"ÜberLeben": Was habe ich frei erfunden?

Das Leben wird verhaltensoriginell: Vier merkwürdige Begegnungen.

Zeigt die Welt dieser Tage eine Neigung zur Verhaltensoriginalität? Jedenfalls häufen sich in letzter Zeit die merkwürdigen, also des Merkens würdigen Begegnungen.

1. Begegnung. Wir sitzen bei unserem Friseur, einem guten Freund. Er hat das Geschäft zugesperrt, eine Flasche Grappa geöffnet und kocht Jakobsmuscheln mit Bambussprossen. Plötzlich klopft ein Nachbar am Fenster: Wir sind zu laut, befindet er. Wir laden ihn zur Strafe ein, sich unserem Fest anzuschließen. Er kommt herein, trinkt Bier und sagt plötzlich: „Wollt ihr mein Penis-Piercing sehen?“ Wir lehnen höflich, aber sehr nachdrücklich ab.

2. Begegnung. Wir sitzen schon wieder, diesmal auf einer Bank im Park. Es ist wunderbar warm, wir finden, die Nacht ist zu schön, um sie an den Schlaf zu verschwenden, trinken Bier, rauchen, reden. Plötzlich steht ein Nachbar vor uns. Ansatzlos beginnt er zu reden, er redet eine Stunde lang, und zwar nur über seine Haare. Er spricht, dazwischen starrt er uns minutenlang schweigend an. Irgendwann stehen wir auf und gehen. Er bleibt stehen und spricht weiter.

3. Begegnung. Ein Tennisplatz in Salzburg. Wir sitzen zum dritten Mal, und zwar vor dem Klubhaus, erschöpft vom Spielen. Auf dem Nebentisch besprechen drei ältere Herren die Tagespolitik. Einer befindet, die Demokratie sei der falsche Weg, um Krisen zu bewältigen. Es gehöre ein neuer Kreisky her, oder ein neuer Diktator, am besten beides in einer Person. „Unterm Kreisky oder unterm Orban tät’s des ned geben.“ Der Orban sei aber ein übler Autokrat, meint ein anderer. „Des is ma wurscht“, sagt der erste und trinkt sein Bier.

4. Begegnung. Diesmal gehen wir, und zwar spazieren. Uns begegnet ein Mann, der einen Hamster trägt. „Wollt ihr meinen Hamster kaufen?“, fragt er. „Er heißt Monika und kann tanzen.“ Wir wollen nicht.

Eine dieser Begegnungen habe ich frei erfunden. Wissen Sie, welche?

Guido Tartarotti

Über Guido Tartarotti

Guido Tartarotti wurde, ohne vorher um Erlaubnis gefragt worden zu sein, am 23. Mai 1968 zur Mödlinger Welt gebracht. Seine Eltern sind Lehrer, und das prägte ihn: Im anerzogenen Wunsch, stets korrekt und dialektfrei zu sprechen, glaubte er bis in die Pubertät, Vösendorf heiße eigentlich Felsendorf. Das Gymnasium Perchtoldsdorf, wo es damals u. a. eine strenge Einbahnregelung für die Stiegenhäuser gab, verzichtete nach einigen Verhaltensoriginalitäten seinerseits nach der fünften Klasse auf seine weitere Mitarbeit. Also maturierte er in der AHS Mödling-Keimgasse. 1990 begann er in der KURIER-Chronikredaktion. 1994 wurde er Leiter der Medienredaktion, ein Jahr darauf auch der Kulturredaktion. Beide Positionen legte er 2004 zurück, um wieder mehr Zeit zum Schreiben zu haben.

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