Grundgütiger!

Herzensbildung sollte zum Hauptgegenstand werden!

An einem späten Sonntagabend nach einem völlig überzahlten Dinner in so einer Da-gehen-jetzt-alle-hin-Location, wo die Portionen sowie die Freundlichkeit der Kellner überschaubar waren, marschierte ich die Maria Hilferstraße hinunter. Viele, darunter auch extrem junge Menschen, saßen oder lagen vor Geschäftseingängen. Das Thermometer zeigte drei Grad. Vor einem Laden, in dessen Innerem in nahezu zynischem Kontrast riesige Plakate von in ausgelassener Laszivität befindliche Schön-Menschen aufgespannt waren, lag ein Mann, schätzungsweise Mitte vierzig, in seinem Schlafsack.

Das Szenario wirkte so, als ob er dieses Ritual im Leben mit einem Dach über dem Kopf nachtnächtlich exakt so vollzogen hatte: Aufgeschüttelte Kopfpolster, Jacken ordentlich neben sich gefaltet, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, ein Buch in den Händen, nämlich den Roman „Makarionissi“ meiner Kolumnen-Kumpeline Vea. Ich wollte ihn fragen, ob ich von ihm ein Foto machen dürfe, weil ich es der Autorin gerne schicken wolle. Und in der nächsten Sekunde wurde der Impuls von einem Schamgefühl überlagert: Wie empathie-taub allein das Ansinnen, schließlich war das ein aus der Spur geratener Mensch und keine Kuriosität in einem Vergnügungspark.

Warum lag er hier? Waren die Schlafstätten für Obdachlose überfüllt? Oder verweigerte er sich aus Misstrauen vor Institutionen prinzipiell offiziellen Unterkünften wie viele, wie mir einmal eine Caritas-Mitarbeiterin erzählt hatte, die mit dem Kälte-Express durch die Nacht fuhr, um Wohnungslose vor dem Erfrieren zu bewahren. Wir werden in nächster Zeit viel von dem brauchen, was den altmodischen Namen Herzensbildung trägt. In Form von ausgefüllten Erlagscheinen an die Caritas, Diakonie undundund, Freundlichkeit, Tonnen von Freundlichkeit sowie Mitgefühl de luxe. Während ich diese Zeilen schreibe, sehe ich auf dem Dach eines Hotels im Prater in riesigen Neonbuchstaben die Worte leuchten: „Be kind!“ Grundgütiger! Manchmal hat der Zufall einfach magische Hände!

Valentinstag-Special mi8t Polly Adler und ihrer Truppe  im Rabenhof

Polly Adler

Über Polly Adler

Polly Adler steht als Chaos-de-luxe-Kolumnistin auf dem satirischen Beobachtungsposten von Alltags-Irrsinn, Beziehungs-Herausforderungen und Brutpflege. Hinter dem Pseudonym versteckt sich die Wiener Journalistin Angelika Hager. Aus Polly Adlers verrückter Welt entstanden inzwischen acht Bücher, eine TV-Serie und diverse Bühnen-Shows, aktuell „Nymphen in Not”.

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