Der Wunsch nach Neuem: Was man tun kann, wenn der sexuelle Funke erlischt

Intimität innerhalb einer Beziehung sorgt für Nähe und Vertrautheit. Was man tun kann, wenn die sexuelle Spannung verfliegt, wissen Psychologen.

Was haben US-Präsident Calvin Coolidge, eine Hühnerfarm und Sex gemeinsam? 

Alle drei sind Teil des sogenannten Coolidge-Effekts. So nennt man schwindendes Interesse an Sex, dass durch den Kontakt mit neuen Partnern wiederhergestellt werden kann. Der Effekt erhielt seinen Namen von einer Anekdote über US-Präsidenten und seiner Frau auf einer Hühnerfarm. 

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In der Anekdote geht es darum, dass auf einer Farm ein prominenter Hahn eine Henne nach der anderen deckte. Völlig begeistert von dessen Handeln, wollte die Frau des US-Präsidenten, dass Coolidge auf den Hühnerhof kam, um diese Heldentat zu bestaunen. Also lud der Besitzer ihn ein – mit der Bemerkung, dass Frau Coolidge darum gebeten habe, ihren Mann von den Fähigkeiten des Hahns zu unterrichten. 

Der Präsident dachte daraufhin einen Moment nach und antwortete schließlich: "Sagen Sie Frau Coolidge, dass es mehr als eine Henne gibt.“ (Hatfield und Walter, 1978)

Was euch erwartet:

  • Der Coolidge-Effekt erklärt

  • Warum der Wunsch nach sexueller Neuheit entsteht

  • Was man tun kann, wenn man sich vom Partner nicht mehr hingezogen fühlt?

  • Wie entsteht überhaupt Verlangen?

Der Coolidge-Effekt erklärt

Der Coolidge-Effekt wurde bereits bei mehreren Tierarten dokumentiert. Untersuchungen haben gezeigt, wenn männliche Ratten mit mehreren läufigen weiblichen in einen Käfig gesetzt werden, paart sich die Ratte mit allen, bis sie erschöpft zu sein scheint.

Wird jedoch ein neues Weibchen in den Käfig gesperrt, scheint die Erschöpfung verflogen und die Männchen verspüren wieder ein neues Interesse an Sex. 

Warum der Wunsch nach sexueller Neuheit entsteht

Der Coolidge-Effekt ist kein Phänomen, dass sich auf das Tierreich beschränkt, sondern tritt artenübergreifend auf. So wurden männliche Teilnehmer im Rahmen einer Studie entweder konstanten oder unterschiedlichen sexuellen Reizen ausgesetzt, während ihr Grad der sexuellen Erregung mit einem Gerät gemessen wurde. Diese zeichnete Veränderungen im Penisumfang auf. 

Es zeigte sich, dass die Männer, denen wiederholt die gleichen Reize gezeigt wurden, im Laufe der Zeit eine geringere Erregung verspürten. Sie zeigten Gewöhnung. Im Gegensatz dazu behielten die Teilnehmer, die unterschiedlichen Reizen ausgesetzt waren, ein höheres Maß an Erregung bei.

Eine weitere Untersuchung fand zudem heraus, dass nach dem Ansehen von Pornoclips mit derselben Schauspielerin über einen Zeitraum von mehreren Tagen der Kontakt mit dem erotischen Material mit einer neuen Porno-Darstellerin nicht nur mit einer schnelleren Ejakulation, sondern auch mit der Freisetzung aktiverer Spermien verbunden war. 

Die Wissenschaftler sehen daher den Coolidge-Effekt evolutionär erklärt. Möglicherweise werden die Chancen von Männern auf Fortpflanzungserfolg mit einem neuen Partner erhöht. Doch dieses Phänomen tritt auch bei Frauen auf.

So zeigten Forschungen an weiblichen Hamstern, dass auch sie nach der Paarung mit einem männlichen Hamster bis zur Erschöpfung, wieder sexuell motiviert waren, wenn ein neues Männchen den Käfig betrat. 

Untersuchungen an Frauen haben darüber hinaus ergeben, dass sie wie Männer ein gewisses Maß an Gewöhnung zeigen, wenn sie auf wiederholte Präsentation desselben erotischen Reizes reagieren. Somit ist der Coolidge-Effekt kein rein männliches Phänomen und kann auf beide biologischen Geschlechter übertragen werden.

Was man tun kann, wenn man sich vom Partner nicht mehr hingezogen fühlt?

Der Sexualpädagoge Justin J. Lehmiller vom Kinsey Institute schreibt dazu in seinem Artikel auf psychologytoday.com: "Manche entscheiden sich möglicherweise für eine einvernehmliche nicht-monogame Beziehung, in der sie ausdrücklich ein gewisses Maß an sexueller Beteiligung von außen zu lassen.“ Laut ihm kann das verschiedene Formen annehmen: Eine offene Beziehung, Swingen oder die Teilnahme an gelegentlichen Dreiern sowie Gruppensex. 

"Für diejenigen, die Hilfe dabei benötigen, den Coolidge-Effekt abzuwehren und gleichzeitig die Monogamie aufrechtzuerhalten, besteht eine Möglichkeit, dies zu erreichen, darin, einfach mehr Neuheiten in ihre Beziehung und ihr Sexualleben zu integrieren“, so der Sexualpädagoge. Er führt wissenschaftliche Untersuchungen an, in denen die Langzeitpaare berichteten, intensivste Gefühle füreinander zu haben, die gemeinsam auf die neue und aufregende Aktivitäten einlassen. 

Der staatlich geprüfte Paar- und Familienpsychologe Greg Matos hat sich ebenfalls mit dem Thema beschäftigt. Er hat auf psychologytoday.com drei Empfehlungen niedergeschrieben, die einer Beziehung ein gewisses Maß an Schutz verleihen sollen, um das Szenario des verlorenen sexuellen Interesses zu verhindern:

1. Von Beginn an auf die Intensivität der sexuellen Anziehung achten: Ist die sexuelle Anziehung bereits zum Anfang einer Beziehung nur schwach vorhanden, gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass sie nach längerer Zeit noch da sein wird.

2. Mit Menschen verabreden, die etwa das gleiche Fitnessniveau sowie Essgewohnheiten haben: Laut Matos legen Untersuchungen nahe, dass Trainingsmuster schwer zu ändern sind. Er rät daher, nicht darauf zu hoffen, dass der Partner im voranschreitenden Alter die Ernährung umstellt oder radikal Sport treibt, um an seinem Körper und der Attraktivität zu arbeiten.

3. Den Partner stets bewundern und seine Schönheit sowie das Verlangen nach ihm betonen: Matos empfiehlt Paaren sich Gelegenheiten für Verabredungen zu schaffen, die beiden die Möglichkeit geben, sich sexy zu fühlen, zu flirten und sexuell intim zu sein. Paare, die das tun, neigen laut ihm dazu, eine positive Perspektive zu haben und sich weniger auf unerwünschte Eigenschaften des anderen zu konzentrieren, die zum Verlust der Anziehung beitragen können. 

Wie entsteht überhaupt Verlangen?

Sexuelles Verlangen hängt von mehreren Komponenten ab. Dabei spielen sowohl Biologie als auch Psychologie eine Rolle. Lust kann unvorhersehbar sein und sich bei Männern sowie Frauen unterschiedlich manifestieren. 

Während bei Männern die Erregung typischerweise dem Verlangen voraus geht, ist es bei Frauen andersrum: Bei ihnen entsteht Erregung oft aus Verlangen – und zwar als Reaktion auf körperliche Intimität, emotionale Verbundenheit und eine romantische Atmosphäre ohne Ablenkung. 

In der Wissenschaft wird menschliches Verlangen untersucht, indem man das Zusammenspiel biologischer Einflüsse wie Neurohormonen und psychologischen Einflüssen wie Emotionen erforscht. Dabei zeigen Untersuchungen, dass der Geruch bei der Anziehung eine subtile Rolle einnimmt. Frauen fühlen sich demnach zum einem Partner hingezogen, dessen natürlicher Körpergeruch oder Pheromone ein genetisches Profil darstellen, dass sich von ihrem eigenen unterscheidet.

Dabei entsteht die Lust auf Sex durch die Freizeitung von Neurochemikalien – wie etwa Oxytocin und Dopamin. Aber auch durch Berührungen, Massagen und Kuscheln werden Gefühle der Verbundenheit erzeugt.

Wichtig ist zu verstehen, dass es nicht den einen Weg gibt, sexuell aktiv zu sein und dass Erregungsimpulse individuell sind. Männer fühlen sich laut einer Umfrage besonders durch visuelle Bilder angeregt. 90 Prozent der Befragten Männer gaben an, regelmäßig Pornografie zu konsumieren. 

Doch das Sexualverhalten ändert sich im Laufe der Zeit. Wobei in Studien festgestellt wurde, dass die Muster des Verlangens bei Männern und Frauen bemerkenswert ähnlich sind, wenn man sie kurzfristig misst. 

Demnach schwankt die Sexualität von Männern ebenso wie die der Frauen hinsichtlich des Ausmaßes ihrer Lust.  Kurz gesagt: Laut Studie ist das Verlangen von Männern möglicherweise formbarer und empfindlicher gegenüber sozialen Faktoren als bisher angenommen. 

Lehmiller rät daher Paaren, neue Dinge auszuprobieren und neue Erfahrungen miteinander zu teilen. Das sei der Schlüssel zur Aufrechterhaltung der Leidenschaft.

Janet Teplik

Über Janet Teplik

Digital Producer bei freizeit.at. Nach dem Studium der Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte zog die gebürtige Deutsche nach Wien und studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Zuletzt war sie stellvertretende Chefredakteurin bei der MG Mediengruppe.

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