Seilers Gehen: Wo österreichische Geschichte sich zusammenkrümmt

Christian Seiler

von Christian Seiler

Vom Höchstädtplatz über die Marchfeldstraße in die Meldemannstraße.

Das monumentale Gebäude des FH Technikums Wien überspannt den Höchstädtplatz, und ich gehe am verglasten Info-Center vorbei und stehe plötzlich vor einem drastischen Denkmal, das ich auf den ersten Blick fast mit einem Kruzifix verwechselt hätte. Ein Mensch hängt an einer Stahlschiene, Kopf nach unten. Hinter dem Körper befinden sich Granitquader, die wiederum von roten Ziegelsteinen flankiert werden. Daneben zur Erklärung die Inschrift: „Den Opfern/und Kämpfern/gegen/faschistische/Gewaltherrschaft/Rassismus/und Krieg. Gewidmet von der KPÖ.“

©Klobouk Alexandra

Die expressive Formensprache kommt mir bekannt vor, und richtig, sie stammt von Alfred Hrdlicka, der das Mahnmal gemeinsam mit dem Künstler Fritz Weber gestaltet hat. Die Gestalt stellt den Marsyas II dar, eine geschundene Figur aus der griechischen Mythologie, der bei lebendigem Leib die Haut abgezogen wurde. Der Granit soll an das Konzentrationslager Mauthausen erinnern, die Backsteine an die Ziegelgruben auf dem Wienerberg und die Ursprünge der österreichischen Arbeiterbewegung.
Nur wenige Meter entfernt steht wie zur Erklärung das Denkmal für Johann Kopleinig, den langjährigen Vorsitzenden der KPÖ, der hier als „Mitbegründer der Zweiten Republik“ gefeiert wird. Tatsächlich war ja die KPÖ neben der Volkspartei und den Sozialisten eine der drei Gründerparteien der neuen Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg. In dem blockartigen Bürohaus am Höchstädtplatz, das vor der Errichtung des Technikums und des gegenüberliegenden Wohnturms den Platz dominiert haben muss, befand sich unter anderem die Redaktion der bis 1994 täglich erscheinenden „Volksstimme“. Nach deren Einstellung wurde das Haus vermietet, unter anderem fand im Speisesaal die legendäre „Nette Leit Show“ mit Hermes Phettberg statt.

Das Haus ist von Bauzäunen umgeben, aber gebaut wird nicht. Einige der Fenster sind von innen mit Parolen besprayt. Es gibt Pläne für eine Nachnutzung des denkmalgeschützten Gebäudes, angeblich sollen Wohnungen entstehen, vor einigen Jahren war von einer Fertigstellung im Jahr 2021 die Rede. Da müssen sie sich ziemlich beeilen.
Ich gehe auf die andere Straßenseite, um das Haus – es wurde nach Plänen von Wilhelm Schütte und seiner Frau Margarethe Schütte-Lihotzky errichtet – in seiner geschichtsträchtigen Gesamtheit zu erfassen. Dann biege ich in die Meldemannstraße ein und spaziere Richtung Praterstern. Aber wer könnte an der Hausnummer 27 vorbeigehen, wo sich von 1905 bis 2003 ein sogenanntes Männerwohnheim befand, ein Obdachlosenasyl, in dem zwischen 1910 und 1913 ein gewisser Adolf Hitler wohnte?
Es ist gespenstisch, wie viel österreichische und europäische Geschichte sich auf ein paar hundert Metern in der Brigittenau zusammenkrümmt, untrennbar miteinander verbunden und doch in einer neuen Normalität festgefroren. Ins frühere Männerwohnheim ist inzwischen das „Wie daham“-Seniorenschlössl Brigittenau eingezogen.
Nur ein Graffito auf dem Gehsteig mahnt zur Aufmerksamkeit: „Pass auf, wo du gehst“. Wie das gemeint ist, weiß ich nicht. Aber ich passe zur Sicherheit auf.

Die Route

Höchstädtplatz – Marchfeldstrasse – Meldemannstrasse: 1.000 Schritte

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