Vea Kaiser

Etwas Urlaub zum Mitnehmen, bitte

Über eine Schönwetter-Idee, um gut zu überstehen, was auch immer die zweite Jahreshälfte bringt

Am letzten Tag in Süditalien beobachteten wir unseren Sohn: braungebrannt buddelte er im Sand und lächelte die Welt an. Er war so fröhlich, wie man mit zehn Monaten sein kann.
 „Der Glückliche“, sagte ich zum Dottore Amore, „er hat keine Vorstellung davon, dass der Urlaub morgen endet.“
„Er weiß auch nicht, dass er eines Tages Steuererklärungen machen muss und was eine Inflationsrate ist“, antwortete mein Gatte, woraufhin wir einander die vielfältigen gesellschaftlichen, politischen, ökologischen und ökonomischen Probleme aufzählten, die uns alle dieser Tage beschäftigen – ausgenommen eben Bauxi und Bauxi-Konsorten. Nach dieser halbstündigen Krisenlitanei schickte ich meinen Mann Negroni holen, während Bambino voller Hingabe mit einem Plastik-Walfisch Furchen in den Sand pflügte.

„Zuhause bauen wir ihm eine Sandkiste“, sagte ich, als mein Mann den Alkohol brachte. „Was? Du verabscheust Sand.“
Ich halte diese meine unpopuläre Meinung normalerweise geheim, aber: Ich werde in diesem Leben nicht mehr verstehen, was so toll daran sein soll, Mineralkörnderl in jeder Hautfalte zu finden. „Ich werde den Sand ertragen“, antwortete ich großmütig, „unser Kind braucht etwas von hier für zuhause. Nicht, dass es einen Schreck bekommt, wenn es in den Alltag zurückkehrt.“ „Ich will auch Urlaub zum Mitnehmen!“, schrie mein Mann sofort. „Mir graust jetzt schon vor dem Herbst.“ Wir handelten also aus, dass er zuhause das Hemd bis zum Bauchnabel offen tragen darf, und ich an geraden Tagen Zeit für Abendsport freigeschaufelt bekomme und an ungeraden wohltemperierten Rotwein. Zudem beschlossen wir, auch in Wien Gemüse nur am Markt zu kaufen, immer Oliven auf den Tisch zu stellen, und mehr Negroni zu trinken – wie im Urlaub. Denn Urlaub ist vor allem eine Geisteshaltung. Und da wirkt ein Negroni im Zweifelsfall wunder.

Vea Kaiser

Über Vea Kaiser

Vea Kaiser ist die Autorin der Nr.1-Bestseller „Blasmusikpop“, „Makarionissi“ und „Rückwärtswalzer“. Ihre Bücher wurden vielfach preisgekrönt und in mehrere Sprachen übersetzt. Die studierte Altphilologin lebt mit Familie am Wiener Stadtrand und schreibt für die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

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