Süßkartoffelcurry mit „casual” Sex

Die neuesten Trends im Sittenleben neurotischer Urbanistas.

Das Kind und ich kurven auf ihrem Heim-Urlaub viel herum, weil wir Essenzielles wie Beamer und Steamer besorgen müssen. Der Netflix-verseuchte Fortpflanz will jederzeit neues Serienmaterial an Häuserwände werfen können und mit diesem magischen Dampfgerät (pffff, pfff!) ihre Klamotten auf Vorderfrau bringen können. Zwangsweise werde ich bei diesen Besorgungsfahrten Ohrenzeugin sämtlicher What-the-fuck?-Konversationen, die sie mit ihren 33.000 „best friends forever“ aus Berlin über die Freisprechanlage führt. Die neuesten Trends im Sittenleben neurotischer Urbanistas: Man sieht sich nahezu täglich, nicht nur wegen „totally casual“ Sex, sondern auch um Häuslichkeit bei einem Süßkartoffelcurry zu simulieren, wehrt sich aber dagegen, „sich zu committen, weil voll square“!

Die reden in so einem Anglosperanto, man braucht bald Untertitel, um das dechiffrieren zu können. Dieses Konzept hat den Endeffekt, dass man eine Beziehung führt, ohne eine zu haben – also mit allen „Benefits“, aber ohne diesen „Let’s talk“-Terror. Die hingegen, die diesen „Relationshit“ dennoch wollen, aber auf Tinder nicht entsprechendes „material“ „scoren“ können, sollen einfach „manifesten“. Dieser esoterische Tralala bedeutet, dass man an das Universum eine Botschaft  à la „Ich verdiene einen Mann, der über ein regelmäßiges Einkommen verfügt, Klimaaktivist ist, gute Zähne hat und dann weint, wann ich es für richtig halte“ schickt, und das Universum keine Sekunde zögert, einem einen solchen Kerl mit gurkerl.at oder sonst einem Online-Service zuzustellen. Und dann gibt es natürlich noch die Wiederbelebung der guten, alten offenen Beziehung. Mit einem paradoxen Nebeneffekt: Die, die nach einem solchen Modell leben, sind in der Regel zu faul, um fremd zu gehen. Alles, was erlaubt ist, verliert eben häufig an Pepp. Möglicherweise gibt es bald eine Retrowelle der Treue, inklusive des Kicks eines Seitensprungs. Da war wenigstens dramamäßig die Hölle los.


Pollys „Mamacholie – die Muttertags-Specials“: Rabenhof, 8. Mai, mit Sona MacDonald & Petra Morzé

Polly Adler

Über Polly Adler

Polly Adler steht als Chaos-de-luxe-Kolumnistin auf dem satirischen Beobachtungsposten von Alltags-Irrsinn, Beziehungs-Herausforderungen und Brutpflege. Hinter dem Pseudonym versteckt sich die Wiener Journalistin Angelika Hager. Aus Polly Adlers verrückter Welt entstanden inzwischen acht Bücher, eine TV-Serie und diverse Bühnen-Shows, aktuell „Nymphen in Not”.

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