Die Sonne ist ein Erdloch: Ugo Rondinone im Belvedere 21

Michael Huber

von Michael Huber

Belvedere 21. Eine neue Installation des Schweizer Künstlers Ugo Rondinone setzt der Entschleunigung ein Denkmal – und gräbt tief im Zitatenschatz der Kunstgeschichte

Wenn Ugo Rondinone eine Ausstellung plant, dann, sagt Kurator Axel Köhne, könne man sich das wie eine musikalische Komposition vorstellen: Der gebürtige Schweizer, der längst zu den international gefragten Größen der Gegenwartskunst zählt, habe in seinem New Yorker Atelier stets ein Modell des zu bespielenden Raums; in diesem platziere er seine Skulpturen, Bilder, Objekte dann im Sinn einer übergeordneten Aussage.

Die Elemente, mit denen der Künstler wie mit Akkorden oder Tönen hantiert, schleppen dabei einigen Ballast mit sich herum: Sonne und Mond, Tag und Nacht, Regenbogen und Dämmerung, Dauer und Vergänglichkeit sind einige der Begriffspaare, denen man bei Rondinone wiederholt begegnet – Motive, deren Darstellung ohne Kitsch sich heute kaum noch denken lässt. Auch am Titel von Rondinones Präsentation im Wiener Belvedere 21, „Akt in der Landschaft“ (bis 1. 5. 2022), hängt ein kunsthistorischer Rattenschwanz: Man muss etwa nur im KHM bei Tizians Venusdarstellungen vorbeischauen.

Neuromantiker

Aber es erstaunt dann doch, wie das Konzert aus Skulptur, Bildern, Blick- und Lichteffekten, das Rondinone im luftigen Erdgeschoß des einstigen Weltausstellungspavillons komponiert hat, das romantische Vokabular neu denkt. Der Künstler mit lang zurückreichender Österreich-Verbindung – er begann als Assistent von Hermann Nitsch und studierte an der „Angewandten“ bei Oswald Oberhuber und Ernst Caramelle – setzt nämlich bei aller Schlauheit der Anspielungen voll auf Sinnlichkeit.

Den Überwältigungseffekt – Ästhetik-Auskenner sprechen vom „Erhabenen“ – besorgen dabei zwei massive Stellwände, die mit einem ausgeklügelten System mit dunkler Erde überzogen wurden. „Landscapes“, also Landschaften, nennt sie der Künstler – wobei die Landschaft hier eben nicht gemalt wurde, sondern direkt an der Wand klebt.

©Johannes Stoll/Belvedere

Dennoch fungieren die raumteilenden Wände auch gleichermaßen als Bilder – Löcher, die für Durchblicke in den Raum sorgen, sollen für Sonne und Mond stehen.

Statt einem Mönch am Meer platzierte Rondinone aber Tänzerinnen und Tänzer am Acker: Wachsabgüsse realer Personen, im Moment der Entspannung oder auch Erschöpfung wiedergegeben, bevölkern die Szenerie. Man erfährt, dass dem Wachs Erdpigmente aus verschiedenen Weltgegenden beigemischt wurden, die Figuren sind also sozusagen Erdenbürger.

©Johannes Stoll/Belvedere

Aus der Zeit gefallen

Ziffernblätter einer Uhr ohne Zeiger – in gelb, rot und blau – lassen als drittes Element ähnlich wie Kirchenfenster Licht von außen einfallen; die restlichen Glasflächen, die den Blick auf den Schweizergarten freigeben, wurden mit Folie etwas abgedunkelt.

Das Gefühl der Entschleunigung und des Zeitstillstandes, das die Installation vermittelt, sei „zufällig auch ein guter Kommentar zu unserer Zeit“, meint Kurator Köhne, der die Schau mit Rondinone nach mehrfacher Verschiebung und lockdownbedingter Verspätung nun endlich eröffnen konnte.

Dass gewisse Dinge abseits unserer gewohnten Zeitrechnung existieren, thematisierte Rondinone immer wieder – etwa mit dem Abguss eines 2000 Jahre alten Olivenbaums, der 2012 im Wiener Theseustempel ausgestellt war. Die Installation im Belvedere 21 ist nun ebenfalls ein guter Ort, um einen Schritt zurück aus der Mühsamkeit der Gegenwart zu tun: Am Ende ist irgendwo auch ein Regenbogen.

Michael Huber

Über Michael Huber

Michael Huber, 1976 in Klagenfurt geboren, ist seit 2009 Redakteur im Ressort Kultur & Medien mit den Themenschwerpunkten Bildende Kunst und Kulturpolitik. Er studierte Publizistik und Kunstgeschichte und kam 1998 als Volontär erstmals in die KURIER-Redaktion. 2001 stieg er in der Sonntags-Redaktion ein, wo er für die Beilage "kult" über Popmusik schrieb und das erste Kurier-Blog führte. Von 2006-2007 war Michael Huber Fulbright Student und Bollinger Fellow an der Columbia University Journalism School in New York City, wo er ein Programm mit Schwerpunkt Kulturjournalismus mit dem Titel „Master of Arts“ abschloss. Als freier Journalist veröffentlichte er Artikel u.a. bei ORF ON Kultur, in der Süddeutschen Zeitung, der Kunstzeitung und in den Magazinen FORMAT, the gap, TBA und BIORAMA.

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