Emotionale Hochschaubahnen

Über entspannende Vollbäder in anderer Leute Sünden.

Ich liebe Gossip. Diese Tatsache entblößt mich als oberflächlich, voyeuristisch, schadenfreudig, aber es ist mir leider egal. Das Vollbad in anderer Leute Sünden hat eine so entlastende Wirkung. Dass der Prince of Wales bei einer Urinprobe seinem Kammerdiener anschafft, die Pipette zu halten – unfassbar! Man kann nur auf die thronfolgerliche Treffsicherheit hoffen. Der Prozess Johnny Depp versus Amber Heard: großes Kino! Obwohl mein feministisches Herz auch für Amber schlägt, die als eiskaltes Goldgräber-Luder vorgeführt wird, während Herr Depp seine An- und Abreisen vor dem Gerichtsgebäude irgendwo zwischen Red-Carpet-Glamour und Messias-Erscheinungen inszeniert und in seinen SUV von hormonell aufgepeitschten Damen Plüschtiere für drei Kinderheime geworfen kriegt. Ein „Megapint“-Rotwein zum Frühstück und statt einem Croissant Einprügeln auf die Küchenkasterln als Beigabe läuft im Brennglas der sozialen Medien unter der Verhaltensoriginalität eines ganzen Kerls, dem ab und zu die Sicherungen durchbrennen, aber that’s Johnny!

Wir mutieren während der Streamings zu Voyeuren, die in der Kaiserloge oberhalb einer Arena einer klassischen toxischen Beziehung sitzen. Und alle Überlebenden solcher „amours fous“ wissen, dass in solchen Konstellationen die Täter- und Opfer-Rollen in einem Wechselspiel stehen. Rasen wie hier ein Suchtproblematiker und eine Histrionikerin aufeinander zu, wird es natürlich sehr schnell ungemütlich. Die Frage der Richterin an Mrs. Heard „Warum haben Sie ihn nicht verlassen?“, zeugt von der Naivität einer Frau, die möglicherweise eine biedere „Wie war dein Tag“-Ehe mit einem Mann in Trevirahosen und Golfclubmitgliedschaft führt und keine Ahnung davon hat, wie schrecklich, anstrengend, süchtig machend und aufregend solche emotionalen Hochschaubahnen sein können. Denn, um Freud zu bemühen: „Nirgendwo sind wir so schutzlos ausgeliefert wie in der Liebe.“

„Nymphen in Not“: am 22. Mai um 11 Uhr im Rabenhof. Mit Sona MacDonald & Petra Morzé.

Polly Adler

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