Rundreise, aber richtig: Mit dem Jeep einmal um ganz Europa

Vom südöstlichen Sofia in den äußersten Nordwesten Islands, vom spanischen Tarifa zum Nordkap Norwegens – ein Paar aus Wien hat den ganzen Kontinent umrundet.

Am Anfang stand die Ahnung vom Ende. Dass daraus eine fantastische Reise werden sollte, wussten die beiden Abenteurer nicht. „Man macht sich doch immer was vor“, sagt Zlatko ruhig, „was man alles tun möchte, wenn man nicht mehr arbeiten muss, endlich im verdienten Ruhestand ist. Die Welt bereisen, Länder besuchen, die man schon immer sehen wollte, Menschen kennenlernen. Aber die Wahrheit ist: Niemand weiß, ob dafür wirklich genügend Zeit bleibt.“ Zlatko zuckt die Schultern. Er lächelt.

Seine Frau Monika und er hatten genau solche Pläne. Bis bei ihr vor zwei Jahren plötzlich Krebs diagnostiziert wurde. Operation, Bestrahlung. Schließlich hat sie ihn besiegt. Durchatmen. Aber nur kurz, denn nun wurde bei ihm Krebs festgestellt. Wieder: Operation, Bestrahlung – das gleiche Bangen und Hoffen. Dann auch für ihn die weiße Flagge. Vorerst. „Da haben wir uns gesagt, wir leben unseren Traum jetzt. Nicht irgendwann, denn irgendwann kommt vielleicht nicht“, sagt Zlatko. Das Paar besorgte sich ein geländegängiges Auto, baute es so um, dass man es  zum Campen nutzen konnte, um eine Art „Zuhause“ auch in die entlegensten Winkel mitnehmen zu können. Dann machten sich Zlatko und Monika auf die Reise. Auf dem Programm stand nicht weniger als eine Europa-Umrundung. Die beiden starteten im Februar dieses Jahres und kamen Anfang Oktober wieder zurück. Dazwischen lagen 25 Länder und gute 30.000 Kilometer.

Ende Februar ging die Reise los: Winter-Idylle im malerischen Naturpark Uvac in Serbien. Alle Fotos von Zlatko und Monika gibt’s auf ihrem Account: instagram.com/1tent1world

©Zlatko Medle/cpm3 photography

Zuhause auf Rädern

Wobei die Sache mit dem „eigenen Zuhause“ auf vier Rädern zwar Zlatko schon länger fasziniert hatte, für Monika aber doch etwas gewöhnungsbedürftig war. „Eigentlich bin ich ein richtiger Stadtmensch. Campen und so Sachen sind für mich absolut ungewohnt – ich hab nicht gewusst, was mich erwartet.“ Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Aber wir wollten einfach diese Zeit miteinander verbringen. Das stand im Vordergrund.“ Sieben Monate, also mehr als 200 Tage, 24 Stunden  am Tag zusammen – wird das nicht zur Belastungsprobe für eine Beziehung? Da schütteln beide energisch den Kopf: „Wir sind seit 22 Jahren zusammen, da sind wir schon ganz gut aufeinander eingependelt.“

Die Route stand in groben Zügen fest. Im Vorfeld wurden Abstriche gemacht, Moldawien, Ukraine, Rumänien aus nahe liegenden Gründen. Aber auch während der Fahrt blieb man flexibel. Nach Tiefschnee in Slowenien und Serbien kam auch aus dem anvisierten Istanbul eine Winter-Warnung. Also bogen Zlatko und Monika in Sofia ab und nahmen Kurs auf Griechenland. Freiheit, die ein durchgetakteter Urlaub selten bietet. Dort kamen sie am 22. März an, und blieben statt der geplanten Woche gleich drei. „Das Wetter war herrlich, und Richtung Norden am Balkan war es unfreundlich, mit Regen und heftiger Bora. Warum sollten wir also weiterfahren?“, fragt Zlatko und hebt die Schultern.

An den einsamen Traumstränden Griechenlands blieb den beiden Zeit für Reflexion und Einträge in ihre Reisetagebücher. „Es sind ja so viele Eindrücke, Orte, Landschaften, Menschen – dass man fast keine Zeit hat, sie zu sortieren“, sagt Zlatko. Knapp vier Wochen waren sie da erst unterwegs, von der märchenhaften Tiefschneelandschaft des Naturschutzgebietes Uvac in Serbien zum Wrack der Dimitrios, das am Strand von Valtaki, zwischen zweitem und drittem Finger des Peloponnes,  so malerisch vor sich hin rostet. Einer der vielen Höhepunkte auf dem Weg: „Die Teufelsbrücke in Bulgarien“, kommt es von Monika wie aus der Pistole geschossen. „Einfach unglaublich schön, auch die Natur dort im Rhodopen-Gebirge. Und wir waren ganz allein dort. Nur die Schlucht, die Wälder, diese uralte Brücke und wir.“

Ganz allein hatten Zlatko und Monika auch Traumstrände wie die von Gialova und Etoliko, an denen sie sogar, weil es Nebensaison war, direkt campen durften. Wobei die ganze Balkanküste nach Norden entlang sich quasi ein Traumstrand an den anderen reiht, wie Zlatko bestätigt. Durrës in Albanien, Perast in Montenegro, in der Gegend von Primošten in Kroatien. Wobei Primošten selbst schon eine magische kleine Stadt auf einer nur durch einen Deich mit dem Festland verbundenen Insel ist.
Es folgten Zadar und Umag, dann ging es nach Italien, über Grado und Verona in die Toskana.

Dort reihen sich die visuellen Highlights aneinander wie die sanften Hügel der Bilderbuchlandschaft, in der man einfach versinken könnte. Florenz, Siena, Pisa sind die weltberühmten Perlen der Region, wer sich Zeit nimmt, entdeckt Städtchen wie Monteriggioni, das heute noch aussieht wie im Mittelalter, Stadtmauer inklusive. „Dort im Café am Hauptplatz zu frühstücken, durch die kleinen Gassen zu gehen, war so emotional, als wäre man in einem Märchen – oder einem Film“, sagt Monika.

„Eine Stadt wie aus einem Märchen“, sagt Monika über Monteriggioni in der Toskana. Wenn man das Bild betrachtet, das Zlatko mit einer Drohne vom nahe gelegenen Campingplatz aus aufgenommen hat, muss man ihr Recht geben

©Zlatko Medle/cpm3 photography

Begegnungen„Noch  eines der wunderbaren Dinge auf dieser Reise war es, Menschen kennenzulernen. Wir haben so viele interessante Leute getroffen, ihre Geschichten gehört. Und ich freue mich, dass wir mit manchen noch in Kontakt sind“, sagt Zlatko rückblickend. Den alten Mann etwa in Griechenland, der jeden Tag am Strand an ihrem Jeep vorbeiging. Der einzige Mensch, den sie für eine Weile sahen. Und der sie schließlich ansprach. Er ginge jeden Tag zur Kapelle auf dem Hügel, um eine Kerze für seine tote Frau anzuzünden, erzählte er ihnen. Und dann wieder zurück zum nahe gelegenen Hafen, um dort einen Schnaps zu trinken. Als Monika und Zlatko ihm zum Abschied eine mitgebrachte Flasche Schnaps aus Österreich schenkten, kamen ihm die Tränen. Oder der Mann in Madrid, der ihnen half, als ein Polizist ihnen verweigerte, in der Stadt zu parken, weil Tagestouristen dort unerwünscht sind und man nachweisen muss, dass man eine Unterkunft hat. Sie wohnten bei ihm, erklärte er kurzerhand dem Ordnungsorgan, füllte sogar die Online-Anmeldung aus und übernahm damit quasi die Verantwortung für sie. Mit ihm sind sie bis heute befreundet.

Griechenland im März – da hatten Zlatko und Monika alle Traumstrände für sich allein. Auch den mit dem berühmten „Wrack der Dimitrios“ an den Fingern des Poloponnes

©Zlatko Medle/cpm3 photography

In Spanien lernten sie zufällig Bestseller-Autor Michel Ruge („Der Bordsteinkönig“) kennen, der mit seiner Frau und seinem kleinen Kind für eine Story nach Afrika unterwegs war. Sie teilten ihre Unterkunft in Málaga mit ihm, da er keine hatte – er revanchierte sich in Marbella damit, dass er sie zu Elisabeth Wall, einer der „Perlen von Marbella“ aus der TV-Doku-Serie mitnahm, in deren zu einer Wohnung umgebauten Moschee im Stadtzentrum sie übernachteten. Außerdem bekräftigten er und seine Frau Monika sie in ihrem vagen Wunsch, ein Buch über ihre Reise zu schreiben, was sie inzwischen auch getan hat. Im entferntesten Nordwesten Islands lernten sie auf ihrem Weg zum mystischen Berg Kirkjufell, der auch in Game of Thrones „mitspielte“, eine französische Familie kennen, die sich dort niedergelassen hat. Zuvor waren die beiden Eltern mit ihren Kindern vier Jahre lang auf den Weltmeeren unterwegs gewesen ...

Bis zum Nordkap Norwegens kam es so zu Begegnungen, die für Zlatko und Monika ebenso prägend waren wie die Reise selbst. Gerade jetzt ist eine Familie bei ihnen zu Gast, die sie in Holland kennen gelernt haben. Denn sie wissen, es gilt das Hier und Jetzt auszukosten und Träume nicht in eine ferne Zukunft zu verschieben. Weil niemand sagen kann, ob denn auch wirklich die Zeit bleibt, sie zu verwirklichen.

Keine Parkplatzprobleme: Islands Kirkjufell ist zwar ein beliebtes Foto-Motiv, aber doch alles andere als überlaufen. „Im Dorf Grundarfjörður gleich daneben gibt’s fantastisches Essen“, wissen die Reisenden zu berichten

©Zlatko Medle/cpm3 photography
Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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