Die schöne Stadt Turin ist heuer Austragungsort des Song Contests

Verträumt, geheimnisvoll und frei von Touristenströmen zeigt sich die Stadt am Po, die durch Fiat berühmt wurde.

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Anreise

Mit einem Stopp ca. 3 Stunden

Der Bauer marschiert immer nur gerade vorwärts. Die Dame ist Turm und Läufer zugleich und kommt schneller voran. Nur Rössl darf man keines sein, denn sonst fällt man zurück – und verirrt sich. Zumindest hier, im wunderschönen barocken historischen Zentrum Turins. Die Straßen wurden einst von den Römern wie ein Schachbrett angelegt. An einem eindrucksvollen  Zeugen dieser Zeit kommen alle vorüber, die sich neugierig über die schnurgerade Straße Via XX Settembre, an der Piazza Reale vorbei, zur ziegelroten Porta Palatina treiben lassen. Am von Grünflächen umgebenen römischen  Stadttor. Wie bei typisch italienischen Großstädten wie Mailand, Florenz oder Rom treffen auch in der piemontesischen Hauptstadt Bauwerke aus unterschiedlichen Jahrtausenden ganz selbstverständlich aufeinander.

Shoppen und Cappuccino trinken: In der Galleria San Federico

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Selbstverständlichkeit ist überhaupt das Schlagwort der etwa 890.000 Torinesi hier, die ganz unaufgeregt ihre Stadt beleben. Authentisch wie sie sind auch die nahezu touristenfreie Altstadt, die Bars und Cafés, das Straßenleben und auch das kulturelle Leben, das mit Theatern und vor allem ungewöhnlich vielen  Kinos wie von anno dazumal aufwartet. Selbstverständlich blicken die Turiner auch auf ihre ewig verschneiten  Alpen mit dem zweithöchsten Gipfel Europas, dem  4.634 Meter hohen Monte Rosa, der bei klarem Himmel gut zu sehen ist. Etwa von der Aussichtsplattform des mittelalterlichen Turms im Palazzo Madama an der Piazza  Castello, ein geheimer Ort, der den Blick auf das wunderbare Rundum-Panorama samt Dom und die rasterartige Stadt bis zur Piazza Reale mit den Giardini Reali freigibt. Gärten, in denen man sich herrlich entspannen kann. Denn selbst erprobte Weltenbummler rasten gerne zwischendurch aus, um die vielen Eindrücke vom Risorgimento bis zum Prunk der Savoyer einsickern zu lassen.

Das Caffè Torino am Piazza San Carlo

©Florentina Welley

Hier sind es vor allem Italiener, die auf den Bänken sitzen oder durch die schönen sonnigen  Buchsbaumgärten spazieren.  Oben  vom Turm bekommt man im Rundum-Blick den Po mit seinen berühmten Murazzi, alten Anlegestellen, die Piazza Vittoria und den  Monte dei Cappuccini vis-à-vis zu sehen. Auch die Stadt selbst liegt einem mit der prachtvollen Via Roma und seinen belebten Galerien im Baustil der 1930er-Jahre frontal zu Füßen.

Von Arkaden und Schildkröten

Entspannt bleiben die Einheimischen auch, was den internationalen Hype um den heurigen Song Contest betrifft. „Ach, für die Vorbereitungen bleibt der Stadt noch Zeit genug“, sagt eine Turinerin an der Bar im berühmten historischen Caffè Torino am Piazza San Carlo, auf Fragen zum 66. Eurovision Song Contest, der zwischen 10. und 14. Mai in der Halle Palaolimpico stattfindet. Wer seinen Caffe al banco trinkt, bekommt den Stadt-Klatsch besser mit. So erzählt auch Beppe Loi, Barmann in der  American-Bar im Grand Hotel Sitea, lieber andere Geschichten, während er den Cocktail des Monats mixt:  einen Caipiroska. Etwa, dass hier gerne Promis absteigen, von Louis Armstrong bis zu prominenten Nobelpreisträgern, die auch manchmal etwas vergessen. Eine Schildkröte zum Beispiel – mittlerweile zieht eine sechsköpfige Schildkrötenfamilie ihre Runden durch den kleinen  Frühstücksgarten des In-Hotels.  Die Bar ist bekannter Hotspot für Turiner Tratsch. Im selben Häuserblock mit  eigenem Hotelzugang liegt übrigens das Sterne-Restaurant Carignano samt Bistro Carlo e Camillo, das zu den besten der Stadt zählt.

Klein, aber legendär: Auf einen Espresso ins traditionelle Caffè Al Bicerin, das 1763 gegründet wurde

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Unter den Arkaden und auf den Plätzen, meistens bestückt durch ein Reiterdenkmal,  braucht es einige Zeit, bis man sich  im Zentrum  zurechtfindet. Lautes Geschrei, Bella-Italia-Romantik und kitschige Souvenirshops gibt es in der Stadt der vier Flüsse aber kaum. Zuvorkommend bleiben auch die spärlichen Autos – der Großteil der historischen Altstadt ist Fußgängerzone – sofort stehen, um Passanten vorbei zu lassen. Turins 18 Kilometer lange Arkadenbögen gelten als die größte Fußgängerzone Europas. Wer durch die Via Po schlendert, die Vittorio Emanuele I von Savoyen zwischen dem Palazzo Reale und der Piazza Vittorio bauen ließ, entdeckt viele kleine Bars und Vintage-Läden.  Auch das  Wahrzeichen Turins, der Mole Antonelliana, in der das Filmmuseum samt freischwebendem Lift, der direkt bis in die Kuppel fährt, untergebracht sind, ist in der Nähe. An der Piazza Vittorio ergibt sich die Qual der Wahl: In welcher der unzähligen Bars mit Blick auf die Kirche am Monte dei Cappuccini  schmeckt das Bicerin,  das hiesige Nationalgetränk, eine Art heiße Schokolade mit Espresso, am besten?

Typischer Fiat  500 mit Korbsitzen im Automobilmuseum

©Florentina Welley

Schicker und großstädtischer wird es unter den Arkaden der schnurgeraden Via Roma von der Piazza Castello Richtung Piazza Carlo Felice. Egal, ob Gucci, Prada oder Louis Vuitton, Luxusketten residieren an dieser Flaniermeile, die fast an die Pariser Champs-Élysées erinnert. Unzählige kleine Geschäfte mit italienischer Mode und noch nettere Bars sind aber in den Seitenstraßen rundum zu finden. Hier herrscht zwar ein wenig Großstadttrubel, aber ohne  Touristengruppen in kurzen Hosen und Halbarmhemden. Italienische Eleganz zeigt sich bis in die verborgenste Bar hinein, denn die Touristen stammen vorwiegend  aus dem Inland. Tourismus wurde ja erst seit der Schließung der Fiat-Werke 1982 im Lingotto zum Thema.

Grüne Lunge am Wasser

Umgeben von grünen Hügeln und Parks entlang des Pos gehört Turin zu den grünsten Städten Italiens und ist gut per Fahrrad zu erkunden. Die beste Route entlang des Pos ist auch gleich die einfachste, um die Stadt samt seiner berühmten Fiat-Geschichte zu entdecken. Vorbei an der Piazza Vittorio, Europas größtem Platz, an dem ausschließlich Bars und Restaurants zu finden sind, geht es flussaufwärts vorbei am Borgo Medievale, der Nachbildung einer mittelalterlichen Burg, zum botanischen Garten im Schloss Valentino, heute Teil der Architektur-Universität, quer durch den Valentino-Park. Hinter dem liegt  im ehemaligen Industrieviertel die grüne Baumhaussiedlung Projekt 25 Verde mit über 150 Bäumen.   

Die ehemalige Testfahrstrecke auf dem Dach der Fabrik Fiat Lingotto mit  
neuer Kuppel La Bolla und Hubschrauberlandeplatz von Renzo Piano  

©mauritius images / Alamy Stock Photos / Maria Grazia Casella/Alamy Stock Photos/Maria Grazia Casella/mauritius images

Radelt man weiter Richtung Süden, sollte man unbedingt eine Runde im Museo dell‘ Automobile drehen, das schlank und futuristisch wie ein Bolide am Po-Ufer liegt und vom ersten Fiat 500 bis zum aufregenden Formel 1 Rennwagen alles zu bieten hat. Und weil Autos in Turin bis 1982 die Hauptrolle spielten, ist ein Besuch in der nahen legendären ehemaligen Fiat-Fabrik im Lingotto, samt neuem Food-Tempel Eataly und der Design-Oase Green Pea in den ehemaligen Arbeiterquartieren, interessant. Noch hat Covid in den alten Fiat-Werken Spuren hinterlassen. Die Restaurants der ehemaligen Rennstrecke  auf dem Dach haben teilweise geschlossen. Die frühere Auffahrtsrampe von 1916, eine Konstruktion von Architekt Giacomo Mattè-Trucco, die zum Transport der Autos auf das Dach diente, ist zur Shoppingmall verkommen. Aber die einstige Teststrecke ist heute Teil der neuen Pinacoteca Agnelli, einem Fiat-Museum, mit Picassos und Modiglianis, und von dort aus gut sichtbar. Architekt Renzo Piano baute das Fiat-Werk 1989 zu einem Hotel mit  Hubschrauberlandeplatz und Palmengarten um, und setzte 1994 noch eine Kuppel darauf.

Sightseeing  Infos unter: Turismotorino

Tipps und Anreise: https://www.italia.it

Florentina Welley

Über Florentina Welley

Mag. Florentina Welley ist seit 2006 bei der freizeit und schreibt über ihre Lieblingsthemen: Mode und Reise gemischt mit einer Prise Lifestyle im Zeitalter web 2.0 und Social Responsibilty. Sie kann und kennt so gut wie alles: Sie war beim Film, u.a. als Co-Produzentin für den österreichischen Spielfilm "Die toten Fische", in der Werbe- und Medienbranche für Konzepte, Texte und Modeproduktionen, machte Styling, Regieassistenz, Ausstattung und Kostümbild. Und war Modechefin bei WOMAN, ehe sie zur freizeit wechselte. Ach ja, und dann konzipierte die Journalistin Modeproduktionen für die freizeit und macht als Freelancer Kunst- und Design-Events und mehr. Ihre Themenschwerpunkte bei der freizeit sind Mode, Reise, Lifestyle, Design, Kunst.

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