Krieg und Ego-Triebe

Was ist unsere Betroffenheit wert?

Natürlich hat es auch etwas Herzerwärmendes, wenn alle Insta-Profile in den ukrainischen Farben leuchten, und von Kim Kardashian (wann werden wir sie in einem blau-gelben Jumpsuit von Olivier Rousteing sehen?) über Harry und Meghan bis zu Lars Eidinger ihrer tiefen Betroffenheit Ausdruck verleihen. Nicht zu vergessen Madonna, die sich dort lasziv in einem Skatertrikot räkelt und Putins übermalte Visage mit der Abmahnung „I cannot take this“ übersingt, das wird den Kreml sicher nachhaltig zum Zittern bringen. Tatsächlich lässt sich wie auch im Fall dieses „sinnlosen“ Krieges (welcher Krieg genau war eigentlich sinnvoll?), ablesen, dass Celebrities gerne welterschütternden Irrsinn benutzen, um ihre Ego-Show weiter am Rotieren zu halten. Ich würde unfassbar gerne wissen, ob und wie viel all diese mega-besorgten Superpromis an Substantiellem auf Hilfskonten überweisen.

Substantiell ist, dass es einem durchaus ein bisschen weh tut, drunter gilt nicht. Oder ihre Zweit- und Dritthäuser ukrainischen Müttern mit ihren Kindern öffnen. Wahrscheinlich ist es so wie immer: Jene, die kein Publikum für ihre Betroffenheit brauchen, verausgaben sich beim Helfen am meisten. Und dann gibt es noch die Wirklichkeits-Ausblender, die weiter ihre Geburtstagstorten, mit Babys schmusenden Kojkarpfen, Katzenbabys und Frühlingsblumen posten. Auch von der Schutzpatronin Santa Ignorantia gesegnet. Ich denke an die junge Berliner Krankenschwester, die zu Beginn der Pandemie auf Facebook alle Klatscher wissen ließ: „Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken.“
Das Gleiche denken sich die, die  sich gerade mit zwei kleinen Kindern und einem Rollkoffer gen Polen schleppen, wahrscheinlich zum Thema Betroffenheit. Also: Lasst uns ein bisschen streng mit uns selbst sein. Und unsere Solidarität in Währungseinheiten wie Scheine und offene Türen umwechseln. Da kann man dann schnell herausfinden, was sie wert ist.

Polly Adler

Über Polly Adler

Polly Adler steht als Chaos-de-luxe-Kolumnistin auf dem satirischen Beobachtungsposten von Alltags-Irrsinn, Beziehungs-Herausforderungen und Brutpflege. Hinter dem Pseudonym versteckt sich die Wiener Journalistin Angelika Hager. Aus Polly Adlers verrückter Welt entstanden inzwischen acht Bücher, eine TV-Serie und diverse Bühnen-Shows, aktuell „Nymphen in Not”.

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