Hast du Töne! Warum können manche Züge "singen"?

Sinnestäuschung oder Sounddesign auf Schienen? Wie Eisenbahnen für eine gute Laune sorgen.

In Österreich gibt es knapp tausend Bahnhöfe und Haltestellen für Eisenbahnen. Viele davon werden von Loks angesteuert, die mehr können als nur Passagiere oder Frachtgut bewegen. Mit anderen Worten: Die Chancen, dass Sie während der Wartezeit auf Ihren nächsten Anschluss eine Tonleiter vernehmen, aber keinen dazugehörigen Musiker sehen, stehen gut. Denn bei Ankunft und Abfahrt bestimmter Lokomotiven ist klar und deutlich eine ansteigende oder abnehmende Tonleiter zu hören.

Wie kann das sein? Wollen uns die Gleiskörper eine gute Laune bescheren? Oder ist der eigentlich unüberhörbar gewebte Klangteppich doch nur eine Sinnestäuschung?

D-Zug in D-Dur

Aber wir haben richtig gehört: do, re, mi, fa, so, la, ti, do.

Und zwar in einer Lautstärke, die eines Musiksaals würdig wäre. Noch dazu über zwei Oktaven! Nicht zufällig schreibt der Autor und leidenschaftliche Bahnfahrer Jaroslav Rudiš in seiner eben erschienenen „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ über die in diesem Fall tonangebende Lok: „Die erste Taurus-Generation kann tatsächlich singen, also die Tonleiter erklingen lassen und die Bahnhofshallen, wo die Akustik meist sehr gut ist, in Konzerthäuser verwandeln.“

Was so übersinnlich erscheint, erklärt sich technisch durch ein kurzes Konzert der Stromrichter. Diese so genannten Stromrichter brauche man, so eine Sprecherin der Siemens AG, „um Strom, der von der Oberleitung kommt, so umzuwandeln, dass er für die Drehstrommotoren der Lok geeignet ist“.

In jedem Fall klingt der Ton nach einem Summen. Oder Brummen.

Theoretisch sei es sogar möglich, den Motor der Lok so zu programmieren, dass er ganz andere Geräusche abgibt. Der Hersteller habe sich jedoch beim Sounddesign für die D-Dur-Tonleiter entschieden, weil „diese für das menschliche Ohr angenehm klingt“.

Wer nun in Gedanken eine Bahnfahrt in eine musischere Welt antreten möchte, kann das sogar machen, ohne auf der zugigen Plattform auf die Ankunft oder Abfahrt der passenden Eisenbahn zu warten. Auf der Website unsereoebb.at gibt es die „Taurus-Tonleiter“ zum Herunterladen fürs Handy. https://www.unsereoebb.at

Frage der Freizeit

Hier schreiben Autoren und Redakteure abwechselnd über Dinge, die uns alle im Alltag beschäftigen.

Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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