Kolumne

Und ewig währt die Bauarbeit

Vea Kaiser

von Vea Kaiser

Mit welchem Slogan Baumärkte werben könnten, wenn sie nicht davor zauderten, die Kundschaft mit der Wahrheit zu erschrecken

Als wir mit den Renovierungsarbeiten an unserem Haus begannen, sagte mein Mann: „Lass uns die Arbeiten zügig durchziehen, weil ich will nicht auf einer Baustelle wohnen.“ Ich tat, was ich selten tat: Ich schwieg.

Diesen Satz hatte ich schon einmal gehört, und zwar, als meine Eltern vor dreißig Jahren den Hausbau in Angriff nahmen. Auch sie hatten sich geschworen, die Arbeiten schwuppdiwupp abzuschließen. Natürlich dauerte alles viel länger, als sie es in ihren kühnsten Albträumen befürchtet hatten. Erst jetzt, dreißig Jahre später, könnte man ihr Haus als fertig bezeichnen – ignoriert man die Renovierungsarbeiten, die demnächst anstehen. Hätten Baumärkte keine Scheu davor, ihre Kundschaft mit der bitteren Wahrheit zu konfrontieren, könnten sie mit folgendem Slogan werben: „Weil dein Haus niemals fertig wird.“

Als wir endlich einzogen und mein geliebter Gatte realisierte, dass wir noch lange Bauarbeiten vor uns hatten, verlor er ein wenig die Nerven. „Sieh’s positiv“, meinte ich und zählte die Vorteile auf: „Zum einen brauchen wir keinen Wecker, weil uns spätestens um sieben Uhr zwanzig das Stemmeisen weckt. Der Hund ist ausgelastet, wenn er Handwerkern die Zollstöcke hinterhertragen und Rohre apportieren kann. Bauschuttcontainer in der Einfahrt, tägliches Staubwischen – man gewöhnt sich an alles.“

Am meisten gewöhnte ich mich in diesen Wochen allerdings daran, dass mein Mann Urlaub hatte, um wechselweise mitzuarbeiten und mich mit unserem Säugling zu unterstützen.
Ich war fast verzweifelt, als er wieder zu arbeiten begann. „Mir wird ein bisserl bange bei dem Gedanken, ab jetzt den ganzen Tag alleine mit dem Baby zu Hause zu sein“, gestand ich ihm. „Aber du bist nicht allein“, flüsterte er zärtlich. Und setzte hinzu: „Du wirst noch lange Zeit Bauarbeiter täglich im Haus haben. Wie sagtest du? Sieh’s positiv!“
 

Vea Kaiser

Über Vea Kaiser

Vea Kaiser, das 25-jährige Ausnahmetalent aus Niederösterreich, ist seit ihrem umjubelten Buch-Erstling „Blasmusikpop“ von 2012 („großer Literaturspaß!“, „schwindelerregendes Debüt“) unumstrittene Lichtgestalt der jungen heimischen Literatur. Sie schreibt für die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

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