Gemeinsam zu den Sternen

Vea Kaiser

von Vea Kaiser

Warum es super ist, dass man nach zwei Seuchenjahren davon ausgehen kann, von nichts mehr ausgehen zu können

Den Jahreswechsel verbrachten wir in unserem endlich bezugsfertig renovierten, neuen alten Haus. Der Hund bekam (auf tierärztlichen Rat hin) einen Esslöffel Eierlikör gegen die Böllerangst und schnarchte in seinem Körbchen. Unser Säugling schlief sowieso wie ein Baby, während mein Dottore Amore und ich in die Sprudelbläschen schauten, als wären sie Kristallkugeln.

Für uns war 2020 dahingeflossen wie Teig, geknetet aus einander gleichenden Tagen und durchkreuzten Plänen. 2021 hingegen fühlte sich an wie erst vorgestern begonnen, obwohl so viel Unerwartetes passiert war: das erste Kind, ein Zuhause für unsere Familie. Früher hatten wir zu Silvester Vorhaben formuliert, Vorsätze verbalisiert, aber davon sind wir nach zwei Seuchenjahren vermutlich alle geheilt.

Ich fragte meinen Liebsten also nach generellen Träumen. „Haus gekauft, Kind gezeugt, Baum gepflanzt, was kommt als nächstes?“ Mein Mann legte den Kopf in den Nacken: „Irgendwann will ich ins Weltall.“ Ich schluckte. Weltraumtourismus hielt ich bisher für die Marotte überreicher Milliardäre, die zu viel Star Trek geschaut haben. Mein Herzbub begeistert sich nicht sonderlich für Science Fiction, und nach dem Haus-Sanieren werden wir sowieso bis zur Pension Geldbörserl-Sanieren. Aber vor allem macht mir das All Angst. „Wenn wir alt sind, will ich mit dir zu den Sternen fliegen.“ „Und dann?“, fragte ich entsetzt. „Dann schauen wir gemeinsam runter.“

Ich verzichtete darauf, ihm von der Panik zu erzählen, die ich vor dem Weltraum habe, vor der endlosen Weite, vor dem Verlorengehen im Nichts, dass es mich manchmal gruselt, wenn ich nur nach oben schaue.

Mit blumigen Worten beschrieb er seine Pläne für eine romantische Weltraumreise, und ich vertraute darauf, dass man in Zeiten wie unseren auf eines vertrauen kann: Pläne sind auch dazu da, durchkreuzt zu werden.

Vea Kaiser

Über Vea Kaiser

Vea Kaiser, das 25-jährige Ausnahmetalent aus Niederösterreich, ist seit ihrem umjubelten Buch-Erstling „Blasmusikpop“ von 2012 („großer Literaturspaß!“, „schwindelerregendes Debüt“) unumstrittene Lichtgestalt der jungen heimischen Literatur. Sie schreibt für die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

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