Diese Politiker stolperten über Partyexzesse

Von Sex-Treffen bis Drogeneskapaden. Wer zurücktreten musste und wem die Entgleisungen nicht schadeten.

Boris Johnson ist wahrlich dafür bekannt, kein Partymuffel zu sein. Das Internet ist voll von Bildern, die ihn beim Feiern oder Biertrinken zeigen. Und jetzt gibt es beinahe jeden Tag Neuigkeiten zum britischen Premierminister, der im Lockdown 2020 an einer Feier in der Downing Street teilnahm. Er sei in den Garten seines Amtssitzes gekommen, um sich bei Mitarbeitern zu bedanken und habe geglaubt, es habe sich um ein Arbeitstreffen gehandelt, sagte der Regierungschef. So richtig exzessiv dürfte es bei der Polit-Elite diesmal nicht zugegangen sein, aber eine Corona-Party darf man bei einer Vorbildfunktion dann doch nicht besuchen. Und so wird es jetzt wirklich eng für Johnson. "Partygate" und kein Ende.

Er wäre nicht der erste Politiker, der nach einer missglückten Feier zurücktreten musste. Schon mehrere wichtige Entscheidungsträger stolperten über Zusammenkünfte. Auch in Großbritannien. Und die waren nicht so bieder wie jene vom Mai 2020. Oft ging es um Sex, um illegale Drogen oder um beides.

Kriegsminister und Model

Wir schreiben den Juli 1961. John Profumo war 46 Jahre alt, Abgeordneter der Konservativen Partei und Kriegsminister Ihrer Majestät - und er war Gast auf einer Gartenparty von Lord Astor. Während die englische Elite am Land wohl gediegene Gespräche führte, plantschte im Pool ein nacktes Model. Es war zur Unterhaltung engagiert worden, die feinen Herren haben wohl während des Plauderns verstohlen einen Blick auf sie geworfen. Profumo auf jeden Fall - er verliebte sich in die 19-jährige, bildhübsche Christine Keeler, die sich als "Mannequin" durchschlug und mit dem Arzt Stephen Ward einen Prostitutionsring hochgezogen haben soll.

Das Model Christine Keeler.

©APA/AFP

Die beiden begannen eine Affäre, Keeler hatte aber auch etwas mit dem Verteidigungsattaché der sowjetischen Botschaft in London am Laufen. Nach Bekanntwerden der Affäre geriet Profumo unter Druck. Kritiker befürchteten, dass Keeler Informationen des Ministers an die Sowjets weitergegeben haben könnte - eine Gefahr für die nationale Sicherheit Großbritanniens. Die Liebelei des Politikers geriet zur Staatsaffäre, Profumo trat zurück.

John Profumo musste zurücktreten.

©Reuters/Handout

Zuletzt hatte in Brüssel ein Fall für Schlagzeilen gesorgt, die gerade in Ungarn wie eine Bombe einschlugen. Es war ein Fall der Marke "Kannst du nicht erfinden". Oder zumindest ein Fall wie aus einer preisgekrönten Serie und ein Fressen für die Medien. Ein prominenter EU-Abgeordneter des Landes und enger Vertrauter des rechtskonservativen Ministerpräsidenten Viktor Orban wurde im Dezember 2020 in Brüssel bei einer Sex-Party mit 25 nackten Männern erwischt. Trotz der rigiden Corona-Beschränkungen.

Nach den peinlichen Enthüllungen musste Jozsef Szajer, der als wichtige Stütze der Regierungspartei Fidesz galt, zurücktreten. Belgische Medien nannten die unerlaubte Zusammmenkunft eine "Orgie". Szajer hatte noch versucht, über eine Regenrinne aus der Wohnung zu flüchten, in der heimlich gefeiert wurde. „Die Hände des Mannes waren blutig, es ist möglich, dass er sich bei seiner Flucht verletzt hat“, teilte die Staatsanwaltschaft mit. In seinem Rucksack wurde obendrein die Droge Ecstasy gefunden.

Christliche Werte

Die Affäre war für die nationalkonservative Regierungspartei auch deshalb besonders peinlich, weil sie als Verfechterin traditioneller Werte auftritt und die Ehe als „Bund zwischen Mann und Frau“ in der Verfassung verankert hat. Die ungarische Partei wollte damit eigenen Angaben zufolge „christliche Werte“ schützen. Der Jurist Szajer, verheiratet mit einer Richterin, spielte bei der Ausarbeitung der Verfassung von 2011 eine Schlüsselrolle. Die Party flog just in jener Zeit auf, als in die Verfassung auch noch eingefügt werden sollte, dass „die Mutter eine Frau, der Vater ein Mann“ ist; eine Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare sollte verboten werden.
 

Jozsef Szajer trat für konservative Werte ein - und machte das Gegenteil.

©REUTERS/BERNADETT SZABO

Pikant war auch der Fall des früheren tschechischen Ministerpräsidenten Mirek Topolanek. Ein Paparazzo wollte 2007 das wilde Treiben auf dem Areal von Silvio Berlusconis Villa auf Sardinien festhalten. Dabei lichtete er einen nackten Mann ab, der eine frappante Ähnlichkeit mit Topolanek hatte und sich einer nackten Frau im Liegestuhl zuwandte. Das spanische Medium "El Pais" druckte diese Bilder ab. Der Politiker gab zu, auf Einladung Berlusconis dort gewesen zu sein, sagte aber, das Bild sei manipuliert worden. Und gegenüber tschechischen Journalisten sagte er laut der Süddeutschen: "Ich werde nie wieder ein Angebot irgend eines Politikers akzeptieren, meine Ferien ganz privat unter der Bewachung der Carabinieri zu verbringen."

Berlusconi hatte die Bilder des Fotografen Zappadu dann laut Spiegel beschlagnahmen lassen, weil "er dadurch seine Privatsphäre verletzt sieht", und ließ in Italien die Veröffentlichung untersagen. Auf den auch ins Internet gestellten Bildern waren Frauen oben ohne beim Sonnen zu sehen. Auch Berlusconi war auf Fotos - umringt von jungen Frauen. Sie waren aber nicht nackt. 

Bunga Bunga

Der mittlerweile 85-jährige Berlusconi, der mit seinen Bunga-Bunga-Partys mit jungen Frauen für Skandale gesorgt hat, steht noch immer  wegen Korruption und Zeugenbestechung vor Gericht. Es sind juristische Nachwehen dieses Skandals aus dem Jahr 2010. Nun möchte er Präsident werden und wäre von juristischer Immunität geschützt und die Verfahren kämen zunächst zur Ruhe. Trotz dieses Skandals kehrt er in regelmäßigen Abständen in die Politik zurück.

Und auch rechtlich blieb wenig hängen. Strittig war bei der juristischen Aufarbeitung der Partys vor allem, ob Berlusconi wusste, dass die marokkanische Tänzerin "Ruby" damals noch nicht volljährig war. Ihm war vorgeworfen worden, er habe Ruby für Sex bezahlt. Berlusconi war im ersten Verfahren wegen der Sex-Partys 2013 zunächst verurteilt, im Berufungsprozess 2015 aber freigesprochen worden. Das Gericht hatte zu seinen Gunsten angenommen, dass Berlusconi damals nicht gewusst habe, dass Ruby erst 17 Jahre alt war.

Dieser Demonstrant will keinen Berlusconi als Präsident.

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Der heutige dänische Außenminister Jeppe Kofod musste zumindest 2008 als außenpolitischer Sprecher der Sozialdemokratischen Partei zurücktreten, nachdem er Sex mit einer 15-Jährigen bei einer Parteiveranstaltung zugegeben hatte. Dem war ausgiebiger Alkoholkonsum vorausgegangen. Dänemarks Mindestalter für sexuelle Handlungen liegt bei 15 Jahren - strafbar machte er sich dabei nicht. Der damals 34-Jährige entschuldigte sich für seinen „Mangel an Urteilsvermögen“ und die „moralisch unangemessene Beziehung“ zu der Jugendlichen. Während damals viele Sozialdemokraten Kofods Verhalten verurteilten, bekam er vom politisch-gegnerischen Lager der rechtsliberalen Partei sogar Rückendeckung.

Jeppe Kofod ist dänischer Außenminister - und musste schon einmal zurücktreten.

©EPA/ANDREJ CUKIC

Zwar stolperte dieser Party-Senator nicht politisch über seine Feierlaune. Für gehöriges Aufsehen sorgte sie aber dennoch. Ronald Schill war zwischen 2001 und 2003 Hamburgs Innensenator. Er war als "Richter Gnadenlos" bekannt geworden und machte sich für eine rigide Drogenpolitik stark. 2002 behauptete ein Parteifreund, Schill kokse. Der Innensenator stritt alles ab und legte einen negativen Drogentest vor. 2003 wurde er geschasst, weil er dem Bürgermeister gedroht hatte, dessen angebliches homosexuelles Verhältnis zu outen.

Dann war es ein paar Jahre ruhig, bis 2008 ein Video auftauchte, das Schill beim Koksen zeigte. Man sah ihn, wie er in einer Männerrunde sagte: "Aber jetzt wirkt das Koks bei mir, du. Ich fühl mich total wach." Und er prahlte damit, nach Christoph Daum der prominenteste Kokser Deutschlands zu sein. "Ich war nie Moralist. Ich war immer Hedonist“, sagt er später der Zeitschrift Stern. „In den Swingerklub gehen und konservative Werte vertreten - für mich hat das immer zusammengepasst.“

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich den schönen Dingen im Leben widmen. Zuvor war er fast zehn Jahre in der KURIER-Chronik. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in Linz, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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