Rubik's Cube

Rubik's Cube: So entstand das meistverkaufte Spielzeug der Welt

Am 19. Mai 1974 kreierte der ungarische Professor Ernö Rubik ein Puzzle, das seinen Studierenden helfen sollte, dreidimensional zu denken.

Es begann zögerlich. Fast behutsam drehte Max Park die ersten Flächen; langsam entstand so die einheitliche gelbe Seite. Obwohl die Uhr tickte, legte der 21-Jährige den Würfel ab, studierte ihn, blickte ihn von allen Seiten an. 

Immer mehr Zuschauer in der kalifornischen Halle hoben ihre Handys, standen auf, beugten sich nach vorne. Dann nahm Max Park den Würfel wieder in die Hand – und begann in einer Geschwindigkeit, die mit bloßem Auge kaum zu verfolgen war, die restlichen 45 Flächen an die richtige Position zu schieben. "Yes!", er sprang auf, ballte die rechte Faust, die Halle jubelte. Die Uhr zeigte: 3,13 Sekunden.

Mit dieser Bestzeit ist dem koreanischen Amerikaner im Juli 2023 der neue Weltrekord im Lösen des Zauberwürfels "Rubik’s Cube" gelungen.

Es ist eine Wendung, die Ernö Rubik so nicht kommen sah. Der ungarische Architekturprofessor wollte im Jahr 1974 eigentlich nur etwas Greifbares, Bewegliches für seine Studierenden der Moholy-Nagy-Universität in Budapest schaffen. Ein 3-D-Puzzle, das verständlich, aber dennoch anstrengend war. Das Studierende herausforderte, räumlich logisch zu denken. Sie dazu anhielt, durchzuhalten, wenn es schwierig wurde.

Kopfzerbrechen

Als er am 19. Mai 1974 die erste Version seines Zauberwürfels „entdeckte“ – als Erfinder sah er sich nie – war er gar nicht sicher, ob er ihn überhaupt wieder zusammenzusetzen konnte: diesen Prototypen aus Holz, der aus vielen kleinen Würfeln bestand und einen versteckten Mechanismus hatte, der das Drehen erlaubte.

Ein Monat lang drehte und wendete Rubik das Objekt, bis es ihm doch gelang, alle Farben an die richtige Stelle zu befördern. Eine Leistung, die lediglich 5,8 Prozent der Menschen schaffen: Lösen ohne Anleitung.

Als Ernö Rubik 1975 den Würfel als "räumliches Logikspielzeug" patentieren ließ, war er sich aber ohnehin sicher, dass seine Entdeckung der breiten Masse nicht zusagen würde. Rätselspiele nahmen damals generell einen kleinen Teil im Spielsegment ein; im kommunistischen Ungarn hinter dem Eisernen Vorhang noch weniger. Vielleicht, dachte der Professor, würden aber doch ein paar Menschen mit naturwissenschaftlichem oder mathematischem Hintergrund Gefallen daran finden. Bei der Nürnberger Spielemesse im Februar 1979 war der Würfel in einer der hinteren Ecken ausgestellt. Dort fiel er Tom Kremer in die Hände.

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Der ungarische Professor Ernö Rubik brauchte einen Monat, um den Würfel selbst zu lösen

©Getty Images/Pictorial Parade/Getty Images

Neu gefallen

Tom Kremer, ebenfalls Ungar, sprach nicht nur Ungarisch und Englisch fließend. Er verstand auch die Welt des ungarischen Kommunismus ebenso wie den westlichen Kapitalismus. Dazu sah er das Potenzial und bot das Design der amerikanischen Spielefirma Ideal Toy Company an – eine Entscheidung, die dem Lauf des Zauberwürfels unerwarteten Drall gab.

Nur ein Jahr später erschien das kantige, dreidimensionale Rätsel in amerikanischen Werbespots – und danach die Amerikaner in den Spielzeuggeschäften. Auf der Suche nach dem faszinierenden Tüftelobjekt.

Bestsellerautor mit zwölf

Doch mit der Verbreitung des Würfels stieg auch die Frustration all jener, die ihn einfach nicht lösen konnten.

Ihnen kam der 12-jährige Brite Patrick Bossert zu Hilfe. Er veröffentlichte 1981 das Buch "You Can Do the Cube", eine Hilfsanleitung. "Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass das Buch so gut angekommen ist", sagte Bossert 1996 in einem Interview. "Es hat doch bloß als ein vierseitiges Buch mit Anleitungen für meine Freunde begonnen." Denn mit nur 13 Jahren war Patrick Bossert, der nie länger als 90 Sekunden brauchte, um den Würfel zu lösen, der jüngste Bestsellerautor der New York Times geworden.

Die Jagd nach dem Puzzlerekord

Schneller, jünger, umfangreicher

Spielewelt. Puzzle, Quiz und Rätsel sind weltweit auf dem Vormarsch – und damit neue Höchstleistungen. Zu Jahresbeginn gelang dem deutschen Pensionisten Hans-Josef Schaadt ein Weltrekord: Er setzte ein 54.000-teiliges Puzzle in 99 Tagen zusammen. Davor lag der Weltrekord bei 137 Tagen. Kurz davor hatte der Inder Maguluri Sachin ebenfalls einen Weltrekord aufgestellt, obwohl sein Puzzle nur 1.000 Teile zählte. 

Doch mit seinen neun Jahren, sechs Monaten und 30 Tagen ist Maguluri der Jüngste, der diese Puzzlegröße schaffte. Anfang Mai konnte ein  Ehepaar aus Indiana wiederum den Guinness-Weltrekord mit der größten Sammlung aufstellen. John und Kyle Walczak aus Carmel begannen 2019 mit dem Sammeln von Puzzles und wurden bald süchtig nach dem Kauf, Lösen, Verkaufen und Tauschen der Spiele. Sie besitzen nun  2.022 Puzzlespiele.

Obwohl der Würfel daraufhin sogar seine eigene Zeichentrickserie bekam – "Rubik, the Amazing Cube" – glaubte man in Amerika nicht an die Langlebigkeit des Produkts. "Die Zeit des Würfels sei 'passé', es habe sich um eine 'Modeerscheinung' gehandelt", schrieb die New York Times in den 1980ern.

Doch die Zeitung hat ihre Rechnung ohne die "Speedcuber" gemacht, jene Tüftler und Denker, die ihre Würfel immer schneller lösen wollen, die einander in Clubs treffen und in Weltmeisterschaften gegeneinander antreten. Und die es mitzuverantworten haben, dass der Zauberwürfel mit 400 Millionen verkauften Stück an seinem 50. Geburtstag das beliebteste Spielzeug der Welt ist.

Einer der Würfel wird vielleicht gerade gedreht. Möglicherweise im Versuch, Max Parks zu unterbieten.

Anna-Maria Bauer

Über Anna-Maria Bauer

Wienerin und Weltenbummlerin. Leseratte und leidenschaftliche Kinogeherin. Nach Zwischenstopps in London und als Lehrerin in der Wien-Chronik angekommen. Interessiert an Menschen, die bewegen, begeistern oder entsetzen; an ungewöhnlichen Ideen und interessanten Unmöglichkeiten. "Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit." Egon Erwin Kisch: Der rasende Reporter.

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