Hormoneller Fuhrpark

Als die Braut sich etwas Schockierendes traute.

Ich stehe noch immer unter  Schock. Es war ein Erlebnis von Will-Smithesker Wucht, das einen mit diesem Nachgeschmack aus Peinlichkeit und Horror beließ. Also, Hochzeit: Die Tochter einer Freundin hatte mit dem ganzen Tralala, den das Terrorregime eines Weddingplaners so mit sich bringt, geheiratet. Ein steirisches Schloss war angemietet worden; die feindlichen Schwiegermütter hatten sich im Vorfeld über Dinge gefetzt, wie, ob die Torte vegan gehalten werden müsse. Seidene Zores eben.

Der Bräutigam, Abteilung Immo-Schnösel, hatte am schönsten Tag seines Lebens eher die Gesichtsfarbe einer Leberwurst, die zu lange in der Sonne gelegen war. Junggesellenabschied-Hangover. Nach der Kirche kam das siebengängige Festessen und vor dem Sorbet, als sich eigentlich die jeweiligen Trauzeuginnen zu einer launigen Rede erheben sollten, stand die Braut plötzlich auf und sagte: „Ich möchte, dass ihr es alle wisst: Ich habe eben einen promisken Super-Narzissten geheiratet, neben mir gibt es nämlich noch zwei andere Frauen, wie ich gestern erfahren musste, ich bin also Teil eines hormonellen Fuhrparks. Aber da man ohnehin nichts mehr stornieren konnte und ihr euch schon alle das Wochenende frei geschaufelt habt, trinke ich jetzt einmal auf meine Situationselastizität!“ Nach einem kräftigen Schluck Champagner rief sie in die bleierne Stille des Entsetzens: „Es lebe die Freiheit, besonders meine!“ Ich begann zu klatschen, um diesen Wall peinlicher Berührtheit aufzubrechen, und da die Menschen nach dem Herdenmodus funktionieren, fiel das Team Braut in den absurden Applaus ein. Die Scheidung ist übrigens bereits eingereicht und die Braut ließ mich später wissen: „Ich habe mich noch nie so gut und richtig gefühlt, danke für deinen Support.“ – „Es war sehr besonders“, schrieb ich zurück, „ein exzentrisches Leuchtfeuer feministischer Individualität. Und danke für den Kolumnenstoff!“ 

Polly Adler

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