Seilers Gehen: Über die Architektur bei Heiligenstadt

Christian Seiler

von Christian Seiler

Von der U-Bahn-Heiligenstadt über die Adalbert-Stifter-Strasse bis hin zum Höchstädtplatz.

Ich gehe über die Heiligenstädter Brücke, lasse das eingerüstete Hochhaus hinter mir, das vor Jahrzehnten einmal „Pressehaus“ hieß, betrachte auf der anderen Seite des Donaukanals die massiven Stufen, aus denen das Haus Panorama aufgebaut ist, ein besonders markantes Bauwerk des Campus Brigittenau, wo insgesamt 1.700 Studenten leben, und denke ein bisschen über Haltbarkeit und Vergänglichkeit von Architektur nach.

Während ich die Lorenz-Müller-Gasse entlanggehe, links Studentenheim, rechts Wohnanlage, suchen meine Augen nach einem ästhetischen Halt. Vergebens, ich sehe ein paar Schrebergärten, den Sportplatz von Dynamo Donau, ein grün verkleidetes Autohaus – wo ich im Vorbeigehen einen Lexus oder Maserati kaufen könnte, wenn ich genug Bargeld einstecken hätte – und nur im Hintergrund taucht die Silhouette eines Bauwerks auf, das mich zu interessieren beginnt. Worum könnte es sich bei dieser abenteuerlichen Konstruktion aus Beton und Glas bloß handeln? Sie präsentiert sich mit mächtigen Säulen und Auskragungen wie eine gigantische Maschine unbekannter Verwendung, eine Raketenabschussrampe oder eine Versuchsanstalt für die Segnungen moderner Baustoffe. Eine dieser Zuschreibungen stimmt übrigens, wenigstens ein bisschen. Denn die sicherheitstechnische Prüfstelle ist Teil des „Forschungs- und Verwaltungszentrums der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt“. Sie dient der Zertifizierung von Schutzanzügen und -gurten, aber auch die Bestimmung „brenn- und explosionstechnischer Kenngrößen“ von verschiedenen Staubmischungen oder die Untersuchung von Arbeitsplatzverhältnissen auf Lärm, Schwingungen, Schadstoffe und Magnetfelder. 
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die STP der AUVA – so die Abkürzung des Namenskolosses – ausgerechnet an der Adalbert Stifter Straße liegt, die den Namen des vielleicht stillsten und naturverliebtesten unter den Literaten seiner Generation trägt. Aber ich wollte eigentlich über Architektur sprechen. Ich stehe jetzt direkt vor dem Gebäudekomplex, vor mir ein geometrisches Metallkunstwerk namens „Offener Raum“. Ich kann die Konstruktion des Hauses betrachten, das der Architekt Kurt Hlaweniczka mit einer kühnen Idee geplant hat. Die meterdicken Betontürme tragen Brücken, von denen wiederum mit blauen Stahlrohren die einzelnen Geschosse abgehängt sind.
Notwendig war diese Konstruktion, weil der Grund, auf dem das Haus steht, nicht tragfähig genug war. Ich betrachte das Haus, es stimmt mich heiter. Es wird von einem blau glänzenden Optimismus umweht, vom aufrechten Glauben an die Zukunft, deren Teil zu sein es selbstbewusst behauptet. Das ist keine Architektur, die sich in sich selbst versteckt und nur maximalen Nutzwert im Sinn hat. Ich verabschiede mich mit einer kleinen Verbeugung, überquere die Adalbert- Stifter-Straße und sortiere mich in die Dresdner Straße ein, wo, je nach Straßenseite, getankt, geschweißt, gehandelt und gewohnt wird. Dann komme ich am Höchstädtplatz an. Aber hier beginnt eine andere Geschichte. 

Die Route

U-Bahn-Heiligenstadt – Boschstrasse – Gunoldstrasse – Heiligenstädter Brücke – Lorenz-Müller-Gasse – Adalbert-Stifter-Strasse – Dresdner Strasse – Höchstädtplatz: 3.200 Schritte
 

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