Petar Petrov Vienna Wien

Modemacher Petar Petrov: „Wer Visionen hat, braucht keine Trends“

Einer der bekanntesten Designer der österreichischen Modeszene sagt, warum er keine Männermode mehr macht und Wien keine Modestadt ist.

Es ist gar nicht so leicht, seiner habhaft zu werden. Petar Petrov ist ein viel beschäftigter Mann, viel unterwegs und international erfolgreich. Das Echo auf seine Damen-Kollektion für den Herbst und Winter 2022 war vor einigen Wochen in Paris sehr wohlwollend. Und Zeit für ein Interview mit der hat der Modeschöpfer dann auch gefunden.

Ihre Schau in Paris war zuletzt international viel beachtet. Hervorgehoben wurde, dass Sie, obwohl Sie sich keinen Trends unterwerfen, diesmal auf die Trendfarbe Braun gesetzt haben. Warum interessieren Sie Trends aber an sich nicht?

Petar Petrov: Das Prinzip, wie ein Trend entsteht, ist eine Überlappung von verschiedenen Ansichten. Ich bin keiner, der sich vorher ansieht, was die anderen tun. Ich habe eine Vorstellung davon, was ich mache. Dafür brauche ich selten eine Richtung, die mir jemand vorschreibt. Ich glaube, dass ich das nötige Gespür und Feingefühl habe, um zu wissen, was für mich relevant ist. Meine Arbeit ist eine Evolution von dem, was ich bis jetzt gemacht habe. Die Frage ist immer auch: Womit überrasche ich meine Kundin? Was ist relevant?

Was ist relevant?

Was mich interessiert, ist, dass die Mode auch tragbar ist, dass man sie in den Alltag integriert. Trends sind etwas für Massenwaren-Unternehmen. Wenn man seine eigene Vision hat, braucht man keine Trends.

Aber auch gewagte Spielereien lassen Sie kalt. Wieso halten Sie davon nichts?

Mode, die einfach keinen Anlass hat, finde ich nicht gut. Wenn ich etwas mache, denke ich immer: Zu welchem Anlass zieht man das an? Es kann auch etwas sein, das tragbar wirkt, aber nicht zum Anlass passt, zu dem die Frau damit geht. Geht sie damit einkaufen, essen oder auf ein Event? Was ich auch nicht mag, wenn etwas kompliziert anzuziehen ist.

©Kurier/Gilbert Novy
Sie haben bei Viktor & Rolf an der Angewandten in Wien studiert. Merken Sie Einflüsse der beiden, die sich bei Ihnen fortschreiben?

Ich habe auch bei Raf Simons studiert. Viktor & Rolf waren nicht so meines. Das ging sehr in die Kunstrichtung. Sehr inszeniert, sehr speziell und sehr untragbar. Ihre Mode ist für mich der Inbegriff der Untragbarkeit. Bei Raf war die Ansicht der Mode interessant. Ihn hat die Botschaft interessiert – er wollte immer ein Konzept haben. Das fand ich auch interessant. Aber am meisten habe ich durch Learning by Doing gelernt. Natürlich lernt man gewisse Dinge im Kontakt mit Menschen, durch Konversation. Mode entsteht auch viel im Gespräch. Das passiert auch, wenn man bei jemandem studiert. Die Lehrenden geben Tipps und Feedback. Das kannst du aufnehmen oder auch nicht. Das formt natürlich.

Sie haben sich in Paris auch zum Ukraine-Konflikt geäußert, was für internationales Echo gesorgt hat – etwa auf CNN. Wie sehen Sie die Entwicklung der Modewelt, wenn sich manche nicht äußern wollen, weil sie Angst haben, dass sie gewisse Absatzmärkte verpassen könnten?

Meine Äußerung kommt daher, weil meine Wurzeln in der Ukraine liegen. Ich bin dort geboren, meine Mutter stammt von dort. Ich finde, dass jeder eine freie Wahl haben sollte, zu tun, was er will. Wir sind keine Politiker. Wir können nur helfen und können wenig daran verändern. Ich finde, jedem steht zu, sich zu äußern oder sich nicht zu äußern. Die gute Sache ist, dass wir die Freiheit haben, zu tun, was wir für richtig halten. Und das auch zeigen können und dafür kämpfen sollten!

©Kurier/Gilbert Novy
Sie haben Stars wir Kristen Stewart oder Gwyneth Paltrow eingekleidet. Gibt es eine prominente Frau, die Sie noch unbedingt in Ihrer Kleidung sehen wollen?

Da gibt es keinen bestimmten Star. Was mich am meisten daran freut ist, dass sich jede dieser Frauen bewusst dazu entschieden hat etwas von Petar Petrov zu tragen, obwohl sie durch ihre Berühmtheit sich alles hätten aussuchen können. Trotzdem sagen sie, ich möchte etwas von Petar Petrov anziehen, obwohl es kein Mega-Brand ist. Mich interessieren Frauen mit Substanz. Frauen, die nicht nur schöne Influencerinnen sind. Die auch etwas anderes tun – und sich nicht nur schön anziehen.

Früher haben Sie auch Mode für Männer entworfen. Warum machen Sie das nicht mehr?

Als ich die Entscheidung getroffen habe, war mein Team sehr klein. Und eine gute Kollektion zu liefern, erfordert viel Arbeit. Das war eine Timing-Sache. Wir haben in die Männer-Kollektion viel Zeit investiert, weil sie vor den Damen gezeigt werden. Für die Damen hatten wir wenig Zeit. Ich habe dann gesagt: Moment, wir machen sehr viel, aber eigentlich ist alles nicht so gut. Sollen wir uns nicht auf eines konzentrieren? Dann kam die Entscheidung, dass wir uns auf die Damen fokussieren.

Was reizt Sie an der Damenmode mehr?

Der Spaß-Faktor hat eine große Rolle gespielt. Die Frauen sind viel offener für spezielle Dinge. Männer sind ernst und konservativ in ihrer Kleidung. Die Herren sind immer noch eine Leidenschaft, die ich wahrscheinlich wieder einmal angehen würde. Aber die Kollektionen, die wir jetzt machen, brauchen auch sehr viel Aufmerksamkeit. Das Team ist zwar größer als damals – wir waren zu dritt, jetzt sind wir elf. Aber es ist trotzdem sehr viel Arbeit. Vor zwölf Jahren war es okay. Ich dachte damals: Machen wir, schauen wir, was passiert. Jetzt ist es ein seriöseres Unterfangen geworden. Da muss man Prioritäten setzen.

Ihre Mode wirkt aber eigentlich unisex. Eine wirklich dünne Dame meinte einmal, sie passt in Ihre Sachen nicht hinein.

Was ich mache, ist nicht für jede Person. Es ist eine gewisse Geisteshaltung. Meine Produkte sind für Kundinnen, die sich modemäßig etwas trauen. Das hat nichts damit zu tun, ob man dünn ist. Ich habe Kundinnen in jeder Größe. Man muss diesen Lifestyle verstehen und mögen, damit das passt. Ich habe Kundinnen, die sich wohlfühlen. Aber es gibt auch Frauen, die diese Produkte gar nicht in ihre Garderobe integrieren können.

Was macht diesen Lifestyle aus, für den Sie stehen?

Ich arbeite sehr intuitiv an meinen Produkten. Das hat viel mit meinem Geschmack zu tun. Und mit Entwicklungen in meiner Arbeit. Es ist auch viel Einfluss von meinen Männer-Kollektionen dabei. Vielleicht spürt man daher viel Sachlichkeit, es gibt wenig Ornamente. Ich will nicht sagen, das ist puristisch. Aber mich interessiert die Simplizität. Ich mag eine gewisse Einfachheit und mich interessieren Formen. Das Spannende ist, wie man mit den Formen umgeht. Proportion ist etwas ganz Wichtiges für mich.

©Kurier/Gilbert Novy
Wie beurteilen Sie Wien. Ist es eine Modestadt? Eine modische Stadt?

Nein, Wien ist auf keinen Fall eine modische Stadt. Das ist aber das Interessante daran.

Was interessiert Sie da besonders?

Dass es nicht nur um Mode geht. Es gibt viel Kunst, Musik. Es ist eine Stadt, die viel bietet. Sie ist langsamer als andere Städte. Es passiert zum Teil wenig, aber in gewissen Bereichen mehr. Wien ist eine Stadt, wo ich viel Freiraum habe und viel nachdenken kann. Ich bin nicht überfordert, weil hier einfach nicht so viel passiert. Zum Beispiel in New York ist alles so schnell, es passiert so viel. Die Menschen haben mehrere Jobs, und dann ist am Abend auch noch etwas. Da ist es hier einfach gemütlicher.

Was würden Sie modisch niemals machen?

Ich habe einmal gesagt, Braun ist überhaupt nicht die Farbe, die ich mag. Plötzlich machen wir braun. Das ist das Gute an Mode: Sie entwickelt sich ständig. Manchmal muss man Sachen, die man hasst, ausprobieren. Es ist alles offen, man darf sich nicht begrenzen. Die Zeit vergeht, alles entwickelt sich weiter. Das Bedürfnis der Menschen, sich zu kleiden, wird sich ständig verändern. Auch wenn man es nicht so sieht: Was wir vor zehn Jahren getragen haben, ist nicht mehr das, was wir jetzt tragen. Obwohl man sagen könnte, alles ist vorhanden. Aber im Endeffekt ist es nicht so.

Wo ist Petar Petrov in zehn Jahren?

Ich werde wahrscheinlich dann schon Männermode machen. Ob wir in Wien sind, wird sich weisen. Es gibt noch immer Leute, die nicht wissen, wer Petar Petrov ist. Das Wichtige für uns ist, auch andere Märkte zu erreichen. Der amerikanische Markt hat viel Interesse. Der asiatische Markt ist wichtig.

Wird es auch große Boutiquen geben mit Ihrem Namen drauf?

Das ist schon etwas, das mich interessiert. Ob sie groß oder klein sind, weiß ich noch nicht. Wir haben mit Online-Verkauf begonnen. Aber wir wollen Kunden in eine Umgebung bringen, die nicht virtuell ist, sondern ein volles Paket an Lifestyle anbietet.

Zur Person

Zur Person

Petar Petrov, wurde 1977 in der Ukraine geboren und wuchs in Bulgarien auf. Er studierte in Wien Mode an der Universität für Angewandte Kunst u. a. bei Raf Simons  und Viktor & Rolf. 2009 gründete er  in Wien sein gleichnamiges Label. Seine Mode ist international viel beachtet. Im Vorjahr  holte er sich bei den Austrian Fashion Awards den Hauptpreis.

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich den schönen Dingen im Leben widmen. Zuvor war er fast zehn Jahre in der KURIER-Chronik. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in Linz, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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