Gerard Butler: „Ich bin erstaunt, dass ich noch lebe“

Im Interview erzählt der Hollywoodstar, wie knapp er bereits dem Tod entging – und das nicht nur einmal.

Jetzt sitzt er da, der Mann, den alle lieben. Mit zunehmendem Alter, Gerard Butler ist jetzt 52, sieht er stetig verwitterter aus. Vollbart, dieses breit gewordene Jack-Wolfskin-Gesicht, die stetig tiefer liegenden Furchen von vielen Nächten im Pub, die ehrlichen, nicht künstlich glatt gebügelten Falten auf der Stirn. Dazu dieses helle, wirklich erfrischend kindische Lachen, wenn er sich wieder mal tief hineinredet, in die Emotion.

Wenn er, wieder mal, aus einer sterbenslangweiligen Antwort etwas Aufregendes macht, weil er es so enthusiastisch erzählt und sich derart über sich selbst zerkugelt, dass man ihn einfach mögen muss. Das ist Butlers große Stärke. Nicht seine Muskeln. Nicht, weil man ihm den hartgesottenen Macker abnimmt. Es ist sein Enthusiasmus.

Auch die Lederjacke, die er trägt, passt gut. In Hollywood ist der Schotte der Mann fürs Bodenständige: nah am Volk, leutselig, geraderaus statt hintenrum. Passend zu alldem trägt er stets einen schmutzigen Grinser im Gesicht: ein Schelm, den man mit der Hand in der Keksdose erwischt hat, dem man trotzdem niemals böse deswegen sein könnte. Dem man alles verzeiht.

Neuer Actionfilm "Plane"

Anlass für das internationale Journalistengespräch ist sein neuer Film „Plane“. Butler tritt darin als Pilot Torrance seinen Dienst am Steuer eines Linienflugs an. Doch dann zieht ein Sturm auf, ein Blitz schlägt ein, und er landet den Flieger per Notlandung. Das Ende der Geschichte ist das nicht, sondern ihr Anfang. Der Crash ist nämlich nicht sein größtes Problem. Die Rebellen der Insel, auf der er gelandet ist, sind hier wirklich fies und nehmen die Passagiere als Geiseln. Torrances einziger Helfer: ein Killer namens Gaspare (Mike Colter), der vom FBI begleitet, in Handschellen mit im Flugzeug saß. Gemeinsam nehmen sie den Kampf auf.

Kein Film für Menschen mit Flugangst, aber davon abgesehen kommen alle auf ihre Kosten. „Plane“, das ist ein geradliniger Actionfilm, der es aus den Achtzigerjahren irgendwie ins Heute geschafft zu haben scheint. (Fast) allein gegen alle, das hätte auch einem Chuck Norris oder Bruce Willis alle Ehre gemacht. Doch es ist Gerard Butler, und die heißen Kohlen aus dem Feuer zu holen, das ist für ihn nichts Neues.

Jedermann's Held 

In Hollywood hat der Schauspieler seine ideale Nische gefunden: Als beinahe ganz normaler Held von nebenan, der dann doch wieder die Welt retten muss. „Ich werde nicht lügen“, erklärt Butler dazu im Gespräch, „ich habe diese Helden-Jedermanns schon zuvor gespielt, das ist etwas, das mir ziemlich gut zu gelingen scheint. Das Publikum reagiert darauf, es will das sehen.“

Streifen wie „Copshop“ oder „Hunter Killer“ setzen auf solide Action, so unmissverständlich wie eine harte Gerade ans Kinn. Butler kämpft darin mit entschlossenem Gesicht, kriegt seine Schrammen ab. Die Sympathien sind auf seiner Seite, sogar wenn er einen Auftragskiller spielt. Filme, die das Rad nicht neu erfinden. Aber die, mit überschaubarem Budget produziert, zwar keine Einspielrekorde brechen, dafür stetig aufs Neue Kassa machen.

„Torrance ist leidenschaftlich, mutig, gewissenhaft, übernimmt Verantwortung. Ich denke, er hat viel von mir in sich“, sagt Butler selbstbewusst. „Zugleich ist er oft unglaublich hilflos und emotional, wenn er eine Sache durchzieht, und das bin ich definitiv auch.“ Butler gluckst, ihm sitzt schon wieder der Schalk im Nacken. „Plane“ hat er auch produziert. „Ich bin gerne der Kapitän, von der Idee für einen Film angefangen, über das Drehbuch bis zur Besetzung.“

Er ist gern der Boss 

Erarbeitet hat er sich diesen Status mit seinem Durchbruch als Leonidas I., König von Sparta, in der blutrünstigen Comic-Verfilmung „300“. „This is Sparta!“, bis heute ist das ein geflügeltes Wort. Was danach, also nach 2006 kam, war vor allem der Erfolg einer Trilogie. In „Olympia Has Fallen“ rettet er den US-Präsidenten und das Weiße Haus, der Film zog zwei Fortsetzungen nach sich.

Viele der liebsten Momente in meinem Leben waren Augenblicke, in denen die Dinge wirklich sehr schlecht um mich standen – und ich in großer Gefahr war.
 

Die Idee vom Kapitän, eben der Boss zu sein, der sagt, wo’s langgeht, gefällt Butler, er wiederholt sie zwei- bis dreimal. Es sei, was er mit seiner Rolle am meisten gemein habe, sagt er. „Ich liebe diese Verantwortung, ich genieße den Druck, der damit verbunden ist. Überhaupt: Wenn einem in einer Situation das Adrenalin in den Körper schießt. Viele der liebsten Momente in meinem Leben waren Augenblicke, in denen die Dinge wirklich sehr schlecht um mich standen und ich in großer Gefahr war.“

Schlägereien und Lebensretter

Butler, der Draufgänger. Jetzt kommt er ins Erzählen. Schottland, seine Heimat, sei ein tolles Land, sagt er grinsend. Aber dort würden auch verrückte Sachen passieren. „Einmal musste ich diesen Kerl retten, der von einer Gruppe von sechs Typen schlimm verprügelt wurde. Ich bin hin und hab ihn da rausgezogen. Ich dachte, das könnte jetzt auch mir den Garaus machen.“

Ein anderes Mal habe er einen Buben vor dem Ertrinken in einem Fluss gerettet, dessen Hilfeschreie er gehört habe, worauf er ins Wasser sprang und ihn aus den Fluten holte. „Ich befürchtete schon, er sei tot.“

Der Vorfall ist verbürgt, Butler erhielt dafür eine Tapferkeitsurkunde. „In solchen Momenten muss man sich beweisen.“ Nämlich seinen Mut und seine Führungsqualitäten, erklärt Butler, sowie seine Fähigkeit, unter Druck zu funktionieren. Und zwar ohne sich etwas anmerken zu lassen.

Knallharter Krieger: Butler im blutrünstigen Epos „300“, vom historischen Kampf der Spartaner gegen eine persische Übermacht. „This is Sparta!“

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All das trägt er mit lauter, tiefer Stimme vor, ausholenden Gesten, man muss sich den Star vorstellen wie einen Kumpel, der am Hocker neben einem im Lieblingspub sitzt. Selbst wenn er von einer üblen Barschlägerei erzählt, klingt es bei ihm, als hätte er die beste Zeit seines Lebens gehabt. Irgendwie wünscht man sich, dabei gewesen zu sein.

Knapp dem Tod entronnen

So kommt es auch, dass sich selbst adrenalingeladene Nahtod-Erlebnisse bei Butler anhören wie eine Anekdote vom Wochenende. „Als ich für den Film Fliegen lernte, wäre ich mit dem Hubschrauber beinahe abgestürzt – und das gleich zweimal“, erzählt er, und hält zwei Finger in die Höhe.

Ich landete im Krankenhaus, wo sie mich wiederbeleben und mein Herz neu zum Schlagen bringen mussten.

Hätte er bloß mal die Paddelstangen richtig bedient. Die stabilisieren das Ding, damit es horizontal ausbalanciert in der Luft liegt. „Ich habe die Paddel in die falsche Richtung gedrückt, wodurch der Helikopter plötzlich anfing, sich heftig um sich selbst zu drehen“, so Butler, grinst und reißt die Hände hoch, mit denen er jetzt schnelle, wilde Kreise in die Luft schneidet. Gerade noch mal gut gegangen.

Ein anderes Mal sei er nach Hawaii geflogen, um den berühmten „Big Wave“-Surfer Laird Hamilton zu besuchen. „Doch es wurde spät und wir flogen in stockdunkler Nacht zwischen den Inseln. Auf 400 Meter Höhe erzählte ich meinem Fluglehrer eine Geschichte. Als die Pointe kam, lachte er, doch als wir auf den Höhenmeter sahen, hatten wir in 30 Sekunden 340 Meter an Höhe verloren, flogen nur noch 60 Meter über dem Boden. Da wurde er sehr wütend auf mich ...“

Lebensgefährlich am Limit

Das war’s? Noch lange nicht. Ein schwerer Motorradunfall wäre da noch, verrät Butler. Und beim Dreh eines Surffilms drückten ihn ein paar große Wellen unter Wasser, er wäre beinahe ertrunken. „Es war furchtbar. Ich landete im Krankenhaus, wo sie mich wiederbeleben und mein Herz neu zum Schlagen bringen mussten.“ Nachsatz, herzhaft lachend: „Es gibt noch mehr, aber ich will niemanden langweilen. Ich bin einfach nur erstaunt, dass ich noch lebe.“

Angeberei ist das keine. Nah am Leben zu sein passt zu Butler. Manchmal auch ganz nah am Tod. Auf jeden Fall bleibt er rasant. Und ohne allzu viele Schnörkel um sich rum, wie in seinen Filmen. Was echte Helden sind, hat er dabei nicht aus dem Auge verloren.

„Das ukrainische Volk hat die Welt enorm inspiriert“, doziert Butler. „Aus demselben Grund drehen sich meine Filme gern um Heldentum, Aufopferung, Edelmut und Integrität.“ Jetzt wird der Schauspieler zum Mann mit Mission: „Man kann diese Filme auf sein eigenes Leben umlegen. Man muss nicht unbedingt ein Flugzeug notlanden oder Rebellen bekämpfen, aber sie können etwas im Kleinen bewirken. Manchmal müssen die Leute etwas sehen, das sie aufrüttelt – über Helden, die Fehler machen, die verletzlich sind, aber ihr Bestes geben.“

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Redakteur KURIER Freizeit. Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine, Gründer einer PR- und Medienagentur und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schreibt über Kultur, Gesellschaft, Stil und mehr. Interviews vom Oscar-Preisträger bis zum Supermodel, von Quentin Tarantino über Woody Allen bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Mag Nouvelle Vague-Filme und Haselnusseis.

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