"ÜberLeben": Vor 33 Jahren war alles Wurst

Der Oktober 1989 war eine gute Zeit. Sie dauerte nur nicht allzu lange.

Vor 33 Jahren war der Oktober 1989. (Was wären wir ohne die Logik der Mathematik, sage ich als stolzer Vater einer in Oxford studierenden Mathematikerin.) Und es war eine gute Zeit. Ja, Nummer eins der Hitparade war „Lambada“ von Kaoma, aber selbst dieses furchtbare Stück wird in der Erinnerung deutlich besser, wenn man in Betracht zieht, dass danach „Girl I’m Gonna Miss You“ von Milli Vanilli kam. Und bei den Alben führten meine geliebten Rolling Stones mit „Steel Wheels“.

Ich hatte den Juli in Griechenland verbracht, gemeinsam mit meinen drei besten Freunden. Wir waren von Insel zu Insel gefahren, hatten auf Dächern geschlafen, in Gepäcknetzen von Zügen, auf Decks von Fähren, aber meistens am Strand. Ich hatte mich einen Monat lang nur von Bier ernährt und von den Pizzarändern, die mein Freund Bernie übrig ließ. Wir hatten einen Kassettenrekorder mit, den wir „Leckoasch“ nannten, und hörten rund um die Uhr Heavy Metal. Als ich nach einem Monat zurückkam, hatte ich zehn Kilo abgenommen und war von der Sonne schwarzgebrannt. Und ich spürte: Besser wird das Leben nicht mehr.

Im August hatte ich dann in einer Wurstfabrik gearbeitet und dabei viel fürs Leben gelernt. Eines Tages hatte unser türkischer Vorarbeiter zu mir gesagt: „Junke, kehst tu Tiere opicken!“ Und ich brauchte lange, bis ich herausfand, dass ich weder eine Türe noch Tiere abkleben sollte, sondern Braunschweiger Wurst – bei uns auch „Dürre“ genannt – mit Etiketten versehen.

Im September war dann meine erste richtige Beziehung in die Brüche gegangen, was mir nicht sehr weh tat, denn ich hatte eine fantastische Frau kennengelernt: Dünn, schwer verhaltensoriginell, im Intimleben hemmungslos, mit einer ausgezeichneten Plattensammlung. Außerdem spielte ich in einer schlechten Band und war glücklich.

Ja, der Oktober vor 33 Jahren fühlte sich gut an. Ich hatte ja keine Ahnung, dass er nur etwa drei Monate dauern würde, der Oktober 1989.

Guido Tartarotti

Über Guido Tartarotti

Guido Tartarotti wurde, ohne vorher um Erlaubnis gefragt worden zu sein, am 23. Mai 1968 zur Mödlinger Welt gebracht. Seine Eltern sind Lehrer, und das prägte ihn: Im anerzogenen Wunsch, stets korrekt und dialektfrei zu sprechen, glaubte er bis in die Pubertät, Vösendorf heiße eigentlich Felsendorf. Das Gymnasium Perchtoldsdorf, wo es damals u. a. eine strenge Einbahnregelung für die Stiegenhäuser gab, verzichtete nach einigen Verhaltensoriginalitäten seinerseits nach der fünften Klasse auf seine weitere Mitarbeit. Also maturierte er in der AHS Mödling-Keimgasse. 1990 begann er in der KURIER-Chronikredaktion. 1994 wurde er Leiter der Medienredaktion, ein Jahr darauf auch der Kulturredaktion. Beide Positionen legte er 2004 zurück, um wieder mehr Zeit zum Schreiben zu haben.

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