Dieser Künstler setzt mit seinen Skulpturen auf schiefe Optik

Alex Chinneck peppt den öffentlichen Raum auf. Er lässt einen Strommast in die Erde einschlagen oder bindet Knoten in Briefkästen.

Seine Kunst macht jeden Tag außergewöhnlich. Das behauptet Alex Chinneck. Und wenn man sich seine Werke ansieht, kann man dem Liebling der britischen Kunstszene da nur uneingeschränkt zustimmen.

Chinneck verändert das Straßenbild wie wenig andere Künstler. In London steckt ein gigantischer 35 Meter hoher und 15 Tonnen schwerer Hochspannungsmast in der Erde. „A Bullet from a Shooting Star“ heißt das Werk und es sieht aus, als sei das Gerüst vom All wie ein Geschoß in den Boden von Greenwich gekracht. In Mailand ließ der Engländer die Fassade eines alten Hauses mit einem gigantischen Reißverschluss aufzippen.

Meister der architektonischen Illusion

Der Künstler rollte den Asphalt einer Straße auf, während ein Auto kopfüber an der Fahrbahn haftete. Ein anderes Mal stellte er unter dem Motto „Alphabetti Spaghetti“ in Großbritannien über Nacht klassische rote Briefkästen auf, die in der Mitte einen wulstigen Knoten hatten. Wer das sah, fühlte sich in eine Comic-Welt à la „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ versetzt. Und als sei dies alles nicht schon verrückt genug, schwebte ein Haus losgelöst von den Grundmauern quasi in der Luft. Sehr spektakulär. Nicht ohne Grund nennt man ihn in der Kunstwelt den Meister der architektonischen Illusion.

Und dieser Meister will überraschen, besonders im öffentlichen Raum. Den findet er zwar nicht langweilig, „aber manchmal doch sehr vorhersehbar“, wie er der freizeit verrät. Eine wirkliche Botschaft, sagt er, will er mit seinen Werken nicht vermitteln. Allerdings berücksichtige er immer etwas ganz Wichtiges: „Meine Arbeit soll Menschen von ihren Problemen ablenken, sie sollen sich einen Moment lang nicht an diese erinnern. Ich mag, wie Kunst eine Flucht aus der Realität anbietet.“

Und wenn man schon den Alltag der Menschen unterbreche, soll man das auf positive Weise tun. „Ich versuche Skulpturen zu schaffen, die sich der Logik entziehen, aber ihre Umgebung würdigen.“ Bei seinen surrealistischen Werken bedient er sich bei vertrauten Gegenständen aus unserem Alltag und spielt damit. „Derartige Illusionen sind leicht zugänglich. Jeder kann sie verstehen und sich daran erfreuen.“

Hallo, Briefkasten! Ein Knoten lässt das Objekt lebendig erscheinen

©APA/AFP/DANIEL LEAL-OLIVAS

Bis so eine Skulptur ein Lächeln im Gesicht der Betrachter auslösen kann, vergeht manchmal ganz schön viel Zeit. „Unglücklicherweise sind Wirkung und Realisierung nicht die engsten Freunde“, sagt Chinneck. „Man muss schon viele Skulpturen im Rennen haben, bis eine das Ziel erreicht.“ Von der Idee bis zu Umsetzung können Jahre vergehen. „Wenn etwas einfach geht, kann es nicht großartig werden“, ist er überzeugt.

Demnach ist seine aktuellste Skulptur „The springing staircase“ ein Meisterwerk. Chinneck hat zuletzt in Brighton an einer Hausfassade eine große Wendeltreppe montiert, die nach oben ihre Form verliert. Die einzelnen Teile hängen wild in der Luft wie kaputte Spiralen. „Bis zur Vollendung hat das drei Jahre gedauert“, erklärt der 38-Jährige, der bei seiner Arbeit ein „Team an kreativen Problemlösern“ um sich schart.

The springing staircase“ ist Chinnecks aktuellster Coup. Die zerspringende  Wendeltreppe steht in Brighton

©Alexander Chinneck/Marc Wilmot

Die Gestaltung würde eigentlich nur 20 Prozent der Zeit ausmachen. „Der Prozess, wie eine anspruchsvolle Skulptur im öffentlichen Raum ermöglicht wird, ist für sich genommen schon eine Kunstform.“ Sollten gewagte Konstruktionen die Grenzen der Physik sprengen oder nicht geklärt sein, wie sich das alles finanziell rechnet, könne dieser Prozess sehr schnell ins Stocken geraten. „Glücklicherweise liebe ich diese Reise.“ Ein Glück auch für den öffentlichen Raum.

Knoten und Reißverschluss

Was er auch zu lieben scheint, sind Knoten, die er in Briefkästen, Feuerlöschern, Besen oder Standuhren einbaut. „Ich mag es, eine gewisse Flüssigkeit in typisch unflexible Materialien einzubauen.“ Knoten seien in den vergangenen Jahren einerseits so etwas wie sein visuelles Markenzeichen geworden. Andererseits: „Sie sind eine sich immer ändernde dreidimensionale Form, die dir einen Weg um das Objekt herum weisen.“

Alex Chinneck verknotet auch gerne Feuerlöscher.

©Alexander Chinneck/charles emerson

Ein anderes Element, das er gerne in Wänden und Böden einnäht, sind überdimensionale Reißverschlüsse. „Sie vermitteln, dass sich etwas tut und geben eine gewisse Bewegungsenergie in eine statische Skulptur.“ Und so einen Reißverschluss zu verarbeiten, sei auch ein kühnes Unterfangen. „Wenn ich ein Gebäude aufzippe, weiß ich, dass sich diese Arbeit ganz nahe an die Skulpturen-Klippe eines Stunt-Canyons drängt.“ Für die Arbeit sei das ein ganz sensibler Platz. „Aber das ist auch ein Platz, von dem ich denke, dass hier eine Balance von großer Kunst und Massenzugänglichkeit liegt.“

Für die Milano Design Week ließ Chinneck 2019 eine 17 Meter breite Fassade aufzippen. 

©APA/AFP/MIGUEL MEDINA

Was für ein schöner, beinahe skulpturaler Gedanke. Was wäre der Kunstwelt da entgangen, wenn der oft mit Sprachbildern um sich werfende Chinneck Cricket-Spieler geworden wäre, wie er es eigentlich als Kind vorgehabt hätte.

Dass er wegen seiner schrägen und breitenwirksamen Werke mit Street-Art-Ikone Banksy verglichen wird, liegt auf der Hand. Chinneck empfindet das als großes Kompliment: „Er ist möglicherweise irritiert und findet das ermüdend, aber ich bin es sicher nicht.“

Zur Person

Zur Person

Alexander Chinneck, wurde 1984 im  englischen Bedford geboren. Nach dem Kunststudium konzentrierte er sich auf kleinere Skulpturen. Beeinflusst von  anderen Arbeiten – darunter jene der britischen Künstlerin Rachel Whiteread  (in Österreich vor allem bekannt durch das Holocaust-Mahnmal am Judenplatz) – begann er sich auf große Objekte zu konzentrieren. Einen Namen machte er sich erstmals mit einer Arbeit an einer alten Halle. Hier ließ er 312 Fenster des Gebäudes auf die gleiche Weise zerspringen. Der Guardian bezeichnete ihn als „Meister der architektonischen Illusion“. 

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich mit Reise, Kultur, Kulinarik und Lifestyle - also den schönen Dingen im Leben - befassen. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in der KURIER-Chronik, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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