Chaos de luxe Kolumne: Vivat Spießigkeit!

Gewohnheiten haben die gleiche Funktion wie Kuscheltiere für Kleinkinder.

Badeschluss! Und entsprechende Melancholie-Nebel senken sich über das Vöslauer Thermalbad-Kabanien. Wie in Tschechow-Stücken werden weiße Laken über Korbmöbel geworfen, eine letzte Runde im grünen Becken gedreht, der letzte Rosé gegen den Abschiedsschmerz verputzt, Kühlschränke unter Fluchsalven abgetaut und man versichert einander, dass man sich im Winter öfter, aber diesmal wirklich, wird sehen müssen. Gewohnheit ist laut Herrn Balzac "ein Monster, das alles verschlingt.” Ich widerspreche: Gewohnheit ist, so mein Installateur Zoran, ein Marc Aurel des Rohrwesens, "ganz a Wichtiges in aner Wölt, in der alles, was amal net normal war, jetzta normal ist.”

Meine Gewohnheiten haben die gleiche Funktion wie für Kleinkinder Kuscheltiere: sie wiegen einen in einer Illusion der Sicherheit. Ich fahre tatsächlich konstant maximal in drei Locations (Spanien, Altaussee und "auf“ Sri Lanka), esse beim Chinesen immer K 8 (Rindfleisch extra scharf), besuche nahezu immer die gleichen Lokale, kaufe meine Salzstangerln ausschließlich beim Öfferl, und entwickle  generell eine Experimentier-Trägheit und Trampelpfad-Affinität, die mir manchmal Sorgen bereiten. Alter, neue Spießigkeit, zunehmend beschränkter Horizont? Ok, Boomerin, flüstere ich mir zu: Du hast dich in indischen Bussen durch rütteln lassen, allein in der südafrikanischen Pampa einen Platten klar gekriegt, bist im Yukon Kanu gefahren, in Costa Rica in die Strömung geraten, hast dich in Buenos Aires  und New York ausrauben lassen und in Altaussee den Pfarrer unter den Tisch getrunken. In grosso modo im Leistungsgegenstand Abenteuer: ein absolutes Zufriedenstellend. Da darf man sich doch wieder wie ein greises Kleinkind auf jene Maitage freuen, wo man  die Laken wieder von den Korbmöbeln schleudert, der Rosé gebunkert wird und alle sich wieder mit inbrünstigen "Endlich”- Seufzern in die Arme fallen. Denn, wie meine Freundin C mit zärtlicher Gnadenlosigkeit anmerkt: "Wir sind definitiv durchwegs zu alt für neue Freunde.”

Polly Adler

Über Polly Adler

Polly Adler steht als Chaos-de-luxe-Kolumnistin auf dem satirischen Beobachtungsposten von Alltags-Irrsinn, Beziehungs-Herausforderungen und Brutpflege. Hinter dem Pseudonym versteckt sich die Wiener Journalistin Angelika Hager. Aus Polly Adlers verrückter Welt entstanden inzwischen acht Bücher, eine TV-Serie und diverse Bühnen-Shows, aktuell „Knietief im Glamour”: die Polly-Adler-Show im Rabenhof. Jeden Sonntag um 11 Uhr.

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