Sollte man gesehen haben: Die aufregendsten Bahnhöfe der Welt

Die großen Stationen prägen das Stadtbild. Die freizeit zeigt besten Bauten rund um den Globus. Außerdem erklärt ein Architektur-Experte, was zu einem gelungenen Bahnhof gehört – und warum es der Wiener Hauptbahnhof eher nicht ist.

Bahnhöfe faszinieren. Sie sind oft der erste Ort, wo Reisende das Leben einer Stadt einfangen können. Generationen von Studenten-WGs hatten ein schwarz-weißes IKEA-Poster mit der lichtdurchfluteten New Yorker Grand Central Station an der Wand hängen. Für viele Filme sind die Bahnhöfe nicht unwichtig. Hier finden Menschen inmitten des Gedränges zueinander – oder sie verlieren sich tränenreif für immer oder zumindest für lange Zeit. Ein herzzerreißender cineastischer Meilenstein-Abschied spielt gar in Wien: Jener der beiden frisch verliebten Turteltäubchen aus „Before Sunrise“. Und Regionalmedien sind ganz aufgeregt, wenn eine Station im Ranking der besten und schönsten Stationen abstürzt.

Union Terminal, Cincinnati, USA 

Als dieses Art-déco-Meisterstück 1933 eröffnete, war in Nordamerika das goldene Zeitalter der Eisenbahn schon fast wieder vorbei.  Das Auto hatte seinen Siegeszug gestartet. Eine Weile fuhren Züge dann aber noch die Station an, die Passagiere wurden aber immer weniger. 1972 stellte man den Zugverkehr ein, die Eisenbahngesellschaft Amtrak übersiedelte in eine kleinere Station. In den 1980ern zog ein Einkaufszentrum ein, später folgte ein Museum. Anfang der Neunziger besann man sich eines Besseren: Amtrak kam wieder zurück – mit ihr die Züge aus New York und Chicago. 

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„Bahnhöfe sind die meistfrequentierten Orte in einer Großstadt, sie sind stadtbildprägend. Sie werden von beinahe jedem hunderte Male im Leben benutzt. Dadurch haben sie eine herausragende Bedeutung“, sagt Andreas Vass, Architekt und Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Architektur.

Und einige von ihnen sind in ihrer Gestaltung wahnsinnig spektakulär: Neogotische Kathedralen des Verkehrs aus dem 19. Jahrhundert, Art-déco-Komplexe aus den 1920ern, die nicht kleckern, sondern klotzen. Oder riesige luftige Glas-Stahl-Paläste, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. Sie lassen die Reisenden staunen. Funktionale Bauten müssen nicht unbedingt langweilig sein.

Hua Hin, Thailand  

Dieser kleine Bahnhof, der einer der ältesten Thailands ist, findet sich oft in Listen der schönsten Stationen der Welt.  Die thailändische Königsfamilie hatte in Hua Hin ein Feriendomizil und kam gerne mit dem Zug hierher. Besonders beachtenswert ist der königliche Warteraum, der 1911 während der Regentschaft des König Rama errichtet wurde.  Heute kommen viele Touristen, um Fotos zu schießen. Züge bleiben eher wenige stehen. Pro Tag sind es nur eine Handvoll. Doch das wird sich bald ändern – gerade entsteht eine neue zweigleisige Zugstrecke in der Nähe.

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X-beliebiges Bürohaus

Wobei für den Experten Vass das nicht im Vordergrund stehen sollte. „Bei einem Bahnhof ist es wichtig, wie er im Stadtgefüge funktioniert. Und es gehört vermittelt, dass das Gebäude eine öffentliche Funktion hat. Es soll nicht aussehen wie ein x-beliebiges Bürohaus.“ Und das sei beim Wiener Hauptbahnhof der Fall, wo Chancen vertan worden seien. Der 2014 offiziell eröffnete Bau gehe in der Ansammlung von Hochhäusern unter. „Die Touristen irren durch ein Büroviertel. Würde hier nicht Hauptbahnhof über dem Eingang stehen, wüsste man gar nicht, dass er hier ist. Der Bau vermittelt nicht, dass es der Hauptbahnhof einer Zwei-Millionen-Stadt ist.“ Auch der Vorplatz sei eher ein Plätzchen und der Bezeichnung nicht würdig. „Der Platz sollte auf jeden Fall das Entrée zur Stadt sein und keine Ansammlung von Parkplätzen oder komplizierten Verkehrslösungen.“ So ein Platz könne durchaus auch ein Park sein. Dabei sei der Standort – die geografische Mitte der Bundeshauptstadt – eigentlich ideal. „Man merkt das aber nicht, es wirkt vielmehr, als sei hier der Stadtrand“, meint Vass. „Erst wenn man all diese Dinge berücksichtigt, kann man sich auch an spektakuläre konstruktive Effekte wagen.“

Estação do Oriente, Lissabon

Diese Haltestelle wurde 1998 – rechtzeitig zur Expo in der portugiesischen Hauptstadt – eröffnet.  Der Ostbahnhof wirkt noch immer sehr modern, dabei sind hier viele Referenzen an die Gotik eingewebt, die Europa vom 12. bis 16. Jahrhundert architektonisch geprägt hat.  Die Gleise liegen auf 14 Metern über dem Straßenniveau, die Dachkonstruktion wirkt, als ob sie von Bäumen gehalten wird. Die Idee kommt von Santiago Calatrava, der auch Lüttich-Guillemins oder die neue Station des World Trade Center in New York entworfen hat.

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Dazu komme, dass der Witterungsschutz im Wiener Hauptbahnhof nicht gegeben sei. Man wusste schon im 19. Jahrhundert, wie man große Bahnhofshallen baut, die hell sind und doch vor Wind und Wetter geschützt: Man hat sie mit den wichtigen öffentlichen Funktionen umgeben, die zu jedem Bahnhof gehörten und ihn mit der Stadt verbanden.“

Idealerweise sollte ein neuer Bahnhof auch nicht die Stadt teilen – die Schienen gehören für Vass in den Untergrund, schon einige Kilometer davor und danach. „In Turin etwa hat man aus der Station Porta Susa einen Tunnelbahnhof gemacht, die Schienen wurden auf einer Länge von sechs Kilometern unterirdisch verlegt. Damit wurde wichtiger öffentlicher Raum in der Stadt gewonnen.“

Lichtdurchflutete Halle

Ebenfalls gelungen sei der unter Niveau liegende Durchgangsbahnhof Santa Justa in Sevilla. Dieser sei wie ein klassischer Kopfbahnhof – also extrem übersichtlich – organisiert und dessen Halle sei lichtdurchflutet wie jene des 19. Jahrhunderts.

Toll findet Vass auch den Bahnhof Atocha in Madrid. Dieser hat 1992 eine neue, sehr luftige Kopfbahnhofhalle und einen unterirdischen Durchgangsbahnhof bekommen. Das alte bestehende Jungendstil-Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, das für die Bedürfnisse der Gegenwart zu klein geworden war, wurde mit Shops, Lokalen und einem Nachtclub neu belebt. „Die Halle ist voll mit Menschen. Sie treffen sich, gehen in Restaurants. Mittendrin ist ein tropischer 4.000 Quadratmeter großer Wintergarten. Und es gibt offene, große Freiflächen.“

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich mit Reise, Kultur, Kulinarik und Lifestyle - also den schönen Dingen im Leben - befassen. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in der KURIER-Chronik, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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