quasi ausnahmslos italienische Familien am einzigen langen Tisch sitzen und Verdi-Arien schmettern, während sie sich Ricotta affumicata und Ubriaco (halbfester Käse mit Rotweinaroma) schmecken lassen, Musetto (deftige Kochwurst mit Pfeffer und Nelken) und Orzo e fagioli (Rollgersteneintopf mit Bohnen). 

Der morgendliche Strand in Grado

©Shutterstock/Corrado Baratta/Shutterstock

"Nein, die Bilder sind nicht für Touristen", bestätigt der Wirt, "Francesco und Sisi sind für uns hier. Weil sie immer für uns da waren, das Trinkwasser, die Kanäle, die Hotels in Grado – wir haben ihnen viel zu verdanken. Und wir haben das nicht vergessen." Und es stimmt tatsächlich, dass Grado erst durch die Tatsache, dass es vor 130 Jahren zum Sehnsuchtsort des K.-u.-k.-Bürgertums, der Adeligen und Offiziere, der Künstler und Architekten wurde, aus einem langen Dornröschenschlaf im Schatten des übermächtigen Venedig erwachte ...

Nur ein Stückchen weiter noch und man ist am Meer oder eigentlich mittendrin. Nämlich auf dem fünf Kilometer langen Damm, der die "Sonneninsel" Grado mit dem Festland verbindet. Unwillkürlich geht man vom Gas, genießt die perfekte Kulisse, Angler zu beiden Seiten, Fischerboote, Laguneninseln, links Barbana mit der berühmten Wallfahrtskirche. 

Zum Seele-baumeln-Lassen: der Hafen von Grado

©Getty Images/iStockphoto

Einer adeligen Dame wie Grado nähert man sich langsam an. Am besten versucht man gar nicht, direkt am Hafen zu parken, man wird scheitern, abgewiesen werden. Ein Stück den Kanal Richtung Pineta entlang wird es ruhiger, dann schlendert man an der Strandpromenade zurück, vorbei an den historischen Villen wie der Bianchi, der Villa Reale, die alte Pension Fortino, wo Secessionskünstler Josef Maria Auchentaller lebte und seine Freunde Alfred Roller, Otto Wagner und Carl Moll urlaubten.  Und natürlich die Villa Bernt, wohin Pier Paolo Pasolini mit der göttlichen Maria Callas tanzen ging, als er hier auf einer Laguneninsel seine "Medea" drehte. Mota Safon heißt diese Insel, Pasolinis Haus dort beherbergt inzwischen ein kleines Museum.
Im Zentrum dann, wie zwei steinerne Schwestern, die Kirchen Sant’Eufemia und Santa Maria delle Grazie, zwei der ältesten frühchristlichen Zeugen Italiens. Authentische Cafés und Trattorias – trotz oder vielleicht gerade wegen des ständigen Touristenstroms. 

Insidertipps

Restaurants

  • Zero Miglia und Trattoria
    Top: Das Fischrestaurant der Fischkooperative und daneben die etwas einfachere Trattoria Al Pescatore. zeromiglia.it
  • Enoteca da Pino
    Unscheinbar bis uneinladend – aber eine Mini-Küche zaubert Mittagsgerichte wie bei Mamma! Via G. Galilei 13
  • Trattoria de Toni
    Nach wie vor die Top-Adresse Grados für allerfeinstes Essen. Fisch und friulanische Produkte. trattoriadetoni.it

Hotels

  • Villa Reale
    Wie aus der Zeit gefallene, behutsam modernisierte Villa. Strandnähe. hotelvillareale.com
  • Ville Bianchi
    Eine der ältesten Villen Grados, DAS Wahrzeichen am Strand. de.villebianchi.com
  • Albergo alla Spiaggia
    Direkt in der Altstadt und direkt am Meer, feine Fische im eigenen Restaurant. albergoallaspiaggia.it

Bars & Clubs

  • Bar Odeon
    Aperol oder Hugo am besten Platz in der Altstadt. Schauen und genießen. Via D. Alighieri 2
  • Bar al Porto
    Gemütliche Bar für einen Nachmittags-Aperol oder Abend-Drink. Viele Einheimische. Piazza Marinai d'Italia 2
  • Cocktail Seti Cafè
    Auch das ist typisch Grado: jung, freundlich, lässig. Coole Bar in der Altstadt. Campo Porta Nuova 17

Und das Meer? Im Herbst strahlen die verwaisten Sonnenschirme des Spiaggia Principale eine wunderbare Melancholie aus, jetzt im Sommer wuselt es wie in einem Ameisenhaufen. Liegestuhl an Liegestuhl, die Sonnenschirme hübsch und bunt wie eine überdimensionierte Prinzengarde, die auf ihren Auftritt wartet. Mütter verfolgen ihre mit Schaufel und Eimer durch die Reihen torkelnden Kinder, Väter liegen wie gestrandete Wale auf dem Rücken ... 

Adria pur, Klischee, aber doch zutiefst verinnerlichtes, wenn auch beinahe vergessenes Idealbild eines Italien-Urlaubs.

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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