Pullunder: Der Inbegriff der Biederkeit hat es Luxushäusern angetan

Das einst als Inbegriff der Biederkeit gehandelte Stück ist jetzt bei Dior und Givenchy zu sehen. Auch weil die junge Zielgruppe konservativer wird.

"Wir werden wieder viel mehr Stoff sehen und weite Schnitte. Das Volumen kehrt zurück“, prophezeite die deutsche Uni-Professorin Barbara Vinken, die sich in ihren Büchern vor allem mit Ästhetik und Geschlechterrollen beschäftigt, schon 2016. Und tatsächlich.

Statt sexy Outfits und High Heels wurde im Netz plötzlich viel öfter nach Rollkragen-Pullis oder langen Kleidern gesucht. Die neue Spießigkeit wurde spätestens dann ausgerufen, als Stardesigner Hedi Slimane, der einst bei Saint Laurent seine supersexy Partykleidchen entwarf, bei Celine 2019 plötzlich wadenlange Faltenröcke und antiquierte Schluppenblusen präsentierte. Prada, Gucci und viele andere Luxushäuser zeigen sich seither ebenso züchtig in karierten Sakkos oder auch mit Fischerhut.

Instagram-Influencerin und Vogue-Redakteurin Lisa Hahnbück trägt den Pullunder über einem Jeanshemd

©Getty Images for Ralph Lauren

Die neueste Entdeckung im Fundus der Retro-Outfits ist nun offenbar der Pullunder. Wie kaum ein anderes Kleidungsstück steht der Pullover ohne Ärmel für die spaßbefreite Bürgerlichkeit. Nicht umsonst trägt ihn auch Roland Düringer als pingeliger Beamter Ing. Breitfuss in der österreichischen Kultserie „MA2412“.

Dabei war dem ärmellosen Pulli bislang eine kurze Modegeschichte beschieden. Neben der sportlichen Nutzung im Tennis, Cricket und Golf war das gute Stück eigentlich nur in den Sechzigerjahren in der Männermode verstärkt vertreten. Wer sich mit einem Hemd alleine zu nackt vorkam, aber mit einem Pullover zu informell, der versuchte es mit einer Sweater Vest  – wie das Kleidungstück im Englischen genannt wird.

Lange hielt sich der Trend allerdings nicht, ab den Siebzigern verstaubte der Pullunder als Inbegriff von Konservativität in der Mottenkiste.

Gosling bis Hadid in Sweater Vests

Bis jetzt. Denn derzeit zeigen Designer wie Raf Simons für Prada oder auch Issey Miyake die Strickweste in allen Varianten auf dem Laufsteg. Auch für Frauen gibt es unterschiedlichste Exemplare, von bunten Woll-Pullundern bis zurückhaltenden Varianten, die sich gut über einer weißen Bluse machen. Promis wie Harry Styles und Ryan Gosling zeigten es vor und ließen den Spießerlook hip werden. Andere Herrschaften wie Dwayne Johnson versuchen den Pullunder eleganter zu interpretieren und Topmodel Bella Hadid setzte mit einer Sweater Vest auf nackter Haut einen Trend. „Der Pullunder ist das neue Statement-Piece und der wichtigste Modetrend 2021!“, erklärte jedenfalls die Vogue.

Retro-Vibes versprüht das gelb-braune Exemplar von Miu Miu (490 Euro), etwas zeitloser ist die rosa Variante (unten)

©Miu Miu
©Getty Images

Auch die New York Times feierte das alte Modestück mit dem Titel „Der Pullunder ist zurück, und er ist sexy“ und erklärte es zum Missing Link zwischen Büro und Freizeit-Look. Er ist praktisch, weil er als zusätzlicher Wärmespender dient und schnell wieder ausgezogen ist. Und damit genau das, was wir in Lockdown- und Homeoffice-Zeiten tatsächlich gut brauchen können. „Die Sweater Vest kann als Weiterentwicklung gesehen werden. Weil sie für Menschen ideal ist, die auf Gemütlichkeit Wert legen, aber dafür nicht immer einen Pullover tragen wollen“, erklärt US-Stylist Taylor Okata den Vorteil.

Das neue Must-have von Fashionvictims war bereits an vielen Gästen der Modewochen zu bewundern – wenn auch nicht aus praktikablen, sondern eher ästhetischen Gründen. Meist über große Hemden gezogen und in verspielten Kreationen, die als farbenfrohe Exemplare auch sehr jugendlich und frisch aussehen können.  Ganz so, wie die Pullunder für kurze Zeit schon in den Neunzigern getragen wurden – als witzige  Überzeichnung zu einem Girlie Outfit à  la Cher Horowitz aus „Clueless“ oder der ironische Bruch bei Brad Pitt mit blondierten Haaren und zerknittertem T-Shirt darunter für die punkige Version.

Das französische Modevorbild Jean Sebastien Roques trägt den Pullunder so, wie er jetzt im Trend liegt – ohne etwas darunter. Topmodel Bella Hadid hat’s bei Fendi vorgezeigt  (unten)

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©Daniele Venturelli/Getty Images

Gut kombiniert

Der ärmellose Pullover ist ideal für einen Lagenlook. Auf der sicheren Seite ist man mit monochromen Kombinationen – wenn das Unterteil eine ähnliche Farbe wie der Pullunder hat. Derzeit angesagt – zumindest wenn es die Temperaturen erlauben – ist es, die Sweater Vest ohne etwas darunter zu tragen. Wer es angezogener mag: Blusen und Hemden sind eine geeignete „Unterlage“, T-Shirts lassen den Pullunder frischer wirken. Auch über ein Kleid getragen, wird ein Outfit um vieles raffinierter. Wichtig: Nicht zu klein kaufen und eine Nummer größer ordern, wenn noch etwas drunter passen soll.

Hatte man damals noch auf Vintage gesetzt, kommen die Trendteile derzeit von Miu Miu oder Zimmermann aus aktuellen Kollektionen. Givenchy interpretiert sie als  neue Ruderleiberl und das Label Etro zeigt den sie gekürzt als Crop Top am Catwalk.

Konservativ ist cool

Hier erinnert nicht mehr viel an braun-beige Strickstücke, die einst auch Paul McCartney als junger Beatle oder der deutsche Politiker Hans-Dietrich Genscher getragen hatten – für Letzteren  wurde der gelbe Pullunder sogar zum Markenzeichen.

Die Mischung aus Biederkeit und Raffinesse, weil ein Pullunder das Outfit sofort zum Hingucker macht, punktet derzeit bei der jungen Generation.

Dwayne Johnson elegant, It-Boy Younes Bendjima mag es etwas cooler (unten)

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Die neue Spießigkeit der Teens ist auch eine Antwort auf die wilde Tinder-Generation vor ihnen, erklärte der Zukunftsforscher Tristan Horx kürzlich. Das spiegelt sich in der züchtigen Mode wider, die auch als Ausdruck der Sehnsucht nach der überschaubareren Vergangenheit mit klaren Werten gesehen werden kann. „Durch das Internet ist es heute kein Widerspruch mehr, traditionell und kosmopolitisch zugleich zu sein. Wir leben in Zeiten der Individualisierung. Wenn alle liberal sind, wird das Konservative wieder cooler. Jede Generation setzt sich von der vorherigen ab“, so Horx.

Strickwaren sind wieder da

Und noch eine Trendforscherin sieht eine Tendenz im Modebereich, die dem Pullunder in die Hände spielt:  „Man braucht Wärme und Glück, das aus der Weichheit kommt. Es gibt eine große Wiederbelebung von Strickwaren“, analysiert Li Edelkoort. Wer sich mit dem spießigen Look ob schlechter Erinnerungen an  kleinkarierte Charaktere dennoch etwas schwertut, kann dem Pullunder-Trend vielleicht zumindest als wärmende Angelegenheit etwas abgewinnen.

Christina Michlits

Über Christina Michlits

Hat Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert. Nach Kennenlernen des Redaktionsalltags bei Profil und IQ Style, ging es unter anderem zu Volume und dem BKF. Seit 2010 bei KURIER für die Ressorts Lebensart und Freizeit tätig.

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