Ausstellung

Werkzeuge der Sichtbarkeit: Die Fotografin Susan Meiselas in Wien

Michael Huber

von Michael Huber

Die Werkschau der US-Amerikanerin im Kunst Haus Wien rückt neben ikonischen Fotos das Vor- und Nachleben der Bilder in den Fokus

In der täglichen Flut der Pressefotografien haben nur wenige Bilder das Zeug, zur „Ikone“ zu werden: Sie verdichten ein Geschehen derart, dass das Dokument über den aktuellen Anlass hinaus Bestand hat. Oft geht der Name des Fotografen oder der Fotografin in die Geschichte ein: Robert Capas „Fallender Soldat“ oder Dorothea Langes „Migrant Mother“ (beide 1936) sind Beispiele dafür.

Susan Meiselas gelang 1979 ebenfalls eine Ikone, die als „Molotov Man“ bekannt wurde: In Estelí, Nicaragua, fotografierte sie einen Rebellen beim Wurf eines Brandsatzes, einen Tag, bevor die Sandinista-Revolution den Machthaber Anastasio Somoza zur Flucht zwang.

©Susan Meiselas/Magnum Photos

Zeit mit Bildern

Für die Fotografin, die als Mitglied der renommierten Agentur „Magnum“ auch aus Kuba, El Salvador oder dem Irak berichtete, war das berühmte Bild aber erst ein Startpunkt. Denn wie die derzeit laufende, umfassende Werkschau im Kunst Haus Wien (bis 13. 2. 2022) demonstriert, versteht Meiselas ihr Metier in einer ungewöhnlichen Weise, die mehr auf Prozesse denn auf Augenblicke fokussiert.

Theoretische Fragen, die die Fotografie seit jeher begleiten, sind in das Werk der 1948 geborenen US-Amerikanerin direkt eingebaut: Warum ist es genau jenes Bild, das zur Ikone wurde? Was passierte vor der Aufnahme, was danach? Was wurde aus den Menschen im Bild? Wie geht es ihnen mit ihrem Abgebildetsein, haben sie überhaupt etwas zu sagen?

Bereits als Studentin trieben Meiselas solche Fragen um: Für eine Abschlussarbeit fotografierte sie 1971  ihre Mitbewohnerinnen in den Zimmern ihres  Gemeinschaftswohnhauses in Boston. Die abgelichteten Personen durften nicht nur ihre Inszenierung selbst bestimmen, sie wurden auch interviewt, erzählten über ihr Leben und darüber, ob sie sich in ihren Bildern wiederfanden. Der Akt des Fotografierens, so die Mission, sollte kein einseitiges Nehmen sein.

Fünf Jahre später begann Meiselas ihr Projekt „Prince Street Girls“, für das sie eine Gruppe Mädchen im New Yorker Stadtteil Little Italy – wo die Künstlerin bis heute lebt – immer wieder fotografierte. Über mehrere Jahre sieht man die Entwicklung der Personen, zu denen die Fotografin nach und nach Beziehungen aufbaute: „Es fühlte sich für mich nicht richtig an, auf der Straße zu lauern“, erklärte Meiselas dazu.

©Susan Meiselas/Magnum Photos

Kein Vampirismus

Dass die Fotografin nicht einfach „gelungene“ Bilder präsentiert, ist ein wesentlicher Teil ihres Selbstverständnisses. Auch im Kunst Haus Wien sind die schön ausgearbeiteten Prints flankiert von Kontaktbögen, Notizblöcken und anderen Materialien: Kein Bild entsteht ohne Vorbedingungen, der Verbreitungsweg bestimmt die Botschaft mit.

Im Fall des „Molotov Man“ wuchs die Beschäftigung mit dem Kontext zu einem eigenen Langzeitprojekt heran: Wurde das Bild doch sowohl von linken Rebellen in Lateinamerika wie auch von antikommunistischen US-Kräften für die Propaganda vereinnahmt, auf Hauswände gesprüht und vielfach neu kontextualisiert. Meiselas sammelte akribisch Belege für dieses Nachleben, auch ein eigener Film ging 1991 aus dieser Arbeit hervor.

©Susan Meiselas/Magnum Photos

Fotos als Beweis

Folgt man dem Karrierepfad in der Ausstellung weiter, so scheint die Fotografin als Urheberin immer weiter zu verblassen: In zahlreichen Projekten, die oft in Zusammenarbeit mit humanitären Organisationen entstanden, verfolgt Meiselas vor allem das Ziel, Menschen Werkzeuge zur Herstellung ihrer eigenen Sichtbarkeit in die Hand zu geben.

Polizeidokumentationen von Szenen häuslicher Gewalt sind da zu sehen, gefolgt von Aufnahmen eines grün gestrichenen Raums, in dem Opfer solcher Gewalt temporär Unterkunft fanden und finden. Für ein anderes Projekt sammelte Meiselas mit zahlreichen Mitstreiterinnen Fotos aus Kurdistan, um der weit verstreuten kurdischen Exil-Gemeinde ein visuelles Gedächtnis zu vermitteln.

Es ist ein Werk, das sich recht weit vom traditionellen Fotojournalismus entfernt – und zugleich bekräftigt, wie wichtig es ist, dass weiterhin bildliche Zeugnisse des Weltgeschehens entstehen.

Michael Huber

Über Michael Huber

Michael Huber, 1976 in Klagenfurt geboren, ist seit 2009 Redakteur im Ressort Kultur & Medien mit den Themenschwerpunkten Bildende Kunst und Kulturpolitik. Er studierte Publizistik und Kunstgeschichte und kam 1998 als Volontär erstmals in die KURIER-Redaktion. 2001 stieg er in der Sonntags-Redaktion ein, wo er für die Beilage "kult" über Popmusik schrieb und das erste Kurier-Blog führte. Von 2006-2007 war Michael Huber Fulbright Student und Bollinger Fellow an der Columbia University Journalism School in New York City, wo er ein Programm mit Schwerpunkt Kulturjournalismus mit dem Titel „Master of Arts“ abschloss. Als freier Journalist veröffentlichte er Artikel u.a. bei ORF ON Kultur, in der Süddeutschen Zeitung, der Kunstzeitung und in den Magazinen FORMAT, the gap, TBA und BIORAMA.

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