Fahrrad-Sicherheit: So bleiben E-Biker unverletzt

Die schweren Unfälle von Radfahrern mit E-Motor häufen sich. ÖAMTC-Mobilitätsexpertin Ellen Dehnert erklärt praxisnah, worauf wir achten sollten.

Derzeit ist schon jedes zweite Fahrrad, das in Österreich verkauft wird, ein E-Bike. Es überrascht daher nicht, dass parallel zu den Absatzzahlen auch die Anzahl der Unfälle mit Spitalsbehandlung oder gar tödlichem Ausgang sehr stark angestiegen sind.

Wir wollen Sie hier nicht lange mit Zahlen aufhalten – wir wollen Ellen Dehnert ausreichend Raum geben, um präventiv auf möglichst alle Aspekte hinzuweisen, die für das sichere Radeln mit einem E-Bike entscheidend sind. Ihr und ihren Tipps zu folgen, macht uns alle sicher. Ellen Dehnert leitet beim ÖAMTC die Abteilung für Mobilitätsprogramme und führt auch selbst E-Bike-Kurse. Neun Punkte sind ihr wichtig:

Kaufentscheidung: Vorab: Wir gehen hier auf sogenannte Pedelecs ein. Das sind E-Bikes, die nur dann zusätzlich Unterstützung bieten, wenn sie getreten (nomen est omen: pedaliert) werden. Vor dem Kauf ist zu überlegen: Wo und wie weit möchte ich mit dem Fahrzeug fahren? Rat der Fachfrau: „Ihr braucht nicht wirklich den stärksten Motor, ihr braucht auch nicht unbedingt das top-aktuelle Modell.“

Für alle E-Einsteiger: Wer schon lange nicht mehr Radfahren war, der oder die probiert es vorsichtshalber zuerst einmal mit einem herkömmlichen Rad ohne E-Motor – idealerweise in einer verkehrsberuhigten Zone. Schnell sollte sich dabei ein Gefühl der Fahrsicherheit und auch der puren Freude einstellen. Wer sich dann noch nicht sicher ist, ob ein Elektrofahrrad zu ihm passt, kann einen speziellen E-Bike-Kurs buchen (siehe rechts).

Erste Meter ohne Motor: „Die ersten Meter legen wir bitte noch ohne Motorunterstützung zurück“, sagt Expertin Ellen Dehnert gleich zu Beginn ihrer Kurse. Es gilt zunächst, sich mit dem schweren Fahrrad vertraut zu machen. Unbedarften gelingt das oft, indem sie es zunächst ein kurzes Stück schieben. Die Erfahrung lehrt (leider): Erste Verletzungen, sogar Knochenbrüche, resultieren vom Ein- bzw. Aufsteigen.

Erste Meter mit Motor: Achtung, Achtung beim Losfahren! „Man beschleunigt mit Motor viel schneller“, warnt die Kursleiterin im gut abgegrenzten Mobilitätspark. Was die Neueinsteiger wissen sollten, um keine böse Überraschung zu erleben: Schon mit dem ersten Pedaltritt löst der Motor einen Schub aus. Nach Prinzipien der Physik gilt auch beim E-Bike: Je flotter sich die Räder drehen umso stabiler das Fahrrad. Angst vor dem höheren Tempo darf man daher nicht haben.

Erste Bremsung: Achtung, Achtung, die Physik wirkt auch umgekehrt, beim Stehenbleiben! Mit abnehmender Geschwindigkeit wird das Rad-Balance-System instabiler. Wichtig: Auch das Bremsen eines E-Bikes will gelernt sein: „Heute verfügen praktisch alle Markenräder über hydraulische Bremsen“, erklärt Ellen Dehnert. „Die sollen dem höheren Gewicht eines E-Bikes gerecht werden, sind gleichzeitig aber giftiger als Bremsen, die Sie vielleicht kennen.“ Die Expertin hat einen Tipp, den man sich leicht merken kann und der sich auch einfach umsetzen lässt: „Bremsen Sie mit beiden Bremsen gleichzeitig, aber nur mit jeweils zwei Fingern.“

Abbiegen, Kurve fahren: „Ich muss mit meinem Rad eins sein, um auch diese Aufgabe problemlos zu bewältigen“, hören Teilnehmer im dreistündigen ÖAMTC-Kurs. Im Straßenverkehr sind sie dann angehalten, kurz vor dem Abbiegen links oder rechts Handzeichen zu geben. Die Schräglage, die sich beim Kurvenfahren wie von selbst einstellt, gehört notwendigerweise dazu, erläutert Ellen Dehnert: „Damit wehre ich mich gegen die Fliehkraft.“

©Kurier/Gilbert Novy

Andere Radfahrer: Auf Radwegen und auf Straßen fällt auf, dass andere Verkehrsteilnehmer mit der Geschwindigkeit der E-Biker öfters mal überfordert sind. Die rauschen oft viel zügiger heran als jene erwarten.

Kürzer treten: Entgegen der Klischees ist man mit dem E-Bike nicht schneller, aber man erreicht mit weniger Anstrengung ein höheres Durchschnittstempo. Daraus ergibt sich nach Adam Riese der Faktor 3: E-Biker fahren im Schnitt drei Mal so weit als mit herkömmlichen Rädern. Wodurch Novizen naturgemäß Ungemach droht, weil alle involvierten Körperteile zu schmerzen beginnen. Noch viel schwerwiegender: Mit zunehmender Müdigkeit bei der Rückfahrt sinkt zeitgleich die Konzentration, und es steigt das Unfallrisiko. Ihr dringender Rat: „Beginnen Sie mit kürzeren Strecken.“

Eigene Einschätzung: Ellen Dehnert erzählt von Kursteilnehmern, die sich nach Kursende bei ihr bedanken und hinzufügen, dass das E-Bike nicht ihr Ding ist. Sie sagt daher offen: „Wer unsicher auf dem Fahrrad ist, für den wird es gefährlich.“

©Kurier/Gilbert Novy

Kurse für KURIER-Leser:innen

Kostenlose E-Bike-Kurse: Theorie und Fahrpraxis: Dreistündige Kurse für alle Wiedereinsteiger, Umsteiger und Kaufinteressierte bietet der Mobilitätsclub ÖAMTC in Wien,
in NÖ und im Burgenland. Weitere Informationen hier.

Info-Abend für KURIER-Leser:innen: Das Medienhaus KURIER lädt am Dienstag, 14. Juni, ab 18.30 Uhr zu einem E-Bike-Info-Abend in das „QWIC Experience Center“ in 1010 Wien, Schottenring 28. ÖAMTC-Expertin Ellen Dehnert wird auf Fahrsicherheitsaspekte eingehen, KURIER-Redakteur Uwe Mauch seine praktischen Erfahrungen als Radfahrer zum Besten geben. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung erforderlich, und zwar hier.

Uwe Mauch

Über Uwe Mauch

Uwe Mauch, geboren 1966 in Wien, seit 1995 Redakteur beim KURIER, Autor lebensnaher Porträts und Reportagen sowie zahlreicher Bücher, unter anderem: "Unsere Nachbarn" (2002), "Wien und der Fußball" (2007), "Lokalmatadore" (2008), "In 80 Arbeitstagen um die Welt" (2011), "Federführend. Über die Magie der Handschrift" (2013), "Stiege 8/Tür 7. Homestorys aus dem Wiener Gemeindebau" (2014), "Die Armen von Wien" (2016) sowie eines "Wien"- und eines "Zagreb"-Stadtführers.

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