Out of Vienna - Wien erobert die Musikwelt

Weilst an Herzschlog host wie Wien: 30 Jahre Kruder & Dorfmeister

Lässig & loungig: Dank zweier Selfmade-Musiker war der Wiener Sound der frühen 90er-Jahre auf einmal on top of the world. Demnächst spielen sie in Linz.

Rückblickend betrachtet, war das keine g'mahte Wiese. Nie und nimmer. Im Musikjahr 1993 gingen neben Mariah Carey und Whitney Houston die Grunge- und Alternativ-Rocker Pearl Jam und 4 Non Blondes durch die Decke, elektronische Sounds waren noch etwas für eine Minderheit. Und dann kamen sie: Peter Kruder und Richard Dorfmeister, zwei Musiknerds aus Wien, die es mithilfe dreier Elemente schafften, fast über Nacht zu Weltstars zu werden: die Sampling-Kunst, also die Neuverwertung konservierter Töne, originelle Mixes und ein geradezu geniales Gefühl für das richtige Timing.

Elvis Presley's "Blue Moon" kommt auf "High Noon", ihrem ersten Welthit, so lässig und jazzig daher, dass sich beim ersten Anhören viele die Ohren rieben und fragten: Was ist das denn?  Gilles Peterson, die Acid-Jazz-Radio-DJ-Legende, machte das genauso. Und er spielte den Titel in London in seiner Sendung, immer und immer wieder. Ab da kam das Plattenlabel G-Stone Recordings kaum mehr mit dem Pressen nach.

Der gelernte Friseur Peter Kruder im "WienPop"-Buch von Walter Gröbchen, Thomas Mießgang u.a.: "Gilles Peterson meinte später sogar, wir wären sein Beatles-Moment gewesen. Der hat das in seiner Show gespielt wie wild. Für uns war das der Ritterschlag, wir waren ja große Fans seiner Sendung."

Bitte reinhören, klingt doch taufrisch, hat aber bald 30 Jahre auf den Rillen ("G-Stoned", das dazugehörige Album, wurde Sept./Okt. 1993 aufgenommen - in der Grundsteingasse in Ottakring, in Kruders Heimstudio).

   

Halt, nur drei Elemente waren nötig, um den Welterfolg zu landen? Nein, stimmt nicht ganz, es waren vier: Ohne Schmäh, Wiener Schmäh, hätte sich der Erfolg wohl erst später eingestellt, viel später.

Schon die Gründung des Duos Kruder & Dorfmeister klingt wie ein Witz. Die beiden Szenetypen kannten sich bereits von diversen Clubs und Events, die Wege aber trennten sich, als Dorfmeister für ein Jahr nach London ging. Irgendwann kommt Kruder, der mit der mütterlichen Sammlung von Bossa-Nova-Platten aufwuchs, das Album "Bookends" der US-amerikanischen Liedermacher Simon & Garfunkel in die Hände. "Das ist echt Wahnsinn: Garfunkel sieht aus wie Richard Dorfmeister!", erinnert er sich in dem Buch "Sound Of The Cities", das von Antwerpen über Berlin, Memphis und Nashville bis Wien auf popmusikalische Entdeckungsreise geht.

Und wirklich: Die Ähnlichkeit ist frappierend. Kruder schickte seinem Bekannten eine Fotokopie des Covers nach London mit der Notiz: "Der schaut aus wie du. Wir sollten eine Platte machen, nur um das Cover nachzumachen."

Simon & Garfunkel, Bookends, 1968

©Columbia Records

Ein paar Tage später steht Dorfmeister mit seinem Auto voller Equipment in der Grundsteingasse in Wien-Ottakring. Vier Titel sind bald aufgenommen - "Definition", "Deep Shit Pt.1 & Pt. 2", "High Noon" und "Original Bedroom Rockers". Das Foto fürs Cover (ganz oben) inszeniert der Wiener Fotokünstler Gerhard Heller (1947-2017).  Und die Wiener Electronic-Pop-Geschichte nahm ihren Lauf.

Remixes für Madonna oder Depeche Mode machten das Duo in der Folge zur ersten Adresse für Superstars des Pop. Als gefragte DJs touren Kruder & Dorfmeister samt aufwendiger Lichtshow, Videos und Visuals mit Sugar B. als MC zwischen London, New York und Sydney. Mit dem Doppelalbum "The K&D Sessions" von 1998 schaffen sie ein "Album für die Ewigkeit" (Manfred Klimek). Und sich selbst ein Problem: Immer mehr Stars klopfen an, um ihre Hits von dem Wiener Duo auffrisieren zu lassen. 

Nicht mit ihnen. Zu viel Stress, zu hohe Erwartungen. David Bowie holt sich genauso wie Sade und viele andere Musikstars der 90er-Jahre einen Korb. 

Seit Jahren gehen Peter Kruder und Richard Dorfmeister getrennte Wege. Der eine mit seinem Peace Orchester, der andere mit Tosca und anderen Projekten. Immer wieder aber treten K & D wie einst mit großer Show auf die Bühne. Demnächst im Linzer Posthof. Dort bringt das Wiener Downbeat-Duo am 17. Februar ab 20 Uhr sein "1995"-Album zur Aufführung: Eine Zeitreise in die goldene Ära, als der einzigartige "Vienna-Sound" weltweit für eine chillige Stimmung sorgte.

Zur Einstimmung noch eine Kostprobe des Auftritts auf der Wiener Donauinsel 2021 mit einer ganz fabelhaften Version von Falcos "Ganz Wien".

Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. 1978 erster Manager der Linzer Punk-Legende Willi Warma. 1979 Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1986 Institut für Höhere Studien, Wien. 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, 1994 Statist in Richard Linklaters "Before Sunrise", seit 1995 in der FREIZEIT. 2013 "Das kleine ABC des Geldes. Ein Lesebuch für Arm und Reich" (Czernin Verlag). Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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