Mehr als nur Partyhochburg: Die schönsten Spots in Lignano

Caorle ist wunderbar, Jesolo ebenso, aber Lignano ist einfach Lignano. Eine Liebeserklärung an einen guten alten Freund, der nicht für alle Partyparadies ist, sondern Wohlfühloase mit wunderschönen Ecken. Ein Freund, der sich eben auch ein bisschen verändern darf. Aber nicht zu viel, versteht sich.

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Währung

Euro

Beste Reisezeit

Mai bis September

Von Nicola Afchar-Negad

Die Urlauberin auf dem roten Hausboot macht gerade Yoga auf ihrem Sonnendeck, der Mann auf dem türkisen Boot weiter stromabwärts scheint zu arbeiten und das Paar auf dem blauen Landboot gegenüber kommt die Stufen herunter, um mit dem Hund Gassi zu gehen. Die Kulisse dieser Szenerie: der smaragdgrüne Fluss Tagliamento, der die Orte Lignano und Bibione trennt und an dessen anderem Ufer ein einsamer Fischer sitzt.

Die Ruhe ist einzigartig, hier im Resort „Marina Azzurra“, 2,5 Kilometer vom Meer, konkret Lignano Riviera, entfernt. Die einzigen Geräusche: das Knirschen der Kieselsteine unter den Fahrrädern, auf denen sich die Hotelgäste bevorzugt fortbewegen und das Zirpen der Grillen allabendlich. Ach ja – und das Brüllen des Löwen im unweit entfernten Zoo. Das soll man an manchen Tagen, wenn der Wind günstig steht, auch hören können.

Aktivurlaub: Mit Fatbikes über den Strand cruisen

©giovannichiarot

Das 2019 eröffnete Resort steht für das „andere“ Lignano, das ruhigere, in dem man nicht nur beim Fahrrad einen Gang runterschalten kann. Die Natur steht im Fokus, das Für-Sich- und Unter-sich-Sein im eigenen 65 m² großen zweistöckigen Hausboot. Die 89 Boote, deren Design an die traditionellen strohgedeckten Fischerhütten der Region angelehnt ist, liegen in der Lagune oder im Garten, wären theoretisch fahrtüchtig, sind aber natürlich fest verankert bzw. eben an Land. Es ist das einzige Hotel dieser Art in Italien, wie General Managerin Ramona Pajtler, betont.

Und das in Lignano, einem Ort, der selten ohne die Worterweiterung Bade- auskommt und eher weniger für steten Wandel bekannt ist. Das brauchte „Ligi“, wie manch Südösterreicher das lang gezogene Städtchen am Meer liebevoll nennt, auch nicht. Es hat seine Fangemeinde, ja fast könnte man sagen Familie, nicht allzu weit verstreut in Österreich.

Tipp: Mit dem Boot die traditionellen Fischerhütten besichtigen

©mauritius images / Alamy Stock Photos / Pier Paolo Strona/Alamy Stock Photos / Pier Paolo Strona/mauritius images

Seit ich ein Kind war

Fragt man Stammgäste, warum sie gerade nach Lignano kommen und nicht etwa nach Jesolo oder Grado fällt die Antwort oft ähnlich aus, garniert mit einem Schulterzucken. „Ich komme hierher, seit ich ein Kind war“ hört man dann von Mitgliedern des „Team Lignano“. Es soll sogar schon vorgekommen sein, dass sich Menschen die Zimmernummer ihres Hotels eintätowieren haben lassen, in dem sie von klein auf jeden Sommer die Dusche vollgesandet haben.

Ganz so weit ist die Steirerin Andrea Böhm zwar nicht gegangen, aber sie hat einen Roman („Rückkehr nach Lignano“) geschrieben, in dem die Halbinsel der Hauptdarsteller ist. Von ihr stammt auch der Vergleich von Lignano mit einem guten alten Freund, die Textpassage findet sich im Nachwort ihres Buches: „Das Lignano meiner Kindheit und Jugend war einfach nur Spaß. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich so sehr mit diesem Ferienort verbunden fühle. Es gibt nichts Negatives, an das ich mich erinnere. Wir hatten einfach eine Mordsgaudi. Untertags am Strand beziehungsweise stundenlang im Wasser auf den Luftmatratzen, abends beim Essen, Shopping oder im Luna Park. Das war echt eine super Zeit.“ Böhms Worte spiegeln wider, was so viele unbewusst abgespeichert haben.

Die bunten Sonnenschirme gehören zu Lignano wie die Sterne zum Himmel

©Getty Images/Orietta Gaspari/istockphoto

Lignano steht für Unbeschwertheit, für unverkrampfte Urlaube, für kleine Fluchten vom Alltag nach nur wenigen Stunden auf der Autostrada. Das Klappern der Muscheln, wenn die Kinder sie im Plastik-Kübelchen sammeln, das Gelato, das auf das gerade frisch gewaschene Badetuch tropft und die bunten Drachen, die der Strandverkäufer an der Leine spazieren trägt. Nichts davon ist spektakulär, aber das macht den Charme aus.

Anreise

Es gibt eine sehr gute Zugverbindung von Wien nach Udine. Viele Hotels in Lignano bieten einen Shuttle Service an bzw. organisieren den Taxi-Transfer. Natürlich kann man Lignano auch gut mit Venedig oder Verona verbinden, die eine bzw. zwei Autostunden entfernt sind.   
ÖBB-Sparschiene – von Wien über Villach nach Venedig: Täglich zwei Mal mit dem ÖBB Railjet; täglich mit dem ÖBB Nightjet; täglich mit dem ÖBB Intercitybus ab Villach. 

10.000 Strandliegen reihen sich an dem acht  Kilometer langen und 140 Meter breiten Strand aneinander, eingeteilt ist er in 39 Abschnitte. Der beliebteste und dadurch belebteste: Sabbiadoro. Der ruhigste: Riviera. Dazwischen: Pineta, dessen 1950er-Jahre-Architektur durchaus sehenswert ist. „Ich mag an Lignano, dass es nach dem McDonalds-Prinzip funktioniert. Man bekommt hier, was einem versprochen wird“, sagt Autorin Böhm pragmatisch. „Wer Ruhe und kleine verborgene Buchten sucht, wird enttäuscht sein.“ Wem es aber gefällt, in der Abendsonne einen Aperol Spritz zu trinken und dem Bambino mit den Worten „für später“ den Lolli aus der Hand zu nehmen, dem ihn ein wortgewaltiger Kellner in die Hand gedrückt hat, der ist hier richtig.

Der Ausdruck Dolce Vita ist zwar abgelutschter als jeder Kinder-Lolli, aber das Konzept an sich nutzt sich einfach nicht ab, wie auch Martin Manera, Präsident des Hotelverbandes betont. „Ein Spaziergang entlang des Viale Italia und des Lungomare Marin bietet noch immer einen Eindruck von der Atmosphäre und dem architektonischen Panorama des frühen 20. Jahrhunderts, mit den für diese Zeit typischen neoklassizistischen Details und Jugendstildekorationen.“

 Tagsüber im Hausbootdes „Marina Azzurra Resort“ entspannen

©Europa Tourist Group

Retro-Flair inklusive

Von den 169 Hotels, die diese Saison geöffnet haben, tragen einige große Namen. Weniger die von internationalen Brands, sondern eher Namen, die den Ort im Nordosten Italiens geprägt haben. Manera: „Die historischen Hotels, die die Entwicklung des Tourismus in Lignano von Anfang an miterlebt haben, sind das Albergo Marin – heute Grande Albergo Marin – das bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Betrieb war, und das Hotel Italia – heute Hotel Italia Palace –, beide modernisiert, aber immer mit dem charakteristischen Retro-Flair.“ Dieses „Retro-Flair“, wie der Interessensvertreter es nennt, findet man allerorts. Bestes Beispiel: die „Terrazza a Mare“, eine Anfang der 1970er-Jahre eröffnete „Terrasse auf dem Meer“, die, so heißt es, aufgrund ihrer Architektur auch schon mit dem Opernhaus in Sydney verglichen wurde. Sie gilt als inoffizielles Wahrzeichen. Hoteldirektorin, Buchautorin, Hotelverband-Präsident: Sie alle sind sich in einem einig und erwähnen es, ohne danach gefragt zu werden. Die Stärke Lignanos – und seine Zukunft – ist die Natur. Manera spricht von der „grünen Seele“, Böhm davon, dass man die Gegend am besten per Rad erkundet und Pajtler hat ihre Hausboote mit Radständern ausgestattet.

Das „Marina Azzurra“ stellt den Hausboot-Gästen azurblaue Leihräder zur Verfügung. „Viele nehmen auch die eigenen Räder mit“, berichtet die General Managerin. Sport und Wellness – ob nun Golf, Yoga am Strand (2022 neu!) oder eben Radsport – sind ein großes Thema, auf das die Verantwortlichen stark setzen. Ein 30 Kilometer langes Radwegnetz, das über weite Strecken hinweg durch Pinienwälder führt, macht es leicht, das Auto stehen zu lassen. Man folgt den „al magre“-Schildern und den Möwen, die einem den Weg weisen. Und vielleicht verliert man sich auch ganz kurz irgendwo zwischen goldenem Sandstrand, Dünen, Lagune, Pinienwäldern und Flussufer. Manera findet die perfekten Abschluss-Worte: „Man braucht keine gute Ausrede, um nach Lignano zu kommen. Lignano ist die gute Ausrede.“

Marina Azzurra Resort

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