Julya Rabinowich: "Ich wollte eine jugendliche Heldin erschaffen"

Julya Rabinowich erzählt mit „Dazwischen: Wir“ die Geschichte von Madina weiter. Die Schriftstellerin im Interview über Ausgrenzung, Wurzeln und das Gefühl, angekommen zu sein.

Nach ihrem preisgekrönten Jugendbuch-Debüt „Dazwischen: Ich“ (Hanser) erzählt die Wiener Schriftstellerin Julya Rabinowich (52) in „Dazwischen: Wir“, wie es mit Madina, der Protagonistin ihrer Geschichte, weitergeht. In der Fortsetzung geht es auch um Spaltung innerhalb der Gesellschaft, um Bedrohung und Ausgrenzung.

Was mit rassistischen Schmierereien beginnt, eskaliert zunehmend: „Irgendwann wird Madina klar, dass sie sich wehren muss. Und sie findet Verbündete. Irgendwann ist auch klar, dass es die Zivilgesellschaft braucht, um Grenzen zu ziehen zwischen dem, was man tolerieren und dem, was man nicht mehr tolerieren kann. Und was da wiederum sehr wichtig ist: Diese Grenzziehung muss aus allen politischen Lagern kommen. Das, was so unersetzlich dabei ist, ist das Gemeinsame“, sagt Julya Rabinowich im Interview.

Was war der zündende Gedanke, eine Geschichte über ein Flüchtlingsmädchen zu schreiben?

Julya Rabinowich: Unter anderem der Gedanke, wie grausam Krieg ist und wie lange Menschen, die ihm entkommen sind, immer noch an ihm leiden. Der zweite zündende Gedanke war, welche Kraft Menschen aufbringen können, um sich neu zu definieren, neues Leben zu beginnen, Wurzeln schlagen in Unbekanntem. Wie dieses Unbekannte nach und nach das Vertraute wird. Ich wollte eine jugendliche Heldin erschaffen, die Gleichaltrigen sowohl vermitteln kann, was Krieg verursacht, als auch, wie man weiterlebt, wie man Wege findet, sein Leben grundlegend neu zu gestalten. Neue Sprache, neue Freunde, neues Zuhause findet. Und diese auch verteidigt, wenn es sein muss.

Gibt es Madina, die junge Protagonistin Ihrer Bücher, eigentlich wirklich?

Ich würde mir nie herausnehmen, einen echten, konkreten Menschen vor den Vorhang zu zerren. Madina ist eine Figur, die in sich viele Schicksale vereint. Als ich im Rahmen von Psychotherapien für die Diakonie für geflohene Menschen übersetzte, habe ich viele Madinas kennengelernt, viele Väter und Mütter. Die Hindernisse, die Madina überwinden muss, stellten sich auf die eine oder andere Weise für alle von ihnen. Was ich mit Madina teile, ist die Sehnsucht nach denen, die hinter einem zurückgeblieben sind, der Verlust der Sprache und das Ringen um neue Worte. Und wir teilen uns noch etwas: die strenge, konsequente Deutschlehrerin, die sie unermüdlich anspornt, damit sie das Jahr gut abschließen kann. Die Figur der Frau King ist meiner eigenen Lehrerin nachempfunden, es ist mein Dankeschön an sie: Ich konnte mich als Erwachsene nie bedanken, weil sie sehr früh verstorben ist.

Treffen Sie sich noch regelmäßig mit (Flüchtlings-) Kindern, um sich auszutauschen? Oder kann man sich da als Autorin, die in den 70er-Jahren nach Österreich geflohen ist, noch gut in so eine Lage hineinversetzen?

Meine letzten Treffen sind schon Jahre her – und viele der Kinder und Jugendlichen schon erwachsen. Aber die Erinnerungen an sie sind noch sehr lebendig. Und dann ist da noch mein eigenes Gefühl des Entwurzeltwerdens, des freien Falls, der Erleichterung bei den ersten geschlossenen Freundschaften, bei den ersten geraden Sätzen – das vergisst man natürlich sein Leben lang nicht.

Julya Rabinowich: „Dazwischen: Wir“. Hanser. 255 Seiten. 17,95 Euro 

©Hanser
Nun geht die Geschichte von und mit Madina weiter. Sie scheint nun endlich in ihrer neuen Heimat angekommen zu sein. Was macht dieses Gefühl aus?

Wenn man die Sprache zu beherrschen lernt. Wenn man nicht länger der geduldete Außenseiter ist. Wenn man sich in Sicherheit fühlt. Wenn jemand auf einen wartet. Wenn man weiß, man ist hier zu Hause. Dafür ist es auch nicht notwendig, die Wurzeln komplett zu kappen, wie ich das getan habe. Meine Madina soll beides haben: alte und neue Wurzeln. Der Querschnitt ergibt ihr Leben.

Madina ist im zweiten Teil Ihres Buches eine junge Dame. Sind es nun auch „ganz normale“ Teenager-Probleme, die sie beschäftigen?

Einerseits sind da die Schrecken der Vergangenheit, die Verantwortung für die depressive Mutter, den kleinen Bruder, die Sehnsucht nach ihrer liebevollen Großmutter, die zurückgeblieben ist. Andererseits will sie auch ein ganz normales Teenieleben führen, einen Freund haben, mit ihrer besten Freundin zum Kirtag gehen dürfen, Jeans tragen. Einfach so sein wie alle. So viel dürfen und können wie alle. Das ist ein Dilemma, das viele Mädchen in vergleichbarer Situation betrifft. Madina wird da ihren Weg finden. Mir war eine Bestärkung von Mädchen in vergleichbarer Lage sehr, sehr wichtig.

Die Geschichte ist wie ein Tagebuch geschrieben. Haben Sie als Jugendliche selbst Tagebücher verfasst?

Ich hatte mehrere Tagebücher, die mit lediglich ein paar Sätzen bestückt wurden, das Leben rollte einfach so schnell über mich hinweg, dass ich mit dem Schreiben nicht wirklich nachkam. Ich habe mir diese Sätze vor Kurzem angesehen und mir dabei gedacht: Diese junge Frau war manchmal wirklich sehr verloren. Wie gerne hätte ich sie als Erwachsene getröstet oder in Schutz genommen. Ein Tagebuch kann so vieles sein, eine Chronik erfreulicher und schrecklicher Ereignisse, ein Spiegel, eine Meditation, Selbsterkenntnis und Heilung.

Julya Rabinowich: Geboren 1970 in St. Petersburg, lebt die 52-Jährige seit 1977 in Wien. Rabinowich ist als Schriftstellerin, Kolumnistin und als Dolmetscherin tätig. Mit „Dazwischen: Ich“ veröffentlichte sie bei Hanser 2016 ihr erstes Jugendbuch. Es wurde u. a. mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet.

Fortsetzung: Mit „Dazwischen: Wir“ erzählt  Rabinowich die Geschichte  der vom Krieg  geflüchteten Madina  weiter, ein junges Mädchen, das nicht wegschaut, wenn es brenzlich wird – sie stellt sich dem Hass mutig entgegen.

Marco Weise

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