Seelische Kniestrümpfe

Die neueste Gefühlsmode in Berlin heißt Schockverliebtheit.

Die ist jetzt sowas von schockverliebt“, diagnostizierte mein Freund M eine Berliner Freundin, die eben noch so verzweifelt wie ziellos durch ein Trennungsdrama mit dem Vater ihrer Kinder getaumelt war. Der Begriff war der letzte Schrei in der Berliner Gefühlsmode und bezeichnete die durch die digitalisierte Partnersuche erleichterte Möglichkeit, jemanden, den man gerade einmal drei Herzschläge lang kennengelernt hatte, als lottogewinn-äquivalente Pushnachricht eines wohlwollenden Schicksals zu werten. Im Fall der Berlinerin: Nach dem ersten gemeinsamen Café-Con-Mandelmilch in der Hipster-Kantine stülpt man gleich einmal im Fastforward-Tempo die Checkliste über den Mann (regelmäßiges Einkommen, gepflegte Zähne, Schuhe innerhalb der Genfer Konventionen, Manieren, minimale Altlasten, überschaubares Erwähnen der Mutter, freundlicher Umgang mit dem von verschlafener Arroganz geprägten Hipster-Personal). Und dann geht es in Nano-Geschwindigkeit bereits auf Stufe 2: Hormone in enthusiastischer Alarmbereitschaft. Die Schockverliebtheit besagter Freundin äußerte sich darin, dass sie den Mann sofort unter Riesen-Hallöchen ihrer Freundinnen-Clique vorführte, bereits nach seinem ersten Besuch in ihrer Wohnung den Allibert zur Hälfte für seine Medikamente und Rasiergerätschaft leer fegte, Booking.com nach geeigneten gemeinsamen Feriendomizilen durchkämmte und in seiner Abwesenheit jeden Konversationssatz mit der Konsequenz, mit der sich Pitbull-Terrier in Holzstücke verbeißen können, mit IHM, dem Glücksspender, in Zusammenhang brachte.
 

 „Stell dir vor“, klagte mein Freund, „selbst wenn du erzählst, dass du gerade eine Gürtelrose überstanden hast, fragt sie dich nicht, wie es dir jetzt geht, sondern schiebt sofort etwas in dieser Art rüber: ,Das hatte Kai auch schon einmal. War mit Sicherheit der Stress, den er mit der Scheidung hatte. Die Frau war ja sowas von narzisstisch gestört, er hatte eine Engelsgeduld mit ihr ...’ Das ist doch nicht normal, oder?“ Normal ist in der Liebe sowieso eine vernachlässigbare Kategorie, dachte ich mir, und außerdem ist Frühling.
Ich bin zwar jahreszeitentechnisch ein äffisches Sommer-Fangirl (Alte Donau, Bad Vöslau, ich komme!), aber der Frühling signalisiert einem doch immer, dass der Löwenanteil an grauen Himmelsdecken, einem Energie-
level auf Nacktschnecken-Niveau
 und Gemüts-Kälteeinbrüchen hinter einem liegt und ab jetzt alles flockiger werden wird. „Venus in Aufruhr, Saturn im Koma“, prognostiziert meine astrologiedepperte Freundin den Jahreszeitenwandel. Als Kind war es für mich immer ein sicheres Indiz dafür, dass das Leben wieder heller, es also Frühling wurde, wenn meine Mutter mir Kniestrümpfe erlaubte und ich den kratzigen Strumpfhosen das Mittelfingerchen zeigen konnte. So gesehen hat auch diese Schockverliebtheit nichts anderes als die Funktion von seelischen Kniestrümpfen.
Die weltbekannte Gefühlsforscherin Helen Fisher erklärte mir einmal in einem Interview zum Thema Verliebtheit: „Es ist ein Trieb, so wie der Sexual- oder Sättigungstrieb. Es geht also nicht um den Tänzer, sonder vielmehr um den Tanz.“ Solche pragmatischen Ansichten haben im Frühling nichts verloren. Halten wir uns lieber an den Transzendental-Philosophen Ralph Waldo Emerson, der der Überzeugung war:„Mein Leben ist wie ein Spiel im Frühling. Ich will mit euren steifen Sitten und matten Bräuchen nichts zu tun haben.“ Frühling also.

Polly Adler

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