Der Ort, dessen Name nicht genannt werden darf

Nein, es handelt sich nicht um einen imaginierten Ort aus einem Fantasy-Roman, sondern um ein Dorf in Italien. Warum der Name ein Tabu ist.

Welcher Harry Potter Fan sich jetzt auch immer vom Titel angesprochen gefühlt hat, Entschuldigung. Nein, es geht nicht um eine Ortschaft, die irgendwas mit Lord Voldemort zu tun hat. Sondern um ein kleines Dorf in Italien namens Colobraro. Der Namen leitet sich vom italienischen Wort Coluber ab und meint so viel wie Schlange – schon Grund genug für einige gläubige Menschen keinen Fuß in die Ortschaft zu setzen. Doch damit ist es noch nicht getan. Hinter dem Aussprechverbot des Namens steckt noch viel mehr. Was es damit auf sich hat.

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Ja, die Einwohner der süditalienischen Region Basilikata wollen nicht einmal seinen Namen aussprechen. Stattdessen nennen sie ihn "Quel paese" oder im Dialekt der Provinz "Cudd Pais" – übersetzt heißt das "Dieses Dorf". Oft wird es auch einfach nur "Das Dorf ohne Namen" genannt. Sie fürchten sich vor dem Unheil, das dem widerfahren soll, der es wagt, den Namen laut auszusprechen. Schuld daran ist ein alter Fluch, der auf dem Dorf lasten soll. Alles begann in den 1940er-Jahren, als der Bürgermeister bei einer Versammlung drohte, wenn man ihm seine Worte – die leider nicht überliefert sind – nicht glaube, dann möge der Luster von der Zimmerdecke herabfallen. Laut der Legende, die jeder im Dorf zu kennen scheint, fiel der Kronleuchter direkt herunter.

Natürlich sprach sich das Ereignis bald in der gesamten Region herum – fortan glaubte man also, das Dorf würde Unheil bringen. Angeblich führte das Gerede dazu, dass sich bis weit in die 1970er-Jahre nur noch die berüchtigten "Masciare" – also Zauberinnen, die böse Magie anwendeten, um ganze Städte zu kontrollieren – hinter den Mauern des Dorfes aufhielten. Der Legende nach soll einst ein Anthropologe 1952 nach Colobraro gereist sein, um dort diese Hexen zu erforschen. Er selbst sei ein Opfer des Fluches. Auch seine Mitarbeiter seien erkrankt. Sogar die Hose seines Gehilfen soll von selbst in Flammen aufgegangen sein.

Auch wenn es schon lange keine Hexen mehr vor Ort gibt, sein Ruf als Unglücksbringer eilt dem Dorf voraus. Sogar das italienische Fernsehen berichtete vom Fluch. Noch heute berühren Leute Eisen, wenn sie Colobraro passieren. Denn das soll nach italienischem Brauch helfen, Unglück abzuwenden. Der vorherige Bürgermeister des Ortes wollte sich den schlechten Ruf zunutze machen und den vielen süditalienischen Gemeinden, die mit Geldproblemen kämpfen, helfen. Dafür rief er ein Festival ins Leben, das er an Shakespeares berühmtes Stück angelehnt "Ein Mitsommernachtstraum…in diesem Dorf" benannte. Die Einwohner von Colobraro inszenieren jeden August ihre eigene Unglückstradition: Die Hexen treffen auf andere italienische Folklore-Figuren wie Geister von Kindern oder Werwölfe. Für besorgte Besucher werden Schutzamulette angeboten – man sieht also, das Dorf gilt zwar nach wie vor als verflucht, aber immerhin gewinnbringend.

Über Janet Teplik

Digital Producer bei freizeit.at. Nach dem Studium der Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte zog die gebürtige Deutsche nach Wien und studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Zuletzt war sie stellvertretende Chefredakteurin bei der MG Mediengruppe.

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