Marseille Südfrankreich langes Wochenende

Marseille ist sonnig, ungestüm und anarchistisch

Die südfranzösische Stadt gilt immer noch als wild und gefährlich. Aber ein Besuch lohnt sich. Es warten tolle Lokale und viel Leben auf der Straße.

Überblick

Anreise

Mit Ryanair Nonstop von Wien nach Marseille. Flugdauer: 2 Std.
Bei Austrian/Lufthansa Umstieg in Frankfurt od. München. Dauer: mind. 4 Std.

Alternativ

Mit dem Zug von Wien bis Marseille mind. 15 Std. mind. 2x Umstiege.

Einwohner

870.000

Von Daniel Voglhuber und Katharina Salzer

"Marseille est Röck 'n' Röll“, sagt der Taxler, so wie nur ein Franzose Rock ’n’ Roll sagen kann. Er nickt zustimmend und ist zufrieden mit der Antwort der Fahrgäste auf seine Frage, wie sie die Hafenstadt finden. „Sehr schön, sehr lebendig, sehr cool.“

Die Stadt am Meer mit rund 300 Tagen Sonnenschein im Jahr verströmt eine gehörige Portion Lässigkeit, Schludrigkeit und auch eine südeuropäische Anarchie. In keiner anderen Metropole sieht man so viele Menschen gekonnt über die Zugangsschranken der Metro hüpfen. Motorräder nehmen den Rädern auf den Radstreifen den Platz weg. Oder ein leicht ramponierter Herr mit Strubbelfrisur, halb offenem Hemd und Joint im Mund bringt seine Mutter und seine Tochter im Kindersitz mit dem Auto von einem Lokal weg, um wenig später wieder hier einzukehren. So etwas sollte man doch lieber nicht machen.

Aber genießen können die Besucher hier ihr Leben – und vieles anschauen.

Kulturhauptstadt

2013 war Marseille Kulturhauptstadt. Das hat die Stadt verändert und für viele Touristen gesorgt. „Es ist viel gleichzeitig entstanden – kulturelle Infrastruktur, die es vorher nicht gab“, sagt Carina Kurta. Die Österreicherin hat in Marseille gemeinsam mit Landsfrau Pia Leydolt-Fuchs die Agentur CaP.CULT gegründet. Die beiden begleiten die Entwicklung der Kulturhauptstadt Marseille.

Stararchitekt Norman Foster entwarf den Pavillon am alten Hafen. Hier spiegelt sich das Leben in  Marseille wider. Gleich in der Nähe ist der Fischmarkt. 

©Getty Images/Meinzahn/iStockphoto

Der Vieux Port (alter Hafen) etwa ist neugestaltet, das MuCEM (Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers) oder das Ausstellungsgebäude Villa Méditerranée sind neu gebaut worden. Alles architektonische Aushängeschilder. Es geht aber nicht nur um Gebäude. Die Österreicherinnen wollen Besuchern die echte Stadt zeigen, die Weiterentwicklung, die Bedeutung der Kultur – und sie bieten dazu Führungen an.

Mucem und Villa Méditerranée: Das groß angelegte Projekt Kulturhauptstadt verlieh Marseille ein neues Aussehen
 

©Getty Images/Velirina/iStockphoto

„Man versucht mit einer Kulturhauptstadt auch, den schäbigen Ruf zu ändern“, sagt Kurta. Doch der Ruf des Verruchten, des Gefährlichen hängt der Stadt nach. Viele denken an Rotlichtviertel, wo Seefahrer nach langen Reisen einkehren. Oder an Anekdoten, in denen die korsische Mafia Drogen von Marseille zu Keith Richards Villa an die Côte d'Azur brachte, während die Rolling Stones an „Exile on Main St.“ arbeiteten.

Heute kontrollieren mächtige Drogenkartelle die Sozialbauten besonders im Norden der Stadt. Die Besucher bekommen im Zentrum aber nichts davon mit – sie müssen sich am ehesten vor Taschendieben in Acht nehmen. „Es ist nicht so, dass mit der Kulturhauptstadt schwuppdiwupp alle Probleme weg sind. Die Stadt ist nach wie vor eine der ärmsten Städte in Frankreich.“

„Sehr viel gutes Gefühl“

Aber Kurta hat das Gefühl, dass die vielen jungen Leute, die unterwegs sind, den Straßenraum ganz anders einnehmen. „Das hat sehr viel gutes Gefühl, sehr viel Atmosphäre geschaffen.“ Wer im Viertel Le Panier – der historischen Altstadt – flaniert, spürt das. Street Art an fast jeder Hausmauer, nette Lokale, Boutiquen, aber auch Souvenirshops. Einfach weiterspazieren. Man kommt vielleicht am Neubau des FRAC (Regionalfonds für zeitgenössische Kunst) vorbei und an den renovierten Lagerhallen „Les Voûtes de la Major“.

Schließlich steht man vorm MuCEM. Wer hineingeht, findet auch eine Dachterrasse. Licht und Schattenspiele sind hier zu beobachten. Die netzartige Betonfassade spiegelt das reflektierende Sonnenlicht auf den Wellen des Meeres wider.

Street Art vom Feinsten. In der historischen Altstadt, dem Viertel Le Panier, ist es schön bunt. Durchspazieren  und schauen. 

©www.atout-france.fr/jootcm

Gleich neben dem MuCEM steht noch eine Sehenswürdigkeit – in einem Museum wurde eine Unterwasserhöhle mit 500 prähistorischen Abbildungen nachgebaut. Der Tauchlehrer Henri Cosquer entdeckte 1985 im Mittelmeer vor Marseille in 37 Metern Tiefe den Zugang zu einem gefluteten Hohlraum, 1991 drang er bis zur eigentlichen Höhle vor, wo bis zu 27.000 Jahre alte Tierzeichnungen an den Wänden prangen. Weil nicht jeder Mensch hierher tauchen kann, gibt es seit Sommer einen Nachbau im Hafen von Marseille, der teilweise auch unter Wasser liegt. Die Besucher können sich das Ganze aber ansehen, ohne nasse Füße zu bekommen.

Die beste Bouillabaisse

Sollte man sich in der Stadt verirren, einfach nach dem Weg fragen. „Marseille ist für die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen bekannt“, sagt die Österreicherin. Fragt man aber als Journalistin, wo es die beste Bouillabaisse gibt, halten sich die Informanten bedeckt. Man will ja nicht, dass das Restaurant überrannt wird. Auf jeden Fall gehört eine Bouillabaisse probiert. Und bei der verstehen die Einwohner der Stadt überhaupt keinen Spaß.

Bereits in den 1980er-Jahren haben lokale Gastronomen in Marseille eine Qualitätscharta festgelegt. Der Kodex legt die Zusammensetzung fest: In eine echte Bouillabaisse Marseillaise gehören auf jeden Fall mindestens vier Sorten Fisch. Und es dürfen nur Steinfische verkocht werden, die vor Ort gefangen werden. Auch bei der Zubereitung der Brotcroûtons und der dazu gehörenden Sauce sind strenge Richtlinien zu beachten. Billiger und auch sehr gut ist die einfache Fischsuppe – La Bouille – mit weniger Fischarten bestückt.

Mittelmeerfische müssen in die Bouillabaisse. Sie ist teuer, aber ein Genuss

©Getty Images/chang/iStockphoto

Vor dem Essen geht man hier gerne auf einen Apéro, der gerne draußen eingenommen wird. Kein Wunder bei 300 Sonnentagen jährlich. Das bevorzugte Getränk ist ein leichter Roséwein oder ein schwererer Pastis.

Fußball

Neben (Ess)-Kultur regiert hier König Fußball. Während in Wien der Stephansdom und der Zoo die einzigen Piktogramme auf dem U-Bahn-Plan sind, ist es in Marseille das Stade Vélodrome, die Heimstätte von Olympique Marseille. Die Anhänger gelten als besonders fanatisch, so wie kaum wo in Europa. Permanent brennen sie auf den Rängen bengalische Feuer ab. Ein Spielbesuch gilt als aufregend. Manchmal brennen leider auch die Sicherungen der Fans (auch die der Gegner) durch, was in Gestalt von Ausschreitungen ungut auffällt.

Fußball im Vélodrome-Stadion: Die Anhänger von  Olympique Marseille gelten als besonders fanatisch. Ein Match anzuschauen kann aufregend sein 

©APA/AFP/VALERY HACHE

Was tun, wenn die Luft in der Stadt zu dick wird? Rauf gehen – und zwar zur Kirche „Notre-Dame de la Garde“. Von hier aus liegt den Menschen Marseille zu Füßen und das Meer glitzert. Oder raus gehen. Im Herbst und Winter sind „Les Calanques“ weniger überlaufen. Auch Richtung Arles gibt es wunderschöne Wanderwege an der Côte Bleue. Immer mit Blick auf das Mittelmeer.

Was macht also Marseille aus? „Es ist mit Rio de Janeiro und Istanbul der schönste Standort der Welt“, sagt Carina Kurta.

Es ist Rock ’n’ Roll.

Kuriose Fakten. Wussten Sie, dass ...?

… die Nationalhymne „La Marseillaise“ in Straßburg geschrieben wurde? Soldaten aus Marseille sangen sie 1792 in Paris, kurz vor dem Tuileriensturm.
… Marseille wegen des Widerstands gegen die Jakobiner zur „Stadt ohne Namen“ degradiert wurde?
… ein Matrose seine Getränke in Marseille vor 63 Jahren mit einem kleinen Gorilla bezahlte? Heute lebt das Tier namens Fatou im Berliner Zoo. 

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich mit Reise, Kultur, Kulinarik und Lifestyle - also den schönen Dingen im Leben - befassen. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in der KURIER-Chronik, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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