Wenn Wien ein paar hundert Kilometer in den Norden rückt

Christian Seiler

von Christian Seiler

Es gehört zu den Eigenheiten dieser Jahreszeit, dass jeder Spaziergang um Licht betteln muss. Die Sonne geht spät auf.

Wenn der Hochnebel überhaupt die Gnade besitzt, irgendwann ein paar Strahlen durchzulassen, dann ist es bestimmt schon Mittag, und wenn es Mittag ist, dann ist auch der Sonnenuntergang nicht mehr fern. An diesen Tagen habe ich das Gefühl, dass Wien um ein paar hundert Kilometer nach Norden gerutscht ist. Hat wer was gehört? Es gibt ja jede Menge Gerüchte dieser Tage ... 

An diesen Tagen habe ich das Gefühl, dass Wien um ein paar hundert Kilometer nach Norden gerutscht ist. Hat wer was gehört? Es gibt ja jede Menge Gerüchte dieser Tage ... Ich fand mich zwangsläufig in der Dämmerung wieder, als ich vom Praterstern kommend bei der Franzensbrücke die Stiegen zum Donaukanal hinunterstieg. Es war kühl. Ein paar Jogger arbeiteten sich an ihrem täglichen Pensum ab, einer wollte nicht darauf verzichten, das in kurzen Hosen zu tun, ich konnte sehen, wie sich die Haut an seinen Unterschenkeln vor Kälte gerötet hatte und dachte mir: vielleicht bekommt er ja eine Trainingshose zu Weihnachten, liebes Christkind … 

Plötzlich hörte ich Musik. Ich kannte den Song. Es war „This Thing Called Life“ vom schönen Richard Ashcroft-Album „Acoustic Hymns No 1“, das vor ein paar Monaten erschienen ist. Ein paar junge Menschen saßen, die Kapuzen ihrer Hoodies über den Kopf gezogen, neben einem Fußballkäfig auf einer Bank, tranken Bier aus der Dose und wärmten sich am Sound ihres Bluetooth-Speakers. 

Ich verlangsamte meinen Schritt. Musik, die man inwendig kennt und besonders liebt, bekommt im öffentlichen Zusammenhang etwas fast beschämend Intimes. Ich fühlte mich mit den jungen Typen und ihrer Playlist für einen Moment verbunden, betrachtete die bunten Lichter auf der anderen Seite des Kanals, die Weihnachtsbeleuchtung am Geländer der Urania-Terrasse, die Spiegelungen der Straßenbeleuchtung im dunkel und beständig dahinfließenden Wasser, und ich fragte mich, ob die Playlist wohl das ganze Album enthalten würde, weil dann käme demnächst der Song „Break The Night With Colour“, und das wäre ein geradezu großartiger Soundtrack für diesen Spaziergang in der dunkelsten Woche des Jahres. Aber es folgte irgendeine Hip-Hop-Nummer, die ich nicht identifizieren konnte, und so ging ich weiter, bevor die Typen mich für einen Zivilpolizisten halten mussten und summte den Refrain des Songs, den ich nun doch nur in meinem Kopf hörte: „Oh, Let’s Break the Night with Colour/Time for me to move ahead“ … 

So befeuert marschierte ich auf das leuchtende Zeichen zu, das sich über die Fassaden der Wohnhäuser am Franz-Josefs-Kai erhob. Es war der hell beleuchtete Ringturm, und ich lobte mir die Chance, die der Architekt Erich Boltenstern in den Fünfzigerjahren ergriffen hatte, als er der Wiener Innenstadt diesen eleganten Turm schenkte. Ein monumentales Graffiti an der Kaimauer forderte mich folgerichtig auf, zu lächeln: KEEP SMILING. 

Ich lächelte. Betrachtete mit ehrlicher Freude den stilisierten Weihnachtsbaum, der die Fassade des Ringturms hinaufklettert, bewunderte ihn aus allen Perspektiven, bevor ich weiterging und schließlich über den Nixdorf-Steg in die Rossau entwischte.  

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