"ÜberLeben": Deine erste Wurzelbehandlung (Teil 1)

Zahnarzt statt Bier: Zu Gast in meinem Mund.

Jahrzehntelang habe ich mich bei meinen Mitmenschen nach Kräften unbeliebt gemacht, indem ich sagte: Ich habe nicht die geringste Angst vor dem Zahnarzt, denn ich hatte beim Zahnarzt noch nie Schmerzen.

Ein Besuch beim Zahnarzt sah bei mir immer so aus: Der Zahnarzt schaut in meinen Mund, sagt „Alles in Ordnung“, und ich gehe wieder. Wenn Freunde erzählten, dass sie bibbernd vor Angst beim Zahnarzt säßen, lächelte ich immer mitleidig.

Unlängst fühlte ich etwas Merkwürdiges im Mund, etwas, das ich noch nicht kannte, und schlagartig wurde mir klar, was es war: Zahnschmerzen. Beim Essen, beim Trinken, beim Zähneputzen, beim Atmen, beim Leben. Nicht wirklich schlimm, aber doch so, dass sie einen Schatten auf meine Tage warfen, wie ein lästiger, etwas unsympathischer Begleiter, den man nicht abschütteln kann. Ich beschloss, mit dem Begleiter auf ein Bier zu gehen. Nach zwei Bier war der Schmerz weg, aber man kann ja nicht rund um die Uhr zwei Bier trinken.

Also rief ich meine Zahnärztin an. Meine Zahnärztin ist eine alte Freundin, um ehrlich zu sein, war ich vor 35 Jahren einmal sehr verliebt in sie. Wir sehen einander selten (weil meine Zähne eben immer gesund waren), aber manchmal schreibt sie mir geistreiche WhatsApp-Nachrichten, die mich verlässlich zum Lachen bringen.

Kurz darauf schleppte ich mich und meine Zahnschmerzen in ihre Ordination. Im Wartezimmer drehten ein paar gelangweilte Fische in einem hübschen Aquarium ihre beruhigenden Runden.

Schließlich war ich an der Reihe. Meine Zahnärztin sah aus wie vor 35 Jahren, wir erzählten einander ein paar Geschichten, tauschten Neuigkeiten aus dem erweiterten Freundeskreis aus, schließlich sagte sie „So“, schaute in meinen Mund, strahlte mich an und sprach den legendären Satz: „Guido, das ist ein besonderer Tag, heute bekommst du deine erste Wurzelbehandlung.“

Guido Tartarotti

Über Guido Tartarotti

Guido Tartarotti wurde, ohne vorher um Erlaubnis gefragt worden zu sein, am 23. Mai 1968 zur Mödlinger Welt gebracht. Seine Eltern sind Lehrer, und das prägte ihn: Im anerzogenen Wunsch, stets korrekt und dialektfrei zu sprechen, glaubte er bis in die Pubertät, Vösendorf heiße eigentlich Felsendorf. Das Gymnasium Perchtoldsdorf, wo es damals u. a. eine strenge Einbahnregelung für die Stiegenhäuser gab, verzichtete nach einigen Verhaltensoriginalitäten seinerseits nach der fünften Klasse auf seine weitere Mitarbeit. Also maturierte er in der AHS Mödling-Keimgasse. 1990 begann er in der KURIER-Chronikredaktion. 1994 wurde er Leiter der Medienredaktion, ein Jahr darauf auch der Kulturredaktion. Beide Positionen legte er 2004 zurück, um wieder mehr Zeit zum Schreiben zu haben.

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