"ÜberLeben": Der Lockruf der Schwerkraft

Klettern ist wie strömen, nur senkrecht. Anschließend gibt es Wurst.

Endlich ist wieder richtiges Kletterwetter. Wenn es 30 Grad oder mehr hat, bekommen mein Kopf und mein Körper Lust auf Bewegung.

„Wenn die Natur vorgesehen hätte, dass man Felswände hinaufkraxelt, gäbe es keine Schwerkraft“, schreibt ein Freund. Nun, die Natur hat auch kein Klopapier vorgesehen, keine schmerzstillenden Spritzen vor Wurzelbehandlungen und keine Rolling-Stones-Konzerte, dennoch machen diese Dinge das Leben schöner. Die Schwerkraft lässt auch den aufrechten Gang zur Herausforderung werden, trotzdem ist es besser, sich nicht nur auf dem Hintern rutschend fortzubewegen, wenn einem die Gesundheit oder der Alkoholisierungsgrad dies gestatten. Ich glaube ja, Klettern macht genau deshalb so viel Spaß, weil es die Schwerkraft gibt.

Wir fahren wieder zu unserem Lieblingsklettersteig, dort wo meine Freundin „die schönen Wurzeln“ bewundern kann (meine Freundin findet alles schön, auch Wurzeln, Graupelschauer oder alte Socken), und meine Tochter über das Schild „unerlaubtes Angeln verboten“ lachen kann – nur erlaubtes Angeln ist dort erlaubt. Beim Klettern sehen wir einen Baby-Raubvogel, er sitzt auf einem Felsvorsprung, schüttelt seine Federn und schaut uns verwundert an, als wollte er sagen: Seid’s ihr noch ganz dicht?

Oben gibt es wie immer Cabanossi, Käse und ein Selfie. Mir schmeckt Cabanossi gar nicht so gut, aber nach dem Klettern finde ich sie köstlich. Es lebe die Wurst-Tradition!

Nachher waten wir noch ein wenig durch den herrlich kühlen Fluss und bemühen uns, ins Wasser zu fallen, was uns nicht gelingt, zu vertraut ist uns der aufrechte Gang. Meine Freundin, die manchmal versehentlich ein wenig die Sprache verdreht, sagt, uns gebühre „strömender Applaus“, worauf es sofort zu regnen beginnt, und zwar tosend, und danach hat uns die Schwerkraft wieder.

Klettern ist übrigens wie strömen, nur senkrecht.

Guido Tartarotti

Über Guido Tartarotti

Guido Tartarotti wurde, ohne vorher um Erlaubnis gefragt worden zu sein, am 23. Mai 1968 zur Mödlinger Welt gebracht. Seine Eltern sind Lehrer, und das prägte ihn: Im anerzogenen Wunsch, stets korrekt und dialektfrei zu sprechen, glaubte er bis in die Pubertät, Vösendorf heiße eigentlich Felsendorf. Das Gymnasium Perchtoldsdorf, wo es damals u. a. eine strenge Einbahnregelung für die Stiegenhäuser gab, verzichtete nach einigen Verhaltensoriginalitäten seinerseits nach der fünften Klasse auf seine weitere Mitarbeit. Also maturierte er in der AHS Mödling-Keimgasse. 1990 begann er in der KURIER-Chronikredaktion. 1994 wurde er Leiter der Medienredaktion, ein Jahr darauf auch der Kulturredaktion. Beide Positionen legte er 2004 zurück, um wieder mehr Zeit zum Schreiben zu haben.

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